68 Exposure
Einen Augenblick starrte ich sie mit offenem Mund an. „Er wird was?“
„Sterben“, sagte sie so leise, dass ich es fast nicht verstand. Dann ging sie zum Fenster und sah nachdenklich hinaus. Von dort aus blickte man nicht auf die riesige Terrasse, sondern direkt auf die Straße. Für einen Moment starrte sie hinunter und wirkte sehr in sich gekehrt.
„Und wie kannst du das verhindern?“, fragte ich, immer noch ziemlich ratlos.
„Indem ich ihm mein Knochenmark und mein Blut gebe“, sie hauchte es fast nur. So als hätte sie Angst, dass ich es hören könnte.
„Hat er so was wie Leukämie?“ Ich trat neben sie ans Fenster, und blickte ebenfalls hinaus. Unter uns tobte das Leben einer pulsierenden Großstadt. Autos fuhren durch die Straßen, Menschen liefen hektisch hin und her. Von dem Geräuschpegel war durch die Fenster nichts mehr zu hören, aber selbst so, war es faszinierend einfach zuzusehen, wie viele Menschen sich an einem Fleck sammeln konnten. Jeder hatte eine Geschichte, jeder hatte ein Leben, genau wie ich und Bella.
„Nein“, seufzte sie nach einer Weile. „Schlimmer. Es nennt sich multiples Mylenom. Dabei handelt es sich um eine Krebserkrankung des Rückenmarks. Vorrangig greift es die Knochen an, und führt zu einer Anämie. Das Problem ist, dass es bei Aro relativ spät erkannt wurde. Der Arzt hielt es erst für Osteoporose. Nach seiner Diagnose hat ihm der Arzt noch drei bis vier Jahre gegeben. Mit Chemobehandlung.“
„Wie lange ist das jetzt her?“
„Sieben Jahre.“
Das waren mehr als fünf. Und deutlich mehr als drei bis vier. War es wirklich so, dass sie ihn am Leben hielt? Dass er auf sie angewiesen war? Abhängig von ihrem Blut?
Wie ein Vampir...
„Aber wieso ausgerechnet du?“, erwiderte ich etwas lauter. „Es gibt 300 Millionen Menschen in den USA. Wie hat er da gerade dich gefunden? Pullman ist ja nun kein Vorort von New York, oder? Gab es keinen besseren Spender? Es kann doch nicht nur dich geben!“ Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, warum seine Wahl ausgerechnet auf meine Bella gefallen war. Vielleicht wäre sie zu mir zurückgekehrt... irgendwann.
Ich redete mich etwas in Rage, aber irgendwie kam mir so langsam der Verdacht, dass der Typ sich ihre Situation zu nutze gemacht hatte. So eine alleinstehende Schwangere war ja ein leichtes Opfer, vor allem wenn man bedachte, wie jung sie zu dem Zeitpunkt noch gewesen war. Jung und leicht zu beeinflussen…
Bella legte ihr Hand an die Scheibe und sah weiter hinunter, ohne mich anzuschauen. Es fiel ihr leichter ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie mir nicht in die Augen sehen musste. „Nein. Aro und ich…wir sind beide eine Laune der Natur...irgendwie. Obwohl…eigentlich ist die Bezeichnung auch nicht richtig. Ich denke….etwas Besonderes trifft es besser. Ja, so hat er uns immer genannt…wir sind etwas Besonderes. Wir haben beide Blutgruppe AB, Rhesusfaktor negativ, Kell-positiv. Alleine das AB-negativ reduziert die Auswahl schon erheblich. Aber das Kell-positiv lässt es zur Nadel im Heuhaufen werden. Und dann gibt es ja noch weitere Werte, die passen müssen. Beim Blut ist es nicht ganz so schlimm, aber für das Knochenmark muss alles stimmen.“
„Aber irgendwie hat er dich doch dann trotzdem gefunden, oder?“ Wie findet man so jemanden? So weit ich wusste, war Bella nie Blut spenden gewesen, oder hatte sich typisieren lassen. Er hatte ja bestimmt keine Anzeige aufgegeben, woraufhin sie sich gemeldet hätte. Bella hatte damals ganz andere Sorgen. Wie sie unsere Zwillinge durchbringen sollte, zum Beispiel. Ihre Erklärung kam aber sofort und ich schüttelte den Kopf über meine eigene Naivität.
„Während der Schwangerschaft wurde mir Blut abgenommen. Für die üblichen Test, Toxoplasmose, Clamydien und solchen Kram. Da mein Arzt nicht genau wusste, wie er sich in meinem Fall verhalten sollte, hat er eine Probe nach Seattle geschickt. Und Aro hatte Anfragen in allen größeren Krankenhäusern des Landes laufen.“ Ihre Fingerkuppen tippten nervös auf der Scheibe herum. Es war nicht leicht für sie, darüber zu reden.
„Anfragen?“ Ging das denn so einfach?
Ich hätte gerne einmal AB-negativ, Kell-positiv bitte... möglichst weiblich, jung und hübsch... schwanger wäre auch toll...
„Er hat die Labore bestochen“, kam es leise. „Mit genügend Geld geht alles.“
So viel zu meiner Welterfahrenheit! Der Kerl war vielleicht krank, aber er hatte Geld wie Heu. Natürlich kam er an alle Informationen ran, die er benötigte. Doch eines machte mich noch stutzig.
„Und warum wusste dein Arzt nicht, wie er sich verhalten sollte? Du warst doch schwanger und nicht krank, oder?“
Bella drehte ihren Kopf, so dass sie mich direkt ansah. „Rhesusfaktor negativ, Kell-positiv, Zwillinge... ich war das Bilderbuchbeispiel einer Risikoschwangerschaft“, ratterte sie runter, als würde das alles erklären. Sie seufzte. „Einen solchen Fall wie mich hatte der Arzt noch nie gehabt. Verständlicherweise.“ Sie schnaubte. „Er hatte einfach Angst, dass es Komplikationen geben könnte. Und wollte sich diese Bürde nicht auferlegen.“
„Aber Aro kam dann doch nicht etwa einfach anmarschiert, und hat gesagt, dass er dein Blut braucht, oder?“
„Nein“, sie schüttelte den Kopf und wandte den Blick dann wieder aus dem Fenster. „Er hat ein 'zufälliges' Treffen im Krankenhaus arrangiert. Wir haben uns im Wartebereich öfters getroffen und einfach unterhalten. Über belanglose Sachen. Er hat mir erzählt, er wäre wegen seiner Krankheit dort. Aber ich traute mich nicht zu fragen, was er hatte. Er sah damals schon ziemlich schlecht aus. Ich hatte da schon auf eine Art Krebs getippt. Als Jake mal nicht mitkonnte, hatte Aro mich einfach gefragt, wo denn der Kindsvater sei. Da hab ich ihm alles erzählt. Es tat einfach gut, mit einer neutralen Person darüber zu reden.“
Für einen Moment herrschte Stille, und ich versuchte das alles irgendwie in meinem Kopf zu ordnen.
Der Typ hatte wirklich riesiges Glück gehabt. Findet einen potentiellen Spender, der gerade versucht seine Vergangenheit zu begraben. Fand jemanden wie Bella, die es durch ihre schier endlose Hilfsbereitschaft nicht übers Herz brächte, jemandem einfach seinem Schicksal zu überlassen. Sie war jemand, der immer erst an andere dachte und dann an sich selbst. Aro Volturi hatte sich das zunutze gemacht, um sein Überleben zu sichern, aber dabei ihr Leben einfach vereinnahmt. Er absorbierte sie einfach, im wahrsten Sinne…nahm sich ihr Blut, ihr Rückenmarkt….Ihre Stimme durchbrach meine wütenden Gedanken.
„Irgendwann erzählte er mir dann von seiner Krankheit“, fuhr Bella auf einmal fort. „Und offenbarte mir, dass ich seine einzige Chance wäre, noch ein wenig länger zu überleben. Dann hat er mir einen Deal angeboten.“
„Einen Deal?“
„Er würde dafür sorgen, dass meine Kinder und ich versorgt wären. Dass ich mir nie Gedanken machen bräuchte, wenn ich ihm Gegenzug bei ihm bleiben und ihm mein Blut und Knochenmark zur Verfügung stellen würde.“
Ich schluckte. „Also hast du tatsächlich… deinen Körper verkauft?“ Langsam schüttelte ich den Kopf. Es von ihr selbst zu hören, war ganz anders, als es nur zu vermuten. „Wie konntest du nur so etwas tun? Bist du jetzt sein lebendes Ersatzteillager, oder was? Wie oft braucht er denn was?“
Bella zuckte unter meinen harschen Worten etwas zusammen. „Knochenmark alle zwölf Wochen, Blut, je nach dem, was der Arzt sagt, etwa alle zwei Wochen.“ Sie sah mich nicht an beim Sprechen.
„Das ist wirklich das abgefuckteste, was ich je gehört habe, ehrlich!“ Ich redete mich erneut in Rage. „Du kannst doch nicht deinen Körper hergeben für... für Geld. Das ist krank!“
„Du reagierst fast genauso wie Jasper“, kam es leise von ihr.
Jasper? Er wusste auch davon?
Sie drehte ihr Gesicht zögerlich wieder in meine Richtung. „Er hatte schon das Telefon in der Hand und wollte dich anrufen, damit du mich wieder zur Vernunft bringst.“ Ein scheues Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Anrufen? Mich?“
Sie nickte. „Aber ich habe ihn abgehalten.“
„Warum?“
Bella senkte den Blick. „Weil ich nicht wollte, dass du siehst, was für ein Monster ich geworden bin. Und weil ich Angst hatte, dass du mich nicht sehen wollen würdest. Eigentlich rechne ich immer noch damit, dass du jeden Moment schreiend raus rennst.“
Zärtlich legte ich ihr den Finger unters Kinn und hob ihren Kopf, bis sie mir in die Augen blicken musste.
„Natürlich wollte ich dich sehen. In all den Jahren habe ich nie eine andere Frau angerührt..“
„Ich weiß“, flüsterte sie. „Anscheinend hab ich dich für das gesamte weibliche Geschlecht verdorben.“ Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. „Es tut mir leid. Ehrlich. Ich wünschte, ich könnte die Zeit..“
„Shhh“, unterbrach ich sie und legte ihr den Finger auf die Lippen. „Lass die Vergangenheit ruhen, du kannst deine Entscheidungen nicht mehr ungeschehen machen. Vielleicht gibt es ja noch eine...“
Ein Hüsteln stoppte meinen Satz. Erschrocken fuhren wir beide herum.
„Aro hat angerufen“, kam es von Seth. „Er hatte einen kurzen Krampfanfall. Der Arzt meinte, es wäre besser, wenn du kommst.“
Bella nickte seufzend. „Die Kleinen schlafen noch?“
„Yepp. Der Wagen ist in drei Minuten da. Embry und Quil werden dich begleiten. Jake ist schon vor Ort. Ich bleibe hier.“
„In Ordnung“, sie atmete tief ein und wandte sich dann an mich. „Bleibst du hier? Bitte!“
Wie um alles in der Welt hätte ich diesem flehenden Blick widerstehen sollen?
Ich nickte knapp und ihr Gesicht hellte sich etwas auf.
„In einer Stunde bin ich zurück.“ Damit verschwand sie im Fahrstuhl, in dem bereits zwei dunkel gekleidete Typen auf sie warteten. Ebenfalls Indianer. Anscheinend hatte sich halb La Push zu ihrer Rettung versammelt. Irgendwie war der Gedanke beruhigend, dass sie während all der Jahre etwas Vertrautes um sich gehabt hatte.
Seth steckte die Hände in die Hosentaschen und kam auf mich zugeschlendert. „Ist alles okay?“, fragte er mitfühlend. „Am Anfang ist alles ganz schön heftig, oder?“
Langsam nickte ich. „Wie lange bist du schon hier?“
„Etwas mehr als drei Jahre.“ Er stellte sich auf den Platz, an dem bis eben noch Bella gestanden hatte. „Nach dem ersten Anschlag auf Bella hatte Jake mich angerufen und gefragt, ob ich einen Job brauche. Ich war völlig von den Socken von ihm zu hören, denn nach seinem Weggang hatte er sich nie mehr gemeldet. Richtig geschockt war ich aber erst, nachdem ich Bella und die Knirpse gesehen hatte. Ich hatte zwar davon gehört, dass ihr euch getrennt hattet, und wusste, dass sie mit Jake zu seiner Schwester gegangen war... aber die Beiden zu sehen, war echt heftig. Ich meine, die Vaterschaft kannst du ja schlecht abstreiten, oder?“
Kurz sah ich zu der Bilderwand, auf der mich mein Haarschopf in drei Variationen nahezu hundertfach anlächelte, und schüttelte dann den Kopf. Das konnte ich wirklich nicht, dafür sahen mir meine Kinder zu ähnlich. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus…meine Kinder. Das hörte sich verdammt gut an.
Ein paar Minuten lag sahen wir schweigend aus dem Fenster.
„Sie liebt dich immer noch“, kam es plötzlich von Seth. „Auch wenn sie es sich nicht eingestehen will... oder kann.“
Verwirrt sah ich zu ihm. Woher wollte er das denn wissen?
Er lächelte. „Edward, ich wohne seit fast drei Jahren hier und Bella spricht im Schlaf. Muss ich mehr sagen?“
„Sie träumt von mir?“
„Fast jede Nacht.“ Sein Blick wurde ernst. „Beim ersten Mal habe ich gedacht, jemand versucht sie abzumurksen so laut hat sie geschrien.“ Er machte eine kleine Pause. „Es sind verschiedene Träume. Sie ruft deinen Namen, bettelt dich an nicht zu gehen, sagt dass sie dich liebt, es ihr leid tut...manchmal weint sie auch einfach nur. Deswegen sind die Zimmer der Kinder in einer anderen Ecke. Sie will sie nicht wecken.“
„Sie weiß, dass sie schlecht träumt?“
„Sie hat wohl die Kinder dadurch ein paar Mal wach gemacht. Und als ich mitten in der Nacht mit gezogener Waffe vor ihrem Bett stand, wurde ihr klar, dass es so nicht weitergehen kann. Sie geht seit dem zu einem Psychologen, aber ganz aufgehört haben die Träume nicht. Sind nur etwas seltener geworden.“
Sie liebte mich? Immer noch?
„Aber warum hat sie sich nie bei mir gemeldet? Wir hätten doch eine Lösung finden können.“
Seth drehte seinen Kopf und grinste. „Weil sie ein verdammter Angsthase ist. Ich versuche schon seit Jahren, sie zu überzeugen, dass sie dich bei dir melden soll. Gefahr hin oder her.“
„Gefahr?“, fragte ich irritiert.
„Hast du die Narben nicht bemerkt? Oder warst du zu abgelenkt?“ Er zwinkerte mir zu.
Ich spürte, wie meine Wangen etwas rot wurden. Seth wusste wirklich, was wir im Büro getan hatten. Aber woher? Waren die Kameras etwa doch an gewesen?
„Öhm“, machte ich ausweichend.
„Keine Angst, ich hab weder was gesehen oder gehört. Aber man sah es euch an.“ Dann gluckste er.
„Okay. Ich gehe einfach mal davon aus, dass du einen Blick auf ihren Rücken erhaschen konntest, und dass sie dir erzählt hat, wie es dazu kam. Wahrscheinlich hat sie gehofft, dass du dann schreiend die Flucht ergreifst.“
Gehofft? Ich sah ihn verwirrt an.
„Bella ist ziemlich zerrissen, weißt du. Einerseits wünscht sie sich nichts sehnlicher, als deine Nähe. Andererseits denkt sie, du würdest sie hassen und fürchtet deine Zurückweisung.“
Gespielt boxte er mich gegen die Schulter. „Jedenfalls bin ich froh, dass Jasper sie überreden konnte Kontakt mit dir aufzunehmen.“
„Er hat sie überredet?“ Ungläubig sah ich zu ihm.
„Oh ja“, Seth kicherte. „Er hat ihr ziemlich zugesetzt. Jasper ist ja der Meinung, dass Aro sie ausnutzt, dass sie ihm wortwörtlich ihre Seele verkauft hätte. Aber Bella sieht immer nur seine Krankheit und das er sterben würde. Aber Fakt ist, sie könnte ihm das Knochenmark und Blut auch geben, ohne den ganzen Schnickschnack. Aber dieser Kerl hat nicht zugelassen, dass sie ihr Leben weiterführt. Er ist da sehr besitzergreifend. Und sie ist dadurch natürlich an ihn gebunden..“
„Du magst ihn nicht, oder?“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Sagen wir es mal so. Für ihn würde ich mir keine Kugel einfangen.“
„Daddy“, brüllten in diesem Moment zwei Stimmen. Schnell drehte ich mich herum und hockte mich hin, um meine Kinder in den Arm zu nehmen. Sie waren beide barfuss und steckten in gestreiften Schlafanzügen mit Winnie Puh drauf. Fest drückte ich sie an mich.
„Seth?“ Ich sah kurz zu ihm auf. „Danke.“
„Wofür?“, kam es überrascht von ihm.
„Für alles. Dafür, dass du für Bella da warst, als ich es nicht konnte.“
Das Lied zum Chap The Pierces mit „Secret“ (http://www.youtube.com/watch?v=HzNFwxsSPwU)
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Dienstag, 8. Februar 2011
Sonntag, 30. Januar 2011
67 - Jane und Alec
67 Jane und Alec
EPOV
Ich sollte meine Kinder kennenlernen? Jetzt gleich?
„Kann… kann ich mich vorher noch anziehen?“, stotterte ich etwas überrumpelt und Bella kicherte.
„Ich glaube, das geht gerade noch.“
Sie stand auf und sammelte ihre Sachen zusammen. Danach zogen wir uns schweigend an.
Während ich wieder in meine Kleidung schlüpfte ließ ich mir noch mal alles durch den Kopf gehen. So richtig begriffen hatte ich das Ganze immer noch nicht. Es war mir einfach unbegreiflich, in WAS für eine Lage sie da hinein geraten war.
Und ich wusste auch nicht, ob es richtig gewesen war, mit ihr zu schlafen. Ich kannte noch immer nicht den genauen Grund, der sie davon abgehalten hatte zu mir zurückzukehren. Aber beim Anblick ihres halbnackten Körpers und dem Gefühl ihrer warmen Haut, hatte sich mein Verstand verabschiedet. Ein anderes Körperteil hatte die Kontrolle übernommen und alles andere wurde unwichtig.
Was nach der lange Zeit eigentlich kein Wunder war...
Allerdings war es ja nicht so, dass ich sie zum Sex zwingen musste. Im Gegenteil. Sie wollte es genauso sehr wie ich und hatte vermutlich sogar noch mehr Angst davor gehabt, zurückgewiesen zu werden, als ich.
Ein beklemmendes Gefühl beschlich mich, als ich an den Satz dachte, den sie sich unter mein Konterfei hatte stechen lassen.
Ich will nur, dass du glücklich bist, auch wenn ich nie Dein sein kann, um dein Glück zu teilen...
Irgendwie machte das den Eindruck, als hätte sie keine Hoffnung mehr gehabt, mich jemals wiederzusehen. Konnte es sein, dass sie wirklich NIE wieder in ihr altes Leben zurück wollte? Oder konnte? Ich dachte an die Mordanschläge die auf sie verübt worden waren. Vielleicht war es schlichtweg zu gefährlich und sie wollte die Menschen die ihr was bedeuteten nur schützen.
Aber dieser Satz unter meinem Tattoo bestätigte mir auch das, was sie mir damals geschrieben hatte. Sie wollte, dass ich ein neues Glück fand. Liebte sie mich wirklich so sehr, dass sie dafür auf ihr eigenes Glück verzichtete? Oder waren ihre Gefühle für mich schon längst erkaltet? Hatte ich sie vorhin doch nur überrumpelt, und ihr Herz gehörte schon längst jemand anderem? Aber dann hätte sie sich wohl kaum mein Porträt in ihre Haut ritzen lassen. Es war alles ziemlich verwirrend.
„Bist du bereit?“, kam es plötzlich von Bella, die wieder wie aus dem Ei gepellt, t in bester Miss Marie Manier vor mir stand. Ich nickte.
„Okay“, sie drückte einen Knopf, der sich an ihrer Bluse befand. „Six Four Three online.“ Dann lächelte sie mich an, ehe sie fortfuhr. „Six Two One, bringst du bitte die Kleinen hoch?“ Den Kopf leicht schieflegend schien sie irgendwem zu lauschen. Erst jetzt fiel mir der transparente Stecker auf, den sie im Ohr hatte.
Mir wurde siedend heiß. Hatte uns etwa die ganze Zeit jemand hören können?
Ich keuchte hörbar auf und schluckte hart. Bella sah mich einen Moment verwirrt an, ehe sie weitersprach. „Okay, bis gleich. Six Four Three offline.“ Dann grinste sie mich frech an. „Falls du jetzt Angst hast, uns könnte jemand belauscht haben, kann ich dich beruhigen. Ich war offline. Und die Kameras deaktiviert.“
Kameras? In dem Büro waren Kameras? Vorsichtig blickte ich mich um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken.
„Bist du dir sicher?“, hakte ich nach. Nicht das einer die peinliche Nummer auf Youtube stellte. Edward Cullen, der neue Mr. Minute.
„Ganz sicher“, beruhigend strich sie mir über die Wange. „Ich würde nie zu lassen, das jemand was gegen dich in der Hand hat.“ Ihr Blick wurde ernst.
Plötzlich wurde die Tür hinter uns aufgerissen, und irgendwas Kleines prallte gegen mein Bein. Bella trat lächelnd einen Schritt zurück und ich sah das kleine Mädchen vom Park. Mir durchfuhr eine Mischung aus purer Freude und Übelkeit, weil ich nicht wusste, was jetzt von mir erwartet wurde. Konnte ich der Rolle als Vater gerecht werden? Wollten Bella und die Kinder das überhaupt?
„Daddy“, brüllte das kleine Ding und schlang die Arme um meine Beine.
„Jane“, kam es leicht tadelnd von Bella. „Komm erst einmal her und begrüße ihn richtig, bevor du ihn totmurkelst.“
Meine Beine wurden aus ihrer Gefangenschaft befreit, die Kleine stellte sich neben Bella und sah mich breit lächelnd an. „Hallo Daddy!“
Sie war wunderhübsch und schon so selbstbewusst. Stolz stieg in mir auf, während ich sie mir genau ansah. Ihre langen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Die Haarfarbe entsprach tatsächlich der meinen, ebenso ihre Augenfarbe. Nur an den Gesichtszügen konnte man ein klein wenig von Bella erkennen. Jane trug eine Jeanslatzhose und darunter ein weißes Longsleeve. Sie sah irgendwie aus wie ein kleiner Draufgänger.
Schien eine Menge Papa in sich zu haben...
„Sorry, Bella“, kam es plötzlich von der Tür, „Der kleine Wirbelwind ist mir ausgerissen. Ich hab nur gesagt, dass wir zu dir hoch gehen, und schon war sie mit einem ‚Daddy Daddy’ Gekreische losgerannt. Du kennst sie ja.“
Seth stellte sich neben mich und gab mir lächelnd die Hand. „Hallo, Edward.“
„Hallo, Seth“, gab ich ebenso lächelnd zurück. Er hatte ein Gesicht, da konnte man gar nicht anders, als ich anzulächeln. Er wirkte immer noch so kindlich. Eher so, als müsste man ihn beschützen, als umgekehrt. Kaum vorzustellen, dass er sich für Bella Kugeln eingefangen hatte und als ihr Leibwächter arbeitete.
Hinter seinen Beinen versteckte sich ein kleiner Junge. Mein kleiner Junge. Vorsichtig spähte er mit einem Auge hervor. Anscheinend war er nicht so ein Draufgänger und ein wenig schüchtern.
„Alec, sei nicht so ein Angsthase!“, kam es von seiner Schwester, und sie zerrte ihm am Arm hinter Seth hervor. Fast ängstlich sah er zu mir hoch. „Hallo“, kam es leise von ihm. Seine Gesichtszüge waren etwas weicher, als die seiner Schwester, aber sonst war er ihr – bis auf seine strubbeligen Haare – zum Verwechseln ähnlich.
Langsam ließ ich mich auf die Knie sinken, und starrte die beiden einfach nur an. Es war ein überwältigendes Gefühl die beiden so vor mir zu sehen. Zu wissen, dass sie aus mir hervorgegangen waren und mein Blut durch ihre Adern floss. Ich hob die Hand und strich Jane über die Wange. Sie legte ihre kleine Hand darüber und schmiegte sich hinein. Eine Geste, die mich sehr an die Bella von früher erinnerte.
Im nächsten Moment lag Jane in meinen Armen und schluchzte an meinem Hals. Und auch ich konnte meine Tränen nicht länger zurückhalten und nahm dieses wundervolle Wesen fest in die Arme.
Selbst Alec löste sich aus seiner Starre und kuschelte sich neben seine Schwester und damit auch an mich. Auch ihn schloss ich in die Umarmung mit ein, und drückte sie ganz fest an mich. In dieser Sekunde schwor ich mir, dass Nichts und Niemand mich jemals wieder von meinen Kindern trennen konnte. Keine Macht der Welt würde das schaffen, keine Kugeln… keine reichen Firmenbosse…noch nicht mal Bella.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Bella das Gesicht abwendete. Ihre Schultern bebten verdächtig, auch ihr ging das sehr nahe. Seth trat zu ihr, reichte ihr ein Taschentuch und legte dann den Arm um ihre Schultern.
„Bleibst du jetzt bei uns?“, kam es nach einer Weile von Jane, die sich ihre Tränen am Ärmel abwischte und laut den Rotz in der Nase hochzog. Alec sah mich einfach nur mit großen Augen an.
Offensichtlich war er extrem schüchtern
Bella hatte sich anscheinend wieder halbwegs gefangen und hockte sich hinter die beiden. Ihre Augen waren gerötet, und ihre Stimme klang rau. „Euer Daddy bleibt erstmal eine Weile hier.“ Sie sah mich bittend an, und ich nickte. Wie hätte ich da nein sagen sollen? Die Chance meine Kinder endlich richtig kennenzulernen, würde ich mir von nichts und niemandem mehr nehmen lassen.
Alec drehte sich zu seiner Mutter und schmiegte sich mit einem „Mommy“ in ihren Arm, während Jane mir wieder um den Hals fiel.
„Das ist schön“, kam es fröhlich von ihr. Die Tränen waren versiegt, ich würde bleiben und so war ihre Welt wohl wieder in Ordnung. „Ich muss dir doch mein Zimmer zeigen! Wenn du willst, kannst du auch bei mir im Zimmer schlafen! In meinem Bett ist genug Platz für uns beide! Und ich zeige dir alle meine Puppen! Und meine Autorennbahn!“ Anscheinend hatten die Plappergene von Alice irgendwie bei ihr Einzug gehalten. Ob wir als Kleinkinder auch so verschieden gewesen waren?
„Ich glaube, dein Daddy wird bei Mommy im Zimmer schlafen“, kam es grinsend von Seth, der feixend zwischen uns beiden hin und her sah.
Mist! War uns etwa anzusehen, was wir gerade getan hatten?
Verdammt! So ihm Nachhinein fiel mir auch auf, dass wir uns überhaupt nicht um die Verhütung gekümmert hatten. Was, wenn ich sie erneut geschwängert hatte? Der Anruf bei meinen Eltern würde bestimmt interessant werden...
Hey, ich habe Bella getroffen, sie hat zwei Kinder und in neun Monaten das Dritte. Ist das nicht toll?
„Wie wäre es, wenn wir nach Hause fahren und uns Pizza bestellen?“, kam es jetzt von Bella.
Bei dem Jubelschrei von Jane fielen mir fast die Ohren ab. Und auch Alec strahlte plötzlich über das ganze Gesicht.
Zehn Minuten später saßen wir in einer abgedunkelten Limousine – die Kinder natürlich in Kindersitzen – und fuhren quer durch die Stadt. Während der Fahrt erzählte Jane mir alles über ihre Freunde und ihr Spielzeug. Alec taute langsam auf, und warf immerhin schon mal hier und da eine Bemerkung ein.
Seth telefonierte während der Fahrt, aber ich verstand kein Wort von dem was er sagte, da er anscheinend in Quileute sprach. Einmal fragte er Bella etwas, die ihm dann in derselben Sprache antwortete. Und auch Alec rief ihm dann irgendwas zu, worüber Jane kicherte. So wie es aussah, hatte sie die beiden zweisprachig erzogen. Was ich sehr ungewöhnlich fand, aber auch die starke Bindung Bellas zu ihren indianischen Freunden unterstrich. Immerhin waren sie noch ein Teil ihres Lebens, während sie alle anderen daraus ausgeschlossen hatte.
Wir fuhren eine ganze Weile, ehe Seth in die Tiefgarage eines Gebäudekomplexes abbog. Das Tor öffnete sich vor uns und schloss sich anschließend gleich wieder. Im Fahrstuhl legte Bella ihren Finger auf einen Scanner, und wir wurden direkt in ihre Wohnung gebracht. Der Dauer der Fahrt nach zu urteilen, war es das Penthouse.
Ein heller, lichtdurchfluteter Raum empfing uns, als die Fahrstuhltüren sich öffneten.
Interessiert blickte ich mich um. Vor uns erstreckte sich ein riesiges Wohnzimmer. Die Front war komplett aus Glas und gab den Blick auf eine begrünte Terrasse frei, hinter der sich die Skyline von New York erstreckte. Die Wände waren teilweise in Backsteinoptik gehalten. An der einen Seite schien die Wand komplett aus Bildern zu bestehen. Von meinem Standpunkt aus konnte ich allerdings nicht erkennen, was sich darauf befand.
„Die Pizzen müssten schon da sein“, unterbrach Seth mein Starren. Jane packte mich an der Hand und zog mich hinter sich her in die wohnliche Küche. Auf dem großen Holztisch standen mehre Schachteln mit Pizza.
So wie es aussah, hatte Seth schon aus dem Auto bestellt.
Bella nahm einen Pizzaschneider aus einem Schubfach und zerteilte eine Pizza nach der anderen in Stücke. Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass Jane und Alec beide dieselbe Pizza wie ich aßen. Geschmack war wohl doch erblich. Wir aßen schweigend – oder im Falle der Kinder – leise schmatzend.
Nachdem wir fertig waren, entsorgte Bella die Pappschachteln und stellte jedem ein Glas Saft hin.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Jane freudig, während sie mit dem Strohhalm Blubberblasen in ihrem Orangensaft machte.
„Jetzt ist Mittagschlaf dran“, kam es von Alec, der seinen Strohhalm so hielt, dass er beim Trinken schlürfende Geräusche erzeugte. Ich musste grinsen, weil er so ein verantwortungsbewusstes Kerlchen war. Das hatte er eindeutig nicht von mir.
„Och nö“, Jane machte eine Schnute, und ich konnte mir ein weiteres Lächeln nicht verkneifen. Die beiden waren wirklich süß. Ich verfiel ihnen mit jeder Sekunde mehr. Es waren großartige Kinder und Bella hatte sie wundervoll erzogen.
„Daddy?“, sie blinkerte jetzt tatsächlich mit den Augen. Es war kaum zu glauben! Sie wollte mich tatsächlich um den Finger wickeln, um ihren Willen durchzusetzen. So ein gerissenes kleines Ding….
„Kommt ihr zwei“, ergriff jetzt Seth das Wort, „Es geht ab in die Falle. Wenn ihr lieb seid, lese ich euch auch noch was vor.“
„Auja!“ Alec strahlte ihn an. „Können wir dann bei dir im Bett schlafen?“
Seth sah zu Bella, die lächelnd nickte.
Im nächsten Moment waren die Zwerge aus der Küche gestürmt.
„Wollt ihr nicht wenigstens 'gute Nacht' sagen?“, rief ihnen Seth kopfschüttelnd hinterher. Er hatte wohl die letzten Jahre ein wenig die Vaterposition übernommen. Ich war aber nicht böse, sondern dankbar, dass er sich so liebevoll um die beiden kümmerte. Aber irgendwo auch eifersüchtig.
Lärmend kamen die zwei wieder hineingerannt und gaben Bella und mir einen Kuss auf die Wange. Selbst Alec schreckte nicht zurück. Anschließend packten sie Seth an den Händen und zogen ihn hinaus.
Dann war es still in der Küche.
„Wollen wir ins Wohnzimmer gehen?“, fragte mich Bella leise und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür.
„Okay“, erwiderte ich und folgte ihr.
„Wohnt Seth auch hier?“, fragte ich, während wir hinüber gingen.
„Ja“, antwortete Bella. Er hat ein Zimmer in der Nähe der Kinder. Seit dem zweiten Überfall hat er einen 24/7 Job.“ Leise seufzend ließ sie sich auf die Couch nieder.
Ich lief an ihr vorbei und trat an die Bilderwand.
Es waren bestimmt hundert Fotos, die in verschiedenen Größen an der Wand hingen. Auf vielen waren Jane und Alec. Ganz klein als Babies, und dann langsam etwas größer werdend. Dazwischen erkannte ich Seth und... Jake. Er schien noch muskulöser geworden zu sein. Und auf einigen Bildern sah ich mein Gesicht. Teilweise waren es Fotos, die eindeutig entstanden waren, nachdem sie mich verlassen hatte.
Hatte sie mich etwa beobachten lassen?
Ein größeres Bild in der Mitte zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Darauf zu erkennen war Bella, von schräg oben fotografiert. Ihre Haare waren unter einer grünen OP-Kappe versteckt. An ihrem Kopf lagen zwei winzige Wesen.
„Es war ein Kaiserschnitt“, hörte ich plötzlich Bella hinter mir und fuhr erschrocken herum. „Jane hatte sich in meinem Becken verklemmt. Ich hab den Chefarzt Sonntag früh um vier aus dem Bett geholt.“
Mit den Fingerspitzen fuhr ich über ihr Gesicht auf dem Bild. Sie sah erschöpft aus. „Wo sind sie geboren?“
„Hier, in New York“, antwortete sie leise und schmiegte sich von hinten an meinen Rücken. Ihre Hände lagen dabei auf meiner Brust. Sie machte das, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und ich merkte, dass ich nicht das Geringste dagegen hatte. Im Gegenteil. Ich genoss das.
„Warum hat dich Aro adoptiert? Hat er keine eigenen Kinder?“
„Nein“, kam es seufzend von ihr. „Er war mal verheiratet, aber er ist leider unfruchtbar. Die Ehe ging später in die Brüche.“
„Wozu braucht er dich? Ich meine, du bist nicht mit ihm verwandt, aber wenn er mal stirbt, dann erbst du seinen Anteil, oder? Warum tut er das? Wie kommt er ausgerechnet auf dich?“
Warum hat er dich mir weggenommen?
Ich spürte, wie Bella sich hinter mir versteifte.
„Das in ein paar Sätzen zu erklären ist schwierig.“ Sie löste sich von mir und lehnte sich vor mir an die Wand um mich ansehen zu können. „Versprichst du mir, dass du mich ausreden lässt, bevor du ein Urteil fällst?“
Ich nickte langsam. War es denn so schlimm?
„Gut“, sie nahm einen tiefen Atemzug. „Zuerst musst du wissen, dass die Anteile in der A.M.C. Company nicht gleichmäßig verteilt sind. Marcus und Caius gehören je 24 Prozent. Der Rest gehört Aro.“
Das hieße ja, dass er die Mehrheit hätte. Und Bella irgendwann die komplette Firma erben würde. Kein Wunder, dass man sie versuchte zu töten...
„Aro brauchte einen Erben für sein Lebenswerk. Und er hat mich gewählt.“
„Aber warum? Doch bestimmt nicht einfach so, oder?“ Der Typ wollte doch garantiert irgendeine Gegenleistung. Scheiße, sie schlief doch nicht etwa mit ihm?
Meine Gedanken waren mir anscheinend anzusehen gewesen, denn Bella rief: „Nein, nein, nicht so was. Es ist anders. Er braucht mich.“
„Er braucht dich?“
Sie nickte langsam. „Ohne mich würde er sterben, Edward.“
Das Lied zum Chap Band of Horses mit „Life on Earth“ aus dem Eclipse OST... http://www.youtube.com/watch?v=5XEk-uvb1c8
EPOV
Ich sollte meine Kinder kennenlernen? Jetzt gleich?
„Kann… kann ich mich vorher noch anziehen?“, stotterte ich etwas überrumpelt und Bella kicherte.
„Ich glaube, das geht gerade noch.“
Sie stand auf und sammelte ihre Sachen zusammen. Danach zogen wir uns schweigend an.
Während ich wieder in meine Kleidung schlüpfte ließ ich mir noch mal alles durch den Kopf gehen. So richtig begriffen hatte ich das Ganze immer noch nicht. Es war mir einfach unbegreiflich, in WAS für eine Lage sie da hinein geraten war.
Und ich wusste auch nicht, ob es richtig gewesen war, mit ihr zu schlafen. Ich kannte noch immer nicht den genauen Grund, der sie davon abgehalten hatte zu mir zurückzukehren. Aber beim Anblick ihres halbnackten Körpers und dem Gefühl ihrer warmen Haut, hatte sich mein Verstand verabschiedet. Ein anderes Körperteil hatte die Kontrolle übernommen und alles andere wurde unwichtig.
Was nach der lange Zeit eigentlich kein Wunder war...
Allerdings war es ja nicht so, dass ich sie zum Sex zwingen musste. Im Gegenteil. Sie wollte es genauso sehr wie ich und hatte vermutlich sogar noch mehr Angst davor gehabt, zurückgewiesen zu werden, als ich.
Ein beklemmendes Gefühl beschlich mich, als ich an den Satz dachte, den sie sich unter mein Konterfei hatte stechen lassen.
Ich will nur, dass du glücklich bist, auch wenn ich nie Dein sein kann, um dein Glück zu teilen...
Irgendwie machte das den Eindruck, als hätte sie keine Hoffnung mehr gehabt, mich jemals wiederzusehen. Konnte es sein, dass sie wirklich NIE wieder in ihr altes Leben zurück wollte? Oder konnte? Ich dachte an die Mordanschläge die auf sie verübt worden waren. Vielleicht war es schlichtweg zu gefährlich und sie wollte die Menschen die ihr was bedeuteten nur schützen.
Aber dieser Satz unter meinem Tattoo bestätigte mir auch das, was sie mir damals geschrieben hatte. Sie wollte, dass ich ein neues Glück fand. Liebte sie mich wirklich so sehr, dass sie dafür auf ihr eigenes Glück verzichtete? Oder waren ihre Gefühle für mich schon längst erkaltet? Hatte ich sie vorhin doch nur überrumpelt, und ihr Herz gehörte schon längst jemand anderem? Aber dann hätte sie sich wohl kaum mein Porträt in ihre Haut ritzen lassen. Es war alles ziemlich verwirrend.
„Bist du bereit?“, kam es plötzlich von Bella, die wieder wie aus dem Ei gepellt, t in bester Miss Marie Manier vor mir stand. Ich nickte.
„Okay“, sie drückte einen Knopf, der sich an ihrer Bluse befand. „Six Four Three online.“ Dann lächelte sie mich an, ehe sie fortfuhr. „Six Two One, bringst du bitte die Kleinen hoch?“ Den Kopf leicht schieflegend schien sie irgendwem zu lauschen. Erst jetzt fiel mir der transparente Stecker auf, den sie im Ohr hatte.
Mir wurde siedend heiß. Hatte uns etwa die ganze Zeit jemand hören können?
Ich keuchte hörbar auf und schluckte hart. Bella sah mich einen Moment verwirrt an, ehe sie weitersprach. „Okay, bis gleich. Six Four Three offline.“ Dann grinste sie mich frech an. „Falls du jetzt Angst hast, uns könnte jemand belauscht haben, kann ich dich beruhigen. Ich war offline. Und die Kameras deaktiviert.“
Kameras? In dem Büro waren Kameras? Vorsichtig blickte ich mich um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken.
„Bist du dir sicher?“, hakte ich nach. Nicht das einer die peinliche Nummer auf Youtube stellte. Edward Cullen, der neue Mr. Minute.
„Ganz sicher“, beruhigend strich sie mir über die Wange. „Ich würde nie zu lassen, das jemand was gegen dich in der Hand hat.“ Ihr Blick wurde ernst.
Plötzlich wurde die Tür hinter uns aufgerissen, und irgendwas Kleines prallte gegen mein Bein. Bella trat lächelnd einen Schritt zurück und ich sah das kleine Mädchen vom Park. Mir durchfuhr eine Mischung aus purer Freude und Übelkeit, weil ich nicht wusste, was jetzt von mir erwartet wurde. Konnte ich der Rolle als Vater gerecht werden? Wollten Bella und die Kinder das überhaupt?
„Daddy“, brüllte das kleine Ding und schlang die Arme um meine Beine.
„Jane“, kam es leicht tadelnd von Bella. „Komm erst einmal her und begrüße ihn richtig, bevor du ihn totmurkelst.“
Meine Beine wurden aus ihrer Gefangenschaft befreit, die Kleine stellte sich neben Bella und sah mich breit lächelnd an. „Hallo Daddy!“
Sie war wunderhübsch und schon so selbstbewusst. Stolz stieg in mir auf, während ich sie mir genau ansah. Ihre langen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Die Haarfarbe entsprach tatsächlich der meinen, ebenso ihre Augenfarbe. Nur an den Gesichtszügen konnte man ein klein wenig von Bella erkennen. Jane trug eine Jeanslatzhose und darunter ein weißes Longsleeve. Sie sah irgendwie aus wie ein kleiner Draufgänger.
Schien eine Menge Papa in sich zu haben...
„Sorry, Bella“, kam es plötzlich von der Tür, „Der kleine Wirbelwind ist mir ausgerissen. Ich hab nur gesagt, dass wir zu dir hoch gehen, und schon war sie mit einem ‚Daddy Daddy’ Gekreische losgerannt. Du kennst sie ja.“
Seth stellte sich neben mich und gab mir lächelnd die Hand. „Hallo, Edward.“
„Hallo, Seth“, gab ich ebenso lächelnd zurück. Er hatte ein Gesicht, da konnte man gar nicht anders, als ich anzulächeln. Er wirkte immer noch so kindlich. Eher so, als müsste man ihn beschützen, als umgekehrt. Kaum vorzustellen, dass er sich für Bella Kugeln eingefangen hatte und als ihr Leibwächter arbeitete.
Hinter seinen Beinen versteckte sich ein kleiner Junge. Mein kleiner Junge. Vorsichtig spähte er mit einem Auge hervor. Anscheinend war er nicht so ein Draufgänger und ein wenig schüchtern.
„Alec, sei nicht so ein Angsthase!“, kam es von seiner Schwester, und sie zerrte ihm am Arm hinter Seth hervor. Fast ängstlich sah er zu mir hoch. „Hallo“, kam es leise von ihm. Seine Gesichtszüge waren etwas weicher, als die seiner Schwester, aber sonst war er ihr – bis auf seine strubbeligen Haare – zum Verwechseln ähnlich.
Langsam ließ ich mich auf die Knie sinken, und starrte die beiden einfach nur an. Es war ein überwältigendes Gefühl die beiden so vor mir zu sehen. Zu wissen, dass sie aus mir hervorgegangen waren und mein Blut durch ihre Adern floss. Ich hob die Hand und strich Jane über die Wange. Sie legte ihre kleine Hand darüber und schmiegte sich hinein. Eine Geste, die mich sehr an die Bella von früher erinnerte.
Im nächsten Moment lag Jane in meinen Armen und schluchzte an meinem Hals. Und auch ich konnte meine Tränen nicht länger zurückhalten und nahm dieses wundervolle Wesen fest in die Arme.
Selbst Alec löste sich aus seiner Starre und kuschelte sich neben seine Schwester und damit auch an mich. Auch ihn schloss ich in die Umarmung mit ein, und drückte sie ganz fest an mich. In dieser Sekunde schwor ich mir, dass Nichts und Niemand mich jemals wieder von meinen Kindern trennen konnte. Keine Macht der Welt würde das schaffen, keine Kugeln… keine reichen Firmenbosse…noch nicht mal Bella.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Bella das Gesicht abwendete. Ihre Schultern bebten verdächtig, auch ihr ging das sehr nahe. Seth trat zu ihr, reichte ihr ein Taschentuch und legte dann den Arm um ihre Schultern.
„Bleibst du jetzt bei uns?“, kam es nach einer Weile von Jane, die sich ihre Tränen am Ärmel abwischte und laut den Rotz in der Nase hochzog. Alec sah mich einfach nur mit großen Augen an.
Offensichtlich war er extrem schüchtern
Bella hatte sich anscheinend wieder halbwegs gefangen und hockte sich hinter die beiden. Ihre Augen waren gerötet, und ihre Stimme klang rau. „Euer Daddy bleibt erstmal eine Weile hier.“ Sie sah mich bittend an, und ich nickte. Wie hätte ich da nein sagen sollen? Die Chance meine Kinder endlich richtig kennenzulernen, würde ich mir von nichts und niemandem mehr nehmen lassen.
Alec drehte sich zu seiner Mutter und schmiegte sich mit einem „Mommy“ in ihren Arm, während Jane mir wieder um den Hals fiel.
„Das ist schön“, kam es fröhlich von ihr. Die Tränen waren versiegt, ich würde bleiben und so war ihre Welt wohl wieder in Ordnung. „Ich muss dir doch mein Zimmer zeigen! Wenn du willst, kannst du auch bei mir im Zimmer schlafen! In meinem Bett ist genug Platz für uns beide! Und ich zeige dir alle meine Puppen! Und meine Autorennbahn!“ Anscheinend hatten die Plappergene von Alice irgendwie bei ihr Einzug gehalten. Ob wir als Kleinkinder auch so verschieden gewesen waren?
„Ich glaube, dein Daddy wird bei Mommy im Zimmer schlafen“, kam es grinsend von Seth, der feixend zwischen uns beiden hin und her sah.
Mist! War uns etwa anzusehen, was wir gerade getan hatten?
Verdammt! So ihm Nachhinein fiel mir auch auf, dass wir uns überhaupt nicht um die Verhütung gekümmert hatten. Was, wenn ich sie erneut geschwängert hatte? Der Anruf bei meinen Eltern würde bestimmt interessant werden...
Hey, ich habe Bella getroffen, sie hat zwei Kinder und in neun Monaten das Dritte. Ist das nicht toll?
„Wie wäre es, wenn wir nach Hause fahren und uns Pizza bestellen?“, kam es jetzt von Bella.
Bei dem Jubelschrei von Jane fielen mir fast die Ohren ab. Und auch Alec strahlte plötzlich über das ganze Gesicht.
Zehn Minuten später saßen wir in einer abgedunkelten Limousine – die Kinder natürlich in Kindersitzen – und fuhren quer durch die Stadt. Während der Fahrt erzählte Jane mir alles über ihre Freunde und ihr Spielzeug. Alec taute langsam auf, und warf immerhin schon mal hier und da eine Bemerkung ein.
Seth telefonierte während der Fahrt, aber ich verstand kein Wort von dem was er sagte, da er anscheinend in Quileute sprach. Einmal fragte er Bella etwas, die ihm dann in derselben Sprache antwortete. Und auch Alec rief ihm dann irgendwas zu, worüber Jane kicherte. So wie es aussah, hatte sie die beiden zweisprachig erzogen. Was ich sehr ungewöhnlich fand, aber auch die starke Bindung Bellas zu ihren indianischen Freunden unterstrich. Immerhin waren sie noch ein Teil ihres Lebens, während sie alle anderen daraus ausgeschlossen hatte.
Wir fuhren eine ganze Weile, ehe Seth in die Tiefgarage eines Gebäudekomplexes abbog. Das Tor öffnete sich vor uns und schloss sich anschließend gleich wieder. Im Fahrstuhl legte Bella ihren Finger auf einen Scanner, und wir wurden direkt in ihre Wohnung gebracht. Der Dauer der Fahrt nach zu urteilen, war es das Penthouse.
Ein heller, lichtdurchfluteter Raum empfing uns, als die Fahrstuhltüren sich öffneten.
Interessiert blickte ich mich um. Vor uns erstreckte sich ein riesiges Wohnzimmer. Die Front war komplett aus Glas und gab den Blick auf eine begrünte Terrasse frei, hinter der sich die Skyline von New York erstreckte. Die Wände waren teilweise in Backsteinoptik gehalten. An der einen Seite schien die Wand komplett aus Bildern zu bestehen. Von meinem Standpunkt aus konnte ich allerdings nicht erkennen, was sich darauf befand.
„Die Pizzen müssten schon da sein“, unterbrach Seth mein Starren. Jane packte mich an der Hand und zog mich hinter sich her in die wohnliche Küche. Auf dem großen Holztisch standen mehre Schachteln mit Pizza.
So wie es aussah, hatte Seth schon aus dem Auto bestellt.
Bella nahm einen Pizzaschneider aus einem Schubfach und zerteilte eine Pizza nach der anderen in Stücke. Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass Jane und Alec beide dieselbe Pizza wie ich aßen. Geschmack war wohl doch erblich. Wir aßen schweigend – oder im Falle der Kinder – leise schmatzend.
Nachdem wir fertig waren, entsorgte Bella die Pappschachteln und stellte jedem ein Glas Saft hin.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Jane freudig, während sie mit dem Strohhalm Blubberblasen in ihrem Orangensaft machte.
„Jetzt ist Mittagschlaf dran“, kam es von Alec, der seinen Strohhalm so hielt, dass er beim Trinken schlürfende Geräusche erzeugte. Ich musste grinsen, weil er so ein verantwortungsbewusstes Kerlchen war. Das hatte er eindeutig nicht von mir.
„Och nö“, Jane machte eine Schnute, und ich konnte mir ein weiteres Lächeln nicht verkneifen. Die beiden waren wirklich süß. Ich verfiel ihnen mit jeder Sekunde mehr. Es waren großartige Kinder und Bella hatte sie wundervoll erzogen.
„Daddy?“, sie blinkerte jetzt tatsächlich mit den Augen. Es war kaum zu glauben! Sie wollte mich tatsächlich um den Finger wickeln, um ihren Willen durchzusetzen. So ein gerissenes kleines Ding….
„Kommt ihr zwei“, ergriff jetzt Seth das Wort, „Es geht ab in die Falle. Wenn ihr lieb seid, lese ich euch auch noch was vor.“
„Auja!“ Alec strahlte ihn an. „Können wir dann bei dir im Bett schlafen?“
Seth sah zu Bella, die lächelnd nickte.
Im nächsten Moment waren die Zwerge aus der Küche gestürmt.
„Wollt ihr nicht wenigstens 'gute Nacht' sagen?“, rief ihnen Seth kopfschüttelnd hinterher. Er hatte wohl die letzten Jahre ein wenig die Vaterposition übernommen. Ich war aber nicht böse, sondern dankbar, dass er sich so liebevoll um die beiden kümmerte. Aber irgendwo auch eifersüchtig.
Lärmend kamen die zwei wieder hineingerannt und gaben Bella und mir einen Kuss auf die Wange. Selbst Alec schreckte nicht zurück. Anschließend packten sie Seth an den Händen und zogen ihn hinaus.
Dann war es still in der Küche.
„Wollen wir ins Wohnzimmer gehen?“, fragte mich Bella leise und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür.
„Okay“, erwiderte ich und folgte ihr.
„Wohnt Seth auch hier?“, fragte ich, während wir hinüber gingen.
„Ja“, antwortete Bella. Er hat ein Zimmer in der Nähe der Kinder. Seit dem zweiten Überfall hat er einen 24/7 Job.“ Leise seufzend ließ sie sich auf die Couch nieder.
Ich lief an ihr vorbei und trat an die Bilderwand.
Es waren bestimmt hundert Fotos, die in verschiedenen Größen an der Wand hingen. Auf vielen waren Jane und Alec. Ganz klein als Babies, und dann langsam etwas größer werdend. Dazwischen erkannte ich Seth und... Jake. Er schien noch muskulöser geworden zu sein. Und auf einigen Bildern sah ich mein Gesicht. Teilweise waren es Fotos, die eindeutig entstanden waren, nachdem sie mich verlassen hatte.
Hatte sie mich etwa beobachten lassen?
Ein größeres Bild in der Mitte zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Darauf zu erkennen war Bella, von schräg oben fotografiert. Ihre Haare waren unter einer grünen OP-Kappe versteckt. An ihrem Kopf lagen zwei winzige Wesen.
„Es war ein Kaiserschnitt“, hörte ich plötzlich Bella hinter mir und fuhr erschrocken herum. „Jane hatte sich in meinem Becken verklemmt. Ich hab den Chefarzt Sonntag früh um vier aus dem Bett geholt.“
Mit den Fingerspitzen fuhr ich über ihr Gesicht auf dem Bild. Sie sah erschöpft aus. „Wo sind sie geboren?“
„Hier, in New York“, antwortete sie leise und schmiegte sich von hinten an meinen Rücken. Ihre Hände lagen dabei auf meiner Brust. Sie machte das, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und ich merkte, dass ich nicht das Geringste dagegen hatte. Im Gegenteil. Ich genoss das.
„Warum hat dich Aro adoptiert? Hat er keine eigenen Kinder?“
„Nein“, kam es seufzend von ihr. „Er war mal verheiratet, aber er ist leider unfruchtbar. Die Ehe ging später in die Brüche.“
„Wozu braucht er dich? Ich meine, du bist nicht mit ihm verwandt, aber wenn er mal stirbt, dann erbst du seinen Anteil, oder? Warum tut er das? Wie kommt er ausgerechnet auf dich?“
Warum hat er dich mir weggenommen?
Ich spürte, wie Bella sich hinter mir versteifte.
„Das in ein paar Sätzen zu erklären ist schwierig.“ Sie löste sich von mir und lehnte sich vor mir an die Wand um mich ansehen zu können. „Versprichst du mir, dass du mich ausreden lässt, bevor du ein Urteil fällst?“
Ich nickte langsam. War es denn so schlimm?
„Gut“, sie nahm einen tiefen Atemzug. „Zuerst musst du wissen, dass die Anteile in der A.M.C. Company nicht gleichmäßig verteilt sind. Marcus und Caius gehören je 24 Prozent. Der Rest gehört Aro.“
Das hieße ja, dass er die Mehrheit hätte. Und Bella irgendwann die komplette Firma erben würde. Kein Wunder, dass man sie versuchte zu töten...
„Aro brauchte einen Erben für sein Lebenswerk. Und er hat mich gewählt.“
„Aber warum? Doch bestimmt nicht einfach so, oder?“ Der Typ wollte doch garantiert irgendeine Gegenleistung. Scheiße, sie schlief doch nicht etwa mit ihm?
Meine Gedanken waren mir anscheinend anzusehen gewesen, denn Bella rief: „Nein, nein, nicht so was. Es ist anders. Er braucht mich.“
„Er braucht dich?“
Sie nickte langsam. „Ohne mich würde er sterben, Edward.“
Das Lied zum Chap Band of Horses mit „Life on Earth“ aus dem Eclipse OST... http://www.youtube.com/watch?v=5XEk-uvb1c8
Montag, 17. Januar 2011
DEJAVU - 65 - Miss Marie f.k.a Isabella Swan
65 Miss Marie f.k.a Isabella Swan
BPOV
Nervös tigerte ich in dem kleinen Raum auf und ab, und spielte dabei unentwegt mit dem Ring, den ich an einer Kette um den Hals trug.
Edward müsste jetzt schon bei Marcus sein.
Hoffentlich nahm er das Angebot an. Ihn hier, erst einmal ohne die Kinder zu treffen, war vielleicht besser. Einfacher. So konnten wir in Ruhe reden. Es wäre schrecklich, wenn er ausflippen würde und die Kinder wären in der Nähe.
Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, zu wem ich geworden war? Würde er es mich erklären lassen, wieso es dazu gekommen war? Oder würde er eher fluchtartig den Raum verlassen? Durfte ich überhaupt auf sein Verständnis hoffen?
Tausende Szenarien wirbelten in meinem Kopf umher.
Edward.... wie er schreiend weglief...
Edward.... wie er mich fragte, wie ich ihm das antun konnte
Edward... der sich von mir abwandte
Krampfhaft umschlossen meine Finger den Ring, den er mir einst geschenkt hatte, so als könnte ich ihn so bei mir halten.
Plötzlich hörte ich Jemanden hüsteln, und wandte mich erschrocken um. Hinter mir stand Marcus. Lächelnd.
„Er wartet in deinem Büro, mein Kind“, sagte er leise.
„O... okay“, stammelte ich. Allein der Gedanke daran, ihm gegenüber zu treten, ließ meine Knie weich werden.
Er legte seine Hände auf meine Schultern. „Edward scheint wirklich ein netter junger Mann zu sein, und noch dazu ist er wirklich sehr gutaussehend. Jane und Alec sind ihm wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Seine Augen glitzerten freudig.
Seufzend nickte ich. „Ich weiß, dass er sehr nett und attraktiv ist. Was ich aber nicht weiß, ist , ob er mir zuhören oder schreiend davonrennen wird.“
Marcus sah mich gütig an.
„Das kann ich dir leider auch nicht sagen, Kindchen. Aber ich bin mir sicher, er wird dir eine Chance geben, ihm alles zu erklären.“
„Aro wird nicht begeistert sein“, warf ich ein. Es grenzte schon an ein Wunder, dass wir es geschafft hatten das Treffen zu organisieren, ohne das er davon Wind bekam.
„Was Aro darüber denkt, ist egal“, knurrte Marcus schon fast aggressiv. „Es ist immer noch dein Leben. Und du kannst selber bestimmen. Hätte ich von Anfang an gewusst, was du zurück gelassen hast, wie er dich.. manipuliert hat... Ich wäre schon eher eingeschritten. Aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Du musst versuchen das Beste aus der jetzigen Situation zu machen. Er wird dich schon nicht gleich von sich stoßen. Vor allem nicht in deiner jetzigen Situation.“
Ich schlang meine Arme um ihn. „Ich hab Angst, Marcus.“
„Ich weiß, Kindchen, ich weiß. Es wird schon gut gehen. Und wegen dem anderen... hier gibt es genug, die auf dich aufpassen. Dir wird nichts geschehen. Und nun lauf, lass ihn nicht zu lange warten.“
Tief einatmend löste ich mich von ihm und ging aus der Tür. Zielstrebig lief ich auf mein Büro zu. Im Vorbeigehen bat ich Mrs. Cope keine Besucher oder Anrufe durchzustellen. Nichts und niemand durfte mir jetzt dazwischenfunken. Die nächsten Minuten würden entscheidend für mein ganzes weiteres Leben werden, da konnte ich keine Störung gebrauchen.
Endlich trat ich durch die Tür und sah ihn mit dem Rücken zu mir am Schreibtisch stehen. Mein Herz klopfte wie verrückt und meine Hände wurden feucht.
Augenblicklich wirbelte Edward herum. Seine Augen weiteten sich überrascht und er trat auf mich zu.
„Bella? Was tust du denn hier? Du kannst doch nicht einfach hier reinkommen! Miss Marie kann jeden Moment hereinkommen!“ Mein Anblick schien ihn wirklich von den Socken zu hauen, er wirkte komplett aufgelöst und sah mich völlig entgeistert an.
„Edward....“, begann ich, doch ich wurde von ihm unterbrochen.
„Du musst hier raus, schnell! Sie will mit mir den Vertrag unterschreiben, und wird bestimmt wütend, wenn sie dich hier drin findet! Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“
„Edward, ganz ruhig!“ Ich legte beschwichtigend meine Hände auf seine Oberarme. „Es ist alles in Ordnung!“
„Alles in Ordnung?“ Er schrie fast. „Wenn du hier erwischt wirst, dann…“ Er hörte kurz auf zu reden und sah mich prüfend an. „Sag mal, arbeitest du auch hier, oder wie kommst du überhaupt hier rein. Dann könntest du gefeuert werden, oder? Wie bist du überhaupt an dem Wachhund vor der Tür vorbeigekommen?“ Er redete sich immer weiter in Rage.
Um mich zu sammeln, sah ich kurz nach unten. Dann blickte ich ihm tief in die Augen.
„Edward, ich bin Miss Marie.“
Ich konnte förmlich zusehen, wie sein Unterkiefer runter klappte. Dann war ein paar Sekunden Ruhe.
„Du... du bist Miss Marie?“, kam es ungläubig.
Zur Bestätigung nickte ich langsam und bugsierte ihn rückwärts auf die Couch. Vorsichtig drückte ich ihn auf den Zweisitzer. Es war besser, er hörte sich alles nicht im Stehen an. Was ich ihm zu sagen hatte, könnte eine umwerfende Wirkung auf ihn haben.
„Aber... aber Miss Marie ist doch die Tochter von Aro Volturi, oder? Wie kann er dein Vater sein? Charlie ist doch dein Vater, oder? Hatte deine Mutter mal was mit ihm?“ Völlig fassungslos sah er mich an.
Langsam setzte ich mich neben ihn und nahm seine Hand. Vermutlich war es das Beste ihm einfach die Wahrheit zu sagen. „Er ist nicht mein biologischer Vater. Er hat mich adoptiert.“
„Aber wie? Was ist mit Charlie? Und deiner Mutter? Er kann dich noch nicht einfach adoptieren, oder? Und warum?“ Die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. Er entzog mir seine Hand und legte sie in seinen Schoß.
Ich schluckte.
War ja klar, dass die schwierigen Fragen gleich zu Beginn auftauchen würden...
Aber da musste ich jetzt durch.
„Mit genug Geld geht in diesem Land alles. Glaube mir. Und was Charlie und Renée angeht... die beiden habe ich auch seit über fünf Jahren nicht mehr gesehen. Sie denken, ich lebe mit Jake in Minnesota. Und sie wissen, nicht, dass ich ... wir Kinder haben.“
Edwards Gesicht glich einem einzigen Fragezeichen. „Warst... warst du die ganze Zeit hier? In New York? Wie bist du hier hergekommen?“ Unruhig spielte er mit seinen Fingern.
„Nein, ich war nicht die ganze Zeit hier. Zuerst.... zuerst war ich in La Push. Bei Jake.“ Vorsichtig sah ich ihn an. Sein Mundwinkel zuckte verdächtig. Aber es sah nicht nach Lachen aus.
„Bei Jake?“, fragte er nach.
War ja klar, dass ihn das verwirrte. Schließlich hatte der ihm ja ein blaues Auge verpasst. Gegen meinen Willen. Aber er musste ja unbedingt den großen Bruder raushängen lassen.
Ich nickte langsam.
„Du warst bei Jake...“, er schüttelte den Kopf und seufzte ungläubig. „Warum hast du nicht noch einmal mit mir geredet? Warum dieser Brief? Wir.... wir hätten das schon hinbekommen. Ich weiß, dass meine Reaktion nicht so war, wie du dir das gewünscht hattest. Aber das war nur der erste Schock. Ich hätte mich gefreut, wirklich.“
Nervös knetete ich meine Hände.
„Weißt du noch, was in dem Brief stand?“
Er nickte leise schnaubend. Natürlich wusste er es.
„Ich habe jedes Wort ernst gemeint.“ Mit dem Zeigefinger malte ich Kreise auf das Sofa. „Ich war der festen Überzeugung, dass es zwischen uns beiden nichts mehr werden würde. Jedesmal wenn wir glücklich waren, kam eine neue Schwierigkeit auf uns zu. Erst mein Gedächtnisverlust, dann Tanya. Und zum Schluss die Schwangerschaft. Ich... ich hatte einfach keine Kraft mehr und deine erste Reaktion hat mich einfach endgültig verunsichert. Für mich war es wie ein Zeichen, dass ich es endlich loslassen musste.“
„Also hast du uns einfach aufgegeben“, kam es ruhig von ihm. Sehr ruhig. Zu ruhig.
Tief atmete ich ein und nickte langsam. Er zog scharf die Luft ein.
„Ich sah einfach keine Möglichkeit mehr für uns, zusammen glücklich zu sein. Dieses Hin und Her machte mich fast wahnsinnig. Ich... ich hätte es nicht ausgehalten, dich vielleicht noch einmal zu verlieren. Also zog ich einen Schlussstrich. Ich dachte, dass wir so besser dran wären. Das wir einfach nicht zusammengehörten. Das ich nicht der passende Deckel für deinen Topf war. Das es eben nicht sein sollte und unsere Liebe nicht stark genug sei, um noch mehr Schwierigkeiten zu überstehen.“
„Aber du warst schwanger!“
„Zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht ganz sicher, ich schob es auf den Stress, den wir gehabt hatten.“
„Aber was war mit Charlie? Was hat er dazu gesagt?“
„Nicht sehr viel. Du kennst ihn ja. Ich bin mit Jake zu seiner Schwester Rachel nach Pullman gegangen und habe dort die Schule beendet. Er dachte, dass ich einfach nur Abstand brauchte. Was die Schwangerschaft anging, habe ich ihm einfach erzählt, es wäre nur falscher Alarm gewesen.“
„War es dann aber anscheinend doch nicht.“
„Nein“, fuhr ich seufzend fort. „Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Als ich anfing mich regelmäßig zu übergeben, hat mich Jake zu einem Arzt geschleppt.“
„Warum hast du dich dann nicht bei mir gemeldet?“
„Ich... ich hatte Angst.“
„Angst?“, er sah mich aus großen Augen an. „Wovor?“
„Davor, dass du vielleicht doch schon eine Neue hast“, ich flüsterte fast. „Ich dachte, es wäre eh zu spät, und ich wollte auch nicht, dass du dich zu was gezwungen fühlst. Ich... ich war schon im vierten Monat.“
„Du kamst nicht zurück, weil du dachtest, ich würde dann nur, wegen deiner Schwangerschaft mit dir zusammen sein?“ Er kniff die Augen zusammen und schüttelte kurz den Kopf.
Seufzend nickte ich.
„Das war total dämlich, weißt du!“ Er massierte sich die Nasenwurzel und stöhnte gequält.
Ich hätte jetzt gerne gewusst, was jetzt in seinem Kopf vorging.
„Ich weiß...ich...ich war so dumm damals und dachte ich könne das alles alleine schaffen. Irgendwie hatte ich gehofft, dass ich schon irgendwie klar kommen würde.“ Seufzend kniff ich die Augen zusammen. „Heute weiß ich, was für einen riesigen Fehler ich gemacht habe. Glaub mir, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich alles anders machen. Aber leider geht das nicht.“
Noch immer konnte ich nicht wirklich einschätzen, ob er mir verzeihen würde. Er war so verdammt ruhig. Da wäre es mir fast lieber gewesen, wenn er mich angeschrien hätte.
„Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen“, fügte ich noch an.
„Was meinst du? Doch nicht etwa unsere Kinder?“ Erschrocken blickte er zu mir.
„Nein, nein, um Gottes Willen. Alles andere. Das Drumherum.“ Ich machte eine ausladende Handbewegung.
„Komm doch einfach mit zu mir. Du und die Kinder.“ Er nahm meine Hände in Seine. Es fühlte sich einfach himmlisch an.
Lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Das geht nicht so einfach, Edward. Du ahnst nicht, wie eng ich gebunden bin.“
„Eng gebunden? Bist du etwa verheiratet?“ Schlagartig ließ er meine Hände los.
„Nein“, rief ich abwiegelnd. „Ich bin nicht verheiratet, es gibt nicht mal einen Mann in meinem Leben. Jedenfalls nicht in romantischer Hinsicht.“
„Aber was bindet dich dann?“
Unschlüssig kaute ich auf meiner Unterlippe.
Wie viel sollte ich ihm heute erzählen? War es vielleicht besser, wenn ich bestimmte Dinge ein wenig länger hinauszögerte? Wenigstens, bis er die Kinder gesehen hatte? Oder sollte ich ihm gleich alles beichten?
Zugern würde ich jetzt Marcus oder Seth um Rat fragen, aber von den beiden war ja keiner hier.
„Du... du musst mir nicht gleich alles erzählen“, kam es plötzlich von Edward, und ich blickte ihn erstaunt an. „Ich meine, wir haben ja Zeit, oder?“
Ich nickte.
„Und ich weiß ja jetzt schon eine ganze Menge über dich... was du getan hast...vielleicht reicht es auch erst einmal für heute. Es ist schon eine ganze Menge zu verdauen.“ Er seufzte, dann wandte er sich mir direkt zu.
„Und dieser Aro hat dich richtig adoptiert?“
„Mhmm“, machte ich nickend, und hoffte, dass er nicht nach dem Grund fragte. Noch nicht.
„Heißt du dann jetzt Isabella Volturi? Aber weswegen nennen sie dich Miss Marie?“
„Isabella Marie Volturi. Marie ist mein zweiter Vorname.“
Er nickte verstehend.
Dann zog er die Stirn kraus. „Und unsere Kinder?“
„Ebenfalls Volturi“, entgegnete ich. Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen.
Unsere Kinder....er hatte unsere Kinder gesagt. Es hörte sich einfach wundervoll an.
„Und deine Eltern wissen rein gar nichts davon? Wollten sie dich nie besuchen?“
„Nein, sie wissen nichts. Mit Charlie telefoniere ich manchmal, und Renée schickt mir E-Mails. Und um Besuche habe ich mich immer gedrückt. Wichtige Prüfungen oder Krankheiten vorgeschoben. Hat bisher ganz gut geklappt.“
Ich zuckte mit den Schultern. Manchmal fand ich es auch komisch, dass die beiden das so hinnahmen. Charlie war ja noch nie der gesellige Typ gewesen, und seid ein paar Jahren verbrachte er viel Zeit mit Sue, der Witwe von Harry Clearwater. Seth witzelte schon manchmal herum, dass wir verwandt wären, wenn die zwei Mal heiraten würden. Und wenn Leah und Jake sich mal auskäsen würden, wären wir dann alle eine große Familie.
Und Renée hatte sich ja noch nie wirklich um mich gekümmert.
Edward ließ seinen Blick grüblerisch in die Ferne schweifen. Er dachte angestrengt nach und sah schließlich wieder zu mir.
„Aro hat dich schon vor der Geburt der Zwillinge adoptiert.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja... etwa vier Wochen vorher.“
„Mhmm,“ Er sah nachdenklich aus.
„Wie passt eigentlich Seth in die ganze Sache hinein?“, platze es plötzlich aus ihm heraus. „Ich meine, ist er dein Freund?“
„Mein Freund?“ Ich schüttelte den Kopf. „Seth ist ein Freund und mein Bodyguard.“
„Bodyguard? Wozu brauchst du denn einen Bodyguard? Es weiß doch niemand wie du aussiehst!“
Okay, es wurde wohl Zeit, ihm wenigstens einen weiteren Teil der Wahrheit zu präsentieren.
„Das nicht, aber trotzdem ist er notwendig. Er ist ja auch nicht der Einzige.“
„Nicht?“ Er sah mich verwirrt an.
„Nun ja“, ich stand langsam auf. „In Seth' Fall kannst du das Bodyguard wörtlich nehmen. Er schützt meinen Körper.“ Zögerlich spielte ich an den Knöpfen meiner Bluse.
Sollte ich es wirklich tun? Oder würde es ihn zu sehr schocken? Aber irgendwann würde er es sowieso erfahren...musste es erfahren…
„Die anderen, meistens so ein halbes Dutzend, sind in etwas weiterem Abstand positioniert. Der einzige Ort, wo ich mich relativ frei bewegen kann, ist hier in diesem Gebäude.“
„Aber...weswegen?“, hakte er ungläubig nach.
Dann eben nicht auf die sanfte... dann eben auf die harte..
Rasch öffnete ich die Knöpfe meiner Bluse, was weiteres Erstaunen bei ihm auslöste.
„Bella... was tust du da?“
Als ich die Knöpfe komplett offen hatte, zog ich die Bluse aus dem Rock. Edwards Blick klebte an meiner Kette.
„Du... du hast den Ring noch“, stotterte er.
Dann drehte ich mich herum, schlüpfte aus dem rechten Ärmel, und ließ die Bluse herunterrutschen, so dass nur noch mein linkes Schulterblatt bedeckt war.
Ich hörte, wie er entsetzt aufkeuchte und sah über die Schulter zu ihm.
„Jemand versucht mich umzubringen, Edward.“
Das Lied zum Chap Muse mit „Blackout“
http://www.youtube.com/watch?v=s-z37uWadDk
BPOV
Nervös tigerte ich in dem kleinen Raum auf und ab, und spielte dabei unentwegt mit dem Ring, den ich an einer Kette um den Hals trug.
Edward müsste jetzt schon bei Marcus sein.
Hoffentlich nahm er das Angebot an. Ihn hier, erst einmal ohne die Kinder zu treffen, war vielleicht besser. Einfacher. So konnten wir in Ruhe reden. Es wäre schrecklich, wenn er ausflippen würde und die Kinder wären in der Nähe.
Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, zu wem ich geworden war? Würde er es mich erklären lassen, wieso es dazu gekommen war? Oder würde er eher fluchtartig den Raum verlassen? Durfte ich überhaupt auf sein Verständnis hoffen?
Tausende Szenarien wirbelten in meinem Kopf umher.
Edward.... wie er schreiend weglief...
Edward.... wie er mich fragte, wie ich ihm das antun konnte
Edward... der sich von mir abwandte
Krampfhaft umschlossen meine Finger den Ring, den er mir einst geschenkt hatte, so als könnte ich ihn so bei mir halten.
Plötzlich hörte ich Jemanden hüsteln, und wandte mich erschrocken um. Hinter mir stand Marcus. Lächelnd.
„Er wartet in deinem Büro, mein Kind“, sagte er leise.
„O... okay“, stammelte ich. Allein der Gedanke daran, ihm gegenüber zu treten, ließ meine Knie weich werden.
Er legte seine Hände auf meine Schultern. „Edward scheint wirklich ein netter junger Mann zu sein, und noch dazu ist er wirklich sehr gutaussehend. Jane und Alec sind ihm wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Seine Augen glitzerten freudig.
Seufzend nickte ich. „Ich weiß, dass er sehr nett und attraktiv ist. Was ich aber nicht weiß, ist , ob er mir zuhören oder schreiend davonrennen wird.“
Marcus sah mich gütig an.
„Das kann ich dir leider auch nicht sagen, Kindchen. Aber ich bin mir sicher, er wird dir eine Chance geben, ihm alles zu erklären.“
„Aro wird nicht begeistert sein“, warf ich ein. Es grenzte schon an ein Wunder, dass wir es geschafft hatten das Treffen zu organisieren, ohne das er davon Wind bekam.
„Was Aro darüber denkt, ist egal“, knurrte Marcus schon fast aggressiv. „Es ist immer noch dein Leben. Und du kannst selber bestimmen. Hätte ich von Anfang an gewusst, was du zurück gelassen hast, wie er dich.. manipuliert hat... Ich wäre schon eher eingeschritten. Aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Du musst versuchen das Beste aus der jetzigen Situation zu machen. Er wird dich schon nicht gleich von sich stoßen. Vor allem nicht in deiner jetzigen Situation.“
Ich schlang meine Arme um ihn. „Ich hab Angst, Marcus.“
„Ich weiß, Kindchen, ich weiß. Es wird schon gut gehen. Und wegen dem anderen... hier gibt es genug, die auf dich aufpassen. Dir wird nichts geschehen. Und nun lauf, lass ihn nicht zu lange warten.“
Tief einatmend löste ich mich von ihm und ging aus der Tür. Zielstrebig lief ich auf mein Büro zu. Im Vorbeigehen bat ich Mrs. Cope keine Besucher oder Anrufe durchzustellen. Nichts und niemand durfte mir jetzt dazwischenfunken. Die nächsten Minuten würden entscheidend für mein ganzes weiteres Leben werden, da konnte ich keine Störung gebrauchen.
Endlich trat ich durch die Tür und sah ihn mit dem Rücken zu mir am Schreibtisch stehen. Mein Herz klopfte wie verrückt und meine Hände wurden feucht.
Augenblicklich wirbelte Edward herum. Seine Augen weiteten sich überrascht und er trat auf mich zu.
„Bella? Was tust du denn hier? Du kannst doch nicht einfach hier reinkommen! Miss Marie kann jeden Moment hereinkommen!“ Mein Anblick schien ihn wirklich von den Socken zu hauen, er wirkte komplett aufgelöst und sah mich völlig entgeistert an.
„Edward....“, begann ich, doch ich wurde von ihm unterbrochen.
„Du musst hier raus, schnell! Sie will mit mir den Vertrag unterschreiben, und wird bestimmt wütend, wenn sie dich hier drin findet! Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“
„Edward, ganz ruhig!“ Ich legte beschwichtigend meine Hände auf seine Oberarme. „Es ist alles in Ordnung!“
„Alles in Ordnung?“ Er schrie fast. „Wenn du hier erwischt wirst, dann…“ Er hörte kurz auf zu reden und sah mich prüfend an. „Sag mal, arbeitest du auch hier, oder wie kommst du überhaupt hier rein. Dann könntest du gefeuert werden, oder? Wie bist du überhaupt an dem Wachhund vor der Tür vorbeigekommen?“ Er redete sich immer weiter in Rage.
Um mich zu sammeln, sah ich kurz nach unten. Dann blickte ich ihm tief in die Augen.
„Edward, ich bin Miss Marie.“
Ich konnte förmlich zusehen, wie sein Unterkiefer runter klappte. Dann war ein paar Sekunden Ruhe.
„Du... du bist Miss Marie?“, kam es ungläubig.
Zur Bestätigung nickte ich langsam und bugsierte ihn rückwärts auf die Couch. Vorsichtig drückte ich ihn auf den Zweisitzer. Es war besser, er hörte sich alles nicht im Stehen an. Was ich ihm zu sagen hatte, könnte eine umwerfende Wirkung auf ihn haben.
„Aber... aber Miss Marie ist doch die Tochter von Aro Volturi, oder? Wie kann er dein Vater sein? Charlie ist doch dein Vater, oder? Hatte deine Mutter mal was mit ihm?“ Völlig fassungslos sah er mich an.
Langsam setzte ich mich neben ihn und nahm seine Hand. Vermutlich war es das Beste ihm einfach die Wahrheit zu sagen. „Er ist nicht mein biologischer Vater. Er hat mich adoptiert.“
„Aber wie? Was ist mit Charlie? Und deiner Mutter? Er kann dich noch nicht einfach adoptieren, oder? Und warum?“ Die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. Er entzog mir seine Hand und legte sie in seinen Schoß.
Ich schluckte.
War ja klar, dass die schwierigen Fragen gleich zu Beginn auftauchen würden...
Aber da musste ich jetzt durch.
„Mit genug Geld geht in diesem Land alles. Glaube mir. Und was Charlie und Renée angeht... die beiden habe ich auch seit über fünf Jahren nicht mehr gesehen. Sie denken, ich lebe mit Jake in Minnesota. Und sie wissen, nicht, dass ich ... wir Kinder haben.“
Edwards Gesicht glich einem einzigen Fragezeichen. „Warst... warst du die ganze Zeit hier? In New York? Wie bist du hier hergekommen?“ Unruhig spielte er mit seinen Fingern.
„Nein, ich war nicht die ganze Zeit hier. Zuerst.... zuerst war ich in La Push. Bei Jake.“ Vorsichtig sah ich ihn an. Sein Mundwinkel zuckte verdächtig. Aber es sah nicht nach Lachen aus.
„Bei Jake?“, fragte er nach.
War ja klar, dass ihn das verwirrte. Schließlich hatte der ihm ja ein blaues Auge verpasst. Gegen meinen Willen. Aber er musste ja unbedingt den großen Bruder raushängen lassen.
Ich nickte langsam.
„Du warst bei Jake...“, er schüttelte den Kopf und seufzte ungläubig. „Warum hast du nicht noch einmal mit mir geredet? Warum dieser Brief? Wir.... wir hätten das schon hinbekommen. Ich weiß, dass meine Reaktion nicht so war, wie du dir das gewünscht hattest. Aber das war nur der erste Schock. Ich hätte mich gefreut, wirklich.“
Nervös knetete ich meine Hände.
„Weißt du noch, was in dem Brief stand?“
Er nickte leise schnaubend. Natürlich wusste er es.
„Ich habe jedes Wort ernst gemeint.“ Mit dem Zeigefinger malte ich Kreise auf das Sofa. „Ich war der festen Überzeugung, dass es zwischen uns beiden nichts mehr werden würde. Jedesmal wenn wir glücklich waren, kam eine neue Schwierigkeit auf uns zu. Erst mein Gedächtnisverlust, dann Tanya. Und zum Schluss die Schwangerschaft. Ich... ich hatte einfach keine Kraft mehr und deine erste Reaktion hat mich einfach endgültig verunsichert. Für mich war es wie ein Zeichen, dass ich es endlich loslassen musste.“
„Also hast du uns einfach aufgegeben“, kam es ruhig von ihm. Sehr ruhig. Zu ruhig.
Tief atmete ich ein und nickte langsam. Er zog scharf die Luft ein.
„Ich sah einfach keine Möglichkeit mehr für uns, zusammen glücklich zu sein. Dieses Hin und Her machte mich fast wahnsinnig. Ich... ich hätte es nicht ausgehalten, dich vielleicht noch einmal zu verlieren. Also zog ich einen Schlussstrich. Ich dachte, dass wir so besser dran wären. Das wir einfach nicht zusammengehörten. Das ich nicht der passende Deckel für deinen Topf war. Das es eben nicht sein sollte und unsere Liebe nicht stark genug sei, um noch mehr Schwierigkeiten zu überstehen.“
„Aber du warst schwanger!“
„Zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht ganz sicher, ich schob es auf den Stress, den wir gehabt hatten.“
„Aber was war mit Charlie? Was hat er dazu gesagt?“
„Nicht sehr viel. Du kennst ihn ja. Ich bin mit Jake zu seiner Schwester Rachel nach Pullman gegangen und habe dort die Schule beendet. Er dachte, dass ich einfach nur Abstand brauchte. Was die Schwangerschaft anging, habe ich ihm einfach erzählt, es wäre nur falscher Alarm gewesen.“
„War es dann aber anscheinend doch nicht.“
„Nein“, fuhr ich seufzend fort. „Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Als ich anfing mich regelmäßig zu übergeben, hat mich Jake zu einem Arzt geschleppt.“
„Warum hast du dich dann nicht bei mir gemeldet?“
„Ich... ich hatte Angst.“
„Angst?“, er sah mich aus großen Augen an. „Wovor?“
„Davor, dass du vielleicht doch schon eine Neue hast“, ich flüsterte fast. „Ich dachte, es wäre eh zu spät, und ich wollte auch nicht, dass du dich zu was gezwungen fühlst. Ich... ich war schon im vierten Monat.“
„Du kamst nicht zurück, weil du dachtest, ich würde dann nur, wegen deiner Schwangerschaft mit dir zusammen sein?“ Er kniff die Augen zusammen und schüttelte kurz den Kopf.
Seufzend nickte ich.
„Das war total dämlich, weißt du!“ Er massierte sich die Nasenwurzel und stöhnte gequält.
Ich hätte jetzt gerne gewusst, was jetzt in seinem Kopf vorging.
„Ich weiß...ich...ich war so dumm damals und dachte ich könne das alles alleine schaffen. Irgendwie hatte ich gehofft, dass ich schon irgendwie klar kommen würde.“ Seufzend kniff ich die Augen zusammen. „Heute weiß ich, was für einen riesigen Fehler ich gemacht habe. Glaub mir, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich alles anders machen. Aber leider geht das nicht.“
Noch immer konnte ich nicht wirklich einschätzen, ob er mir verzeihen würde. Er war so verdammt ruhig. Da wäre es mir fast lieber gewesen, wenn er mich angeschrien hätte.
„Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen“, fügte ich noch an.
„Was meinst du? Doch nicht etwa unsere Kinder?“ Erschrocken blickte er zu mir.
„Nein, nein, um Gottes Willen. Alles andere. Das Drumherum.“ Ich machte eine ausladende Handbewegung.
„Komm doch einfach mit zu mir. Du und die Kinder.“ Er nahm meine Hände in Seine. Es fühlte sich einfach himmlisch an.
Lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Das geht nicht so einfach, Edward. Du ahnst nicht, wie eng ich gebunden bin.“
„Eng gebunden? Bist du etwa verheiratet?“ Schlagartig ließ er meine Hände los.
„Nein“, rief ich abwiegelnd. „Ich bin nicht verheiratet, es gibt nicht mal einen Mann in meinem Leben. Jedenfalls nicht in romantischer Hinsicht.“
„Aber was bindet dich dann?“
Unschlüssig kaute ich auf meiner Unterlippe.
Wie viel sollte ich ihm heute erzählen? War es vielleicht besser, wenn ich bestimmte Dinge ein wenig länger hinauszögerte? Wenigstens, bis er die Kinder gesehen hatte? Oder sollte ich ihm gleich alles beichten?
Zugern würde ich jetzt Marcus oder Seth um Rat fragen, aber von den beiden war ja keiner hier.
„Du... du musst mir nicht gleich alles erzählen“, kam es plötzlich von Edward, und ich blickte ihn erstaunt an. „Ich meine, wir haben ja Zeit, oder?“
Ich nickte.
„Und ich weiß ja jetzt schon eine ganze Menge über dich... was du getan hast...vielleicht reicht es auch erst einmal für heute. Es ist schon eine ganze Menge zu verdauen.“ Er seufzte, dann wandte er sich mir direkt zu.
„Und dieser Aro hat dich richtig adoptiert?“
„Mhmm“, machte ich nickend, und hoffte, dass er nicht nach dem Grund fragte. Noch nicht.
„Heißt du dann jetzt Isabella Volturi? Aber weswegen nennen sie dich Miss Marie?“
„Isabella Marie Volturi. Marie ist mein zweiter Vorname.“
Er nickte verstehend.
Dann zog er die Stirn kraus. „Und unsere Kinder?“
„Ebenfalls Volturi“, entgegnete ich. Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen.
Unsere Kinder....er hatte unsere Kinder gesagt. Es hörte sich einfach wundervoll an.
„Und deine Eltern wissen rein gar nichts davon? Wollten sie dich nie besuchen?“
„Nein, sie wissen nichts. Mit Charlie telefoniere ich manchmal, und Renée schickt mir E-Mails. Und um Besuche habe ich mich immer gedrückt. Wichtige Prüfungen oder Krankheiten vorgeschoben. Hat bisher ganz gut geklappt.“
Ich zuckte mit den Schultern. Manchmal fand ich es auch komisch, dass die beiden das so hinnahmen. Charlie war ja noch nie der gesellige Typ gewesen, und seid ein paar Jahren verbrachte er viel Zeit mit Sue, der Witwe von Harry Clearwater. Seth witzelte schon manchmal herum, dass wir verwandt wären, wenn die zwei Mal heiraten würden. Und wenn Leah und Jake sich mal auskäsen würden, wären wir dann alle eine große Familie.
Und Renée hatte sich ja noch nie wirklich um mich gekümmert.
Edward ließ seinen Blick grüblerisch in die Ferne schweifen. Er dachte angestrengt nach und sah schließlich wieder zu mir.
„Aro hat dich schon vor der Geburt der Zwillinge adoptiert.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja... etwa vier Wochen vorher.“
„Mhmm,“ Er sah nachdenklich aus.
„Wie passt eigentlich Seth in die ganze Sache hinein?“, platze es plötzlich aus ihm heraus. „Ich meine, ist er dein Freund?“
„Mein Freund?“ Ich schüttelte den Kopf. „Seth ist ein Freund und mein Bodyguard.“
„Bodyguard? Wozu brauchst du denn einen Bodyguard? Es weiß doch niemand wie du aussiehst!“
Okay, es wurde wohl Zeit, ihm wenigstens einen weiteren Teil der Wahrheit zu präsentieren.
„Das nicht, aber trotzdem ist er notwendig. Er ist ja auch nicht der Einzige.“
„Nicht?“ Er sah mich verwirrt an.
„Nun ja“, ich stand langsam auf. „In Seth' Fall kannst du das Bodyguard wörtlich nehmen. Er schützt meinen Körper.“ Zögerlich spielte ich an den Knöpfen meiner Bluse.
Sollte ich es wirklich tun? Oder würde es ihn zu sehr schocken? Aber irgendwann würde er es sowieso erfahren...musste es erfahren…
„Die anderen, meistens so ein halbes Dutzend, sind in etwas weiterem Abstand positioniert. Der einzige Ort, wo ich mich relativ frei bewegen kann, ist hier in diesem Gebäude.“
„Aber...weswegen?“, hakte er ungläubig nach.
Dann eben nicht auf die sanfte... dann eben auf die harte..
Rasch öffnete ich die Knöpfe meiner Bluse, was weiteres Erstaunen bei ihm auslöste.
„Bella... was tust du da?“
Als ich die Knöpfe komplett offen hatte, zog ich die Bluse aus dem Rock. Edwards Blick klebte an meiner Kette.
„Du... du hast den Ring noch“, stotterte er.
Dann drehte ich mich herum, schlüpfte aus dem rechten Ärmel, und ließ die Bluse herunterrutschen, so dass nur noch mein linkes Schulterblatt bedeckt war.
Ich hörte, wie er entsetzt aufkeuchte und sah über die Schulter zu ihm.
„Jemand versucht mich umzubringen, Edward.“
Das Lied zum Chap Muse mit „Blackout“
http://www.youtube.com/watch?v=s-z37uWadDk
Samstag, 8. Januar 2011
DEJAVU - 64 - Turn me round
64 Turn me round
EPOV
Ich war wütend.
Verdammt wütend.
Eigentlich war wütend noch eine Untertreibung.
Meine eigene Schwester WUSSTE, dass ich zwei Kinder hatte, und sagte keinen Ton! Ebenso ihr feiner Ehemann, der sich gleichzeitig mein Freund schimpfte.
Schöner Freund war das.
Wie konnten die Beiden mir das nur antun? Sie wussten, doch wie sehr ich Bella vermisste!
Wahllos pfefferte ich die Couchkissen quer durchs Zimmer, um mich etwas abzureagieren.
Es half aber nur bedingt.
So eine verdammte Scheiße!
Die Freude, Bella gesehen zu haben, wurde langsam aber sicher komplett verdrängt. Auch auf sie war ich wütend. Warum zur Hölle, hatte sie sich nie gemeldet? Was hatte sie dazu veranlasst mir meine Kinder zu verschweigen!
Und woher wusste Alice von ihr?
Sie war doch gerade mal vier Monate hier in New York. Hieß das, sie hatte sie ebenfalls an ihrem ersten Tag hier getroffen? Das wären ein paar Zufälle zu viel für meinen Geschmack. Die ganze Sache stank doch zum Himmel!
Aber wo hatte sie Bella getroffen? Arbeitete sie etwa auch für die A.M.C. Company? : Das war ja eine recht große Firme, aber war es nicht recht unwahrscheinlich, sich dort einfach so über den Weg zu laufen? Es sei denn…..Konnte es vielleicht sein…? Hatte sie dort vielleicht eine leitende Position? Sie sah nicht so aus, als hätte sie die letzten Jahre am Hungertuch genagt.
Mist, ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, womit Bella ihren Lebensunterhalt verdiente. Ihre Kleidung wies auf einen Bürojob hin, aber das konnte ja alles Mögliche sein.
Oder ging sie vielleicht gar nicht arbeiten? Hatte sie sich möglicherweise einen reichen Kerl geangelt?
Seufzend beschloss ich mir erst einmal keine weiteren Gedanken zu machen. Schließlich hatte ich morgen ein wichtiges Vorstellungsgespräch, auf das ich mich noch vorbereiten wollte. Oder besser gesagt musste. Auch wenn mir der Sinn danach überhaupt nicht stand. Aber vielleicht half es mir ja auch mich für einen Moment lang abzulenken. Denn das Wiedersehen und der Verrat von Alice ließen meine Gedanken rotieren. Es würde mir vermutlich gut tun, mal kurz nicht darüber nachzudenken.
Also schnappte ich mir den Ordner mit den Unterlagen, und ließ mich auf das Sofa fallen. Ging in aller Ruhe noch mal alle wichtigen Fakten durch. Mit welchen Dingen sich die Firma beschäftigte. Wichtige Vertreter. Produkte. Philosophie des Unternehmens.
Ich war ehrlich überrascht gewesen, als mich die Firma zu einem Gespräch einlud. Alice hatte zwar angedeutet, dass sie da was eingefädelt hatte, aber ehrlich gesagt, hatte ich ihr kein Wort geglaubt, bis mir die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ins Haus geflattert kam. Sie war ja bloß eine von vielen Designern und Teil eines überschaubaren Teams, das für einen etwas berühmteren Designer arbeitete. Punkt. Der wiederum sein Zeug an einen ganz Großen lieferte.
Im Endeffekt ein kleines Licht.
Was aber irgendwie ausreichte, um mir einen Termin bei Marcus Volturi zu besorgen. So wie es aussah, wollten sie mir eine Anstellung als Unternehmensberater anbieten. Nicht zuletzt wegen meiner hervorragenden Noten.
So hatte die plötzliche Trennung von Bella damals, wenigstens auch einen positiven Effekt. Ich hatte mich voll auf mein Studium konzentrieren können, und meinen Abschluss mit summa cum laude geschafft. Meine Eltern waren mächtig stolz auf mich.
Edward Cullen, aus dem verschlafenen Forks, würde vielleicht für eine der größten Firmen der USA arbeiten. Das hörte sich irgendwie gut an... Und Alice hatte es ja auch geschafft. Zwar war sie bei einem anderen Designer gelandet, als ursprünglich geplant, aber sie ging in ihrem Beruf wirklich auf und ihr war es scheißegal, wo sie ihre Kreativität ausleben durfte. Inzwischen sprach sie sogar ein paar Worte russisch, was ihrem Vorgesetzten zu gefallen schien.
Als sie mich vom Flugplatz abgeholt hatte, stand uns eine große Menschentraube irgendwelcher Pauschaltouristen im Weg rum, die schlagartig auseinanderstoben, als Alice „Platz da! Dawai, dawai!“ brüllte.
Bella hätte sich bestimmt halb tot gelacht.
Und schon waren meine Gedanken wieder zu ihr gedriftet. Ich bekam sie eben einfach nicht aus dem Kopf. Jetzt erst recht nicht mehr.
Widerwillig wandte ich mich wieder den Unterlagen zu.
Marcus Volturi war für den finanziellen Sektor des Unternehmens zuständig. Die A.M.C. Company hatte hunderte von Immobilien und spekulierte im großen Stil an allen Aktienmärkten der Welt. Sagte man. Details waren nicht bekannt.
Ich hatte Alice mal gefragt, ob sie schon mal jemanden aus der oberen Etage getroffen hatte, aber sie hatte sehr ausweichend geantwortet. War wohl doch was dran an den Gerüchten mit dem Schweigegelübde.
Aber mir sollte es egal sein. Hauptsache ein Job. Mein jetziger bei einer kleinen Firma in Chicago, machte mich nicht wirklich glücklich. Obwohl es eine Herausforderung gewesen war. Der Betrieb stand kurz davor pleite zu gehen, aber irgendwie hatten sie es noch geschafft, das Ruder herumzureißen. Und ich war daran nicht unbeteiligt gewesen. Aber jetzt, wo alles wieder glatt lief, langweilte ich mich schon etwas. Der Job füllte mich nicht mehr ausreichend aus und ich war irgendwie unglücklich. Durch den gleichmäßigen Trott wurde mir nur noch stärker bewusst, wie eintönig mein Leben war.
Wobei es eigentlich bisher nichts gegeben hatte, was mich wirklich glücklich machte.
Bis zum heutigen Nachmittag.
Ungewollt ließ ich meine Gedanken doch wieder zu Bella schweifen. Ich konnte es immer noch nicht so richtig fassen, dass ich sie getroffen hatte und dass ich Vater von zwei Kindern war. Ich kam mir fast vor wie in einer Soap Opera. Wahrscheinlich würde am Ende dabei rauskommen, dass Bella von Außerirdischen entführt wurde.
Seufzend fuhr ich mir durchs Haar und versuchte die wirren Gedanken abzuschütteln. Ich musste mich konzentrieren.
Da fiel mir ein Satz ein, den Alice am Telefon gesagt hatte...
Du hast sie heute schon getroffen?
Hatte Bella sie etwa schon angerufen, und sie über unser Treffen informiert? Oder hatte sie es gar geplant? War es möglich, dass Alice Bella und mich zusammenführen wollte? Hatte sie mir deshalb dieses Gespräch bei der Company besorgt? Aber sie hätte doch auch Bella einfach mal zum Familientreffen mitbringen können, oder? Weihnachten zum Beispiel...
So im Nachhinein betrachtet, konnte ich mir jetzt auch die eigenartigen Blicke erklären, die Alice mir an Weihnachten zugeworfen hatte. Wir waren alle nach Richmond gekommen, um mit der ganzen Familie zu feiern. Oder dem, was davon übrig geblieben war.
Carlisle und Esme waren, nachdem Alice und ich unser Studium in Darthmouth aufgenommen hatten, ebenfalls nach Richmond gezogen, um näher bei ihren Kindern zu sein. Man merkte ihnen deutlich an, dass auch sie Bellas Weggang bedrückte, aber anders als ich, akzeptierten sie ihre Entscheidung in gewisser Weise.
Ich hatte in der Vergangenheit mehrere Diskussionen mit Carlisle geführt, der meinte, ich solle ihrem Wunsch entsprechen, und mein Herz weiter wandern lassen. Er war der festen Überzeugung, dass sie sich das wünschen würde. Das sie sich nicht melden würde, damit ich mit ihr abschließen konnte.
Nur dummerweise konnte ich nicht mit ihr abschließen. Es klappte einfach nicht.
Sie war gegangen und hatte mein Herz mitgenommen.
Nach einer Viertelstunde legte ich die Unterlagen zur Seite. Es brachte ja doch nichts, meine Gedanken schweiften immer wieder zu Bella.
Frustriert trat ich an die Minibar und schenkte mir einen Glenfiddich ein. Sanft schwenkte ich die goldbraune Flüssigkeit im Glas und starrte sinnierend hinein.
Ob ich Emmett, oder meine Eltern anrufen, und ihnen die Neuigkeit berichten sollte? Oder hatte es vielleicht Alice schon getan? Wussten die Anderen es am Ende schon länger?
Nein! Das war ausgeschlossen. Emmett hätte es keine Sekunde länger in Virginia ausgehalten. Er wäre mit Frau, seinem Sohn Garrett und der Schäferhündin Annie hergekommen, um seine Schwester Bella in die Arme zu schließen.
Aber warum hatte Alice dann geschwiegen? Wollte Bella etwa nicht, dass es jemand erfuhr? War sie vielleicht wirklich mit jemandem zusammen? Oder gar verheiratet?
Sie war so eine hübsche junge Frau geworden, die Männer standen doch bestimmt Schlange bei ihr, da konnten auch zwei kleine Kinder nicht abschrecken.
Seufzend ließ ich den Whisky meine Kehle hinab rinnen und genoss das Brennen, welches er verursachte.
Ein Blick auf die Uhr erinnerte mich daran, dass ich morgen Vormittag einen Termin hatte. Seufzend stellte ich das Glas zur Seite und ging schlafen.
---
Etwa zwölf Stunden später, stand ich vor dem riesigen Gebäude, das die A.M.C. Company beherbergte. Eigentlich waren es drei ineinander verschachtelte Hochhäuser. Jeder Turm stand für einen Teil des Unternehmens.
Musik. Mode. Finanzen.
Ich rückte meine Krawatte noch mal zurecht und trat durch die Drehtüren ins Innere. Das Foyer war riesig und war unglaublich luxuriös ausgestattet. Dabei war es nicht protzig, sondern einfach nur edel. Das war ein Unternehmen mit Stil. Bodenständig in ihren Finanzgeschäften, trendy, wenn es um das Musikgeschäft ging und zu guter Letzt, hatten sie den mondänen Schick der Modewelt für sich vereinnahmt. Esme hätte es sicherlich gefallen.
Zögerlich trat ich an den Empfangstresen, hinter dem eine Blondine saß.
„Hallo, mein Name ist Heidi, was kann ich für sie tun?“, flötete sie fröhlich.
„Mein Name ist Edward Cullen, ich habe einen Termin.“
„Natürlich“, lächelte sie mich an. „Ich werde einen Pagen rufen, der sie zu Master Marcus bringen wird.“
Sekunden später stand ein junger Mann in hellgrauer Uniform neben mir.
„Bring Mr. Cullen zu Master Marcus, er erwartet ihn bereits“, instruierte ihn Heidi.
Der Page nickte und lief in Richtung der Fahrstühle. Ich verabschiedete mich mit einem Nicken von Heidi, und folgte ihm.
Wir fuhren in die 80. Etage und das in atemberaubender Geschwindigkeit. Kaum eine halbe Minute später waren wir angekommen. Dort wurde ich in einen kleinen Besprechungsraum geleitet, in dem bereits Kaffee und Gebäck bereitstanden.
Wortlos verließ mich der Page, und ich stand erst mal alleine da.
So langsam kam meine Aufregung zum Vorschein. Meine leicht verschwitzen Hände versuchte ich an der Hose abzuwischen. Meine Nerven durch ein gemurmeltes „du schaffst das, du schaffst das“ zu beruhigen.
Etwa zwei Minuten später wurde die Tür geöffnet, und ein großer Mann mit langen dunklen Haaren betrat den Raum.
„Ah. Sie müssen Mr. Cullen sein. Ich bin Marcus Volturi. Setzen sie sich doch.“ Er schüttelte mir lächelnd die Hand.
„Danke, Sir“, murmelte ich und nahm ihm gegenüber Platz.
„Was halten sie davon, wenn wir nicht lange um den heißen Brei herumreden?“, fragte er mich frei heraus, und schenkte sich und mir eine Tasse Kaffee ein. Mit zwei Stück Zucker und Milch. Genauso, wie ich ihn mochte.
Aber ich war viel zu aufgeregt, um dem große Beachtung zu schenken, sonst hätte ich mich schon gewundert, woher er das wusste.
„Das wäre ganz in meinem Sinne, Mr. Volturi.“
„Nennen sie mich Marcus“, bot er mir freundlich an und schnappte sich einen Keks. „Mr. Volturi klingt zu sehr nach meinem Vater, und der war ein alter Tyrann. Leider ist das erblich. Ging Gott sei Dank, alles auf meinen Bruder Caius über.“ Er zwinkerte mir zu. „Bedienen sie sich ruhig.“
Etwas unsicher nahm ich mir einen Keks und knabberte vorsichtig daran.
Hatte er mir wirklich angeboten ihn Marcus zu nennen? Nur Marcus? So viel ich wusste, sprachen ihn hier alle mit Master Marcus an.
„Nun Edward“, fuhr er fort. „Sie erlauben doch, dass ich sie so nenne?“ Ich nickte zur Bestätigung und er lächelte wieder. Komischer Kerl.
„Über ihren Lebenslauf müssen wir uns eigentlich nicht unterhalten. Sie haben als Jahrgangsbester an einer Eliteuniversität abgeschlossen, und ein kleines Unternehmen vor dem Bankrott bewahrt. Ich denke, da sprechen die Fakten für sich. Interessanter wäre es doch abzusprechen, welchen Posten ich ihnen anbieten möchte, oder?“
„Natürlich, Si.... Marcus“, gab ich schnell zurück. Er nickte freudig.
„Sie haben sicherlich schon von Miss Marie gehört?“
Ich nickte. Wer hatte nicht von ihr gehört? Nur gesehen hatte sie noch keiner.
„Sie soll in Zukunft mehr Verantwortung in der Firma übernehmen und eventuell unser Unternehmen auch nach außen hin repräsentieren. Aber dafür benötigt sie einen Experten an ihrer Seite, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. B... Marie ist zwar ein kluges Mädchen, hat aber keine Ausbildung die der ihren entspricht. Sie können sich also vorstellen, dass sie jemanden an ihrer Seite braucht, der vertrauenswürdig ist.“
Mit aufgerissenen Augen sah ich ihn an. Ein Berater für Miss Marie? Wow...
„Was halten Sie davon? Es wäre natürlich ein relativ zeitintensiver Job, der aber gut entlohnt wird. Sie würden eine Firmenwohnung erhalten, Firmenwagen, Handy, alles was sie so benötigen. Selbstverständlich würden Sie auch bei Auslandsreisen als Begleitung benötigt werden. Was halten sie davon?“
„Das... das klingt großartig“, stammelte ich überwältigt.
„Fantastisch!“ Er klatschte in die Hände. „Am besten gehen sie gleich mal zu ihr, der Vertrag liegt schon bereit. Sie müssen nur noch unterzeichnen.“
Vollkommen fassungslos blickte ich ihn an.
Ich hatte den Job.
Einfach so.
Das war... fantastisch. Ich würde in New York arbeiten und in Bellas Nähe sein. Das war einfach unglaublich!
Ich könnte meine Kinder sehen. Vielleicht sogar vom Kindergarten abholen – wenn Bella das erlaubte.
Mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht erhob ich mich. „Wo muss ich hin?“
„Einfach den Gang hinunter. Giana wird sie hineinlassen.“ Er erhob sich und reichte mir die Hand. „Auf gute Zusammenarbeit Edward, ich denke mit Miss Marie werden sie schon auskommen.“ Kichernd presste er die Lippen aufeinander. Warum nur kam ich mir vor, als würde ich irgendwas Wesentliches verpassen?
Mit fast beschwingtem Schritt lief ich in die angegebene Richtung. Jetzt gab es nur noch eine Hürde zu überwinden.
Miss Marie...
Warum hatte sie das Gespräch eigentlich nicht selber geführt?
Hatte sie vielleicht Angst, dass ich den Job nicht annehmen würde? Oder wollte sie nicht, dass ich sie vorher sah?
Warum wurde eigentlich solch ein Geheimnis um ihre Person gemacht?
Endlich hatte ich das Ende des Ganges erreicht, und stand vor einem Tresen. Die junge Frau dahinter lächelte mich gewinnend an.
„Mr. Cullen, nehme ich an? Miss Marie wird gleich bei Ihnen sein. Gehen sie bitte schon hinein, und nehmen sie Platz.“ Sie deutete auf eine Tür schräg hinter sich.
Zögerlich umrundete ich den Tresen und trat durch die Tür in ein weiträumiges Büro. Am Fenster stand ein Schreibtisch, links von der Tür gab es eine kleine Couchecke.
Das Panoramafenster bot einen fantastischen Ausblick über die Stadt. Unschlüssig darüber, wo ich Platz nehmen sollte, blieb ich hinter einem der Stühle vor dem Schreibtisch stehen und sah mich ein wenig um.
Der Schreibtisch versank in einem Chaos aus Papieren. Dazwischen standen Bilderrahmen.
Familienfotos?
In diesem Moment hörte ich hinter mir eine Tür zufallen und wandte mich instinktiv um.
Doch auf diesen Anblick war ich nicht wirklich gefasst.
Bella stand an der Tür, und sah mich ruhig an.
Ich trat auf sie zu. „Bella? Was tust du denn hier? Du kannst doch nicht einfach hier reinkommen! Miss Marie kann jeden Moment hereinkommen!“
„Edward...“
„Du musst hier raus, schnell! Sie will mit mir den Vertrag unterschreiben, und wird bestimmt wütend, wenn sie dich hier drin findet! Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“
„Edward, ganz ruhig!“, sprach sie leise auf mich ein und legte die Hände an meine Oberarme. „Es ist alles in Ordnung!“
„Alles in Ordnung? Wenn du hier erwischt wirst, dann...Sag mal, arbeitest du auch hier, dann könntest du gefeuert werden, oder? Wie bist du überhaupt an dem Wachhund vor der Tür vorbeigekommen?“
Sie biss sich auf die Unterlippe und sah kurz nach unten.
„Edward“, sie atmete tief ein und sah mir in die Augen. „Ich bin Miss Marie.“
Das Lied zum Chap Violet Winter mit „Turn me round“
http://www.youtube.com/user/TheUratoh#p/u/0/5oVhohBo7yA
EPOV
Ich war wütend.
Verdammt wütend.
Eigentlich war wütend noch eine Untertreibung.
Meine eigene Schwester WUSSTE, dass ich zwei Kinder hatte, und sagte keinen Ton! Ebenso ihr feiner Ehemann, der sich gleichzeitig mein Freund schimpfte.
Schöner Freund war das.
Wie konnten die Beiden mir das nur antun? Sie wussten, doch wie sehr ich Bella vermisste!
Wahllos pfefferte ich die Couchkissen quer durchs Zimmer, um mich etwas abzureagieren.
Es half aber nur bedingt.
So eine verdammte Scheiße!
Die Freude, Bella gesehen zu haben, wurde langsam aber sicher komplett verdrängt. Auch auf sie war ich wütend. Warum zur Hölle, hatte sie sich nie gemeldet? Was hatte sie dazu veranlasst mir meine Kinder zu verschweigen!
Und woher wusste Alice von ihr?
Sie war doch gerade mal vier Monate hier in New York. Hieß das, sie hatte sie ebenfalls an ihrem ersten Tag hier getroffen? Das wären ein paar Zufälle zu viel für meinen Geschmack. Die ganze Sache stank doch zum Himmel!
Aber wo hatte sie Bella getroffen? Arbeitete sie etwa auch für die A.M.C. Company? : Das war ja eine recht große Firme, aber war es nicht recht unwahrscheinlich, sich dort einfach so über den Weg zu laufen? Es sei denn…..Konnte es vielleicht sein…? Hatte sie dort vielleicht eine leitende Position? Sie sah nicht so aus, als hätte sie die letzten Jahre am Hungertuch genagt.
Mist, ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, womit Bella ihren Lebensunterhalt verdiente. Ihre Kleidung wies auf einen Bürojob hin, aber das konnte ja alles Mögliche sein.
Oder ging sie vielleicht gar nicht arbeiten? Hatte sie sich möglicherweise einen reichen Kerl geangelt?
Seufzend beschloss ich mir erst einmal keine weiteren Gedanken zu machen. Schließlich hatte ich morgen ein wichtiges Vorstellungsgespräch, auf das ich mich noch vorbereiten wollte. Oder besser gesagt musste. Auch wenn mir der Sinn danach überhaupt nicht stand. Aber vielleicht half es mir ja auch mich für einen Moment lang abzulenken. Denn das Wiedersehen und der Verrat von Alice ließen meine Gedanken rotieren. Es würde mir vermutlich gut tun, mal kurz nicht darüber nachzudenken.
Also schnappte ich mir den Ordner mit den Unterlagen, und ließ mich auf das Sofa fallen. Ging in aller Ruhe noch mal alle wichtigen Fakten durch. Mit welchen Dingen sich die Firma beschäftigte. Wichtige Vertreter. Produkte. Philosophie des Unternehmens.
Ich war ehrlich überrascht gewesen, als mich die Firma zu einem Gespräch einlud. Alice hatte zwar angedeutet, dass sie da was eingefädelt hatte, aber ehrlich gesagt, hatte ich ihr kein Wort geglaubt, bis mir die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ins Haus geflattert kam. Sie war ja bloß eine von vielen Designern und Teil eines überschaubaren Teams, das für einen etwas berühmteren Designer arbeitete. Punkt. Der wiederum sein Zeug an einen ganz Großen lieferte.
Im Endeffekt ein kleines Licht.
Was aber irgendwie ausreichte, um mir einen Termin bei Marcus Volturi zu besorgen. So wie es aussah, wollten sie mir eine Anstellung als Unternehmensberater anbieten. Nicht zuletzt wegen meiner hervorragenden Noten.
So hatte die plötzliche Trennung von Bella damals, wenigstens auch einen positiven Effekt. Ich hatte mich voll auf mein Studium konzentrieren können, und meinen Abschluss mit summa cum laude geschafft. Meine Eltern waren mächtig stolz auf mich.
Edward Cullen, aus dem verschlafenen Forks, würde vielleicht für eine der größten Firmen der USA arbeiten. Das hörte sich irgendwie gut an... Und Alice hatte es ja auch geschafft. Zwar war sie bei einem anderen Designer gelandet, als ursprünglich geplant, aber sie ging in ihrem Beruf wirklich auf und ihr war es scheißegal, wo sie ihre Kreativität ausleben durfte. Inzwischen sprach sie sogar ein paar Worte russisch, was ihrem Vorgesetzten zu gefallen schien.
Als sie mich vom Flugplatz abgeholt hatte, stand uns eine große Menschentraube irgendwelcher Pauschaltouristen im Weg rum, die schlagartig auseinanderstoben, als Alice „Platz da! Dawai, dawai!“ brüllte.
Bella hätte sich bestimmt halb tot gelacht.
Und schon waren meine Gedanken wieder zu ihr gedriftet. Ich bekam sie eben einfach nicht aus dem Kopf. Jetzt erst recht nicht mehr.
Widerwillig wandte ich mich wieder den Unterlagen zu.
Marcus Volturi war für den finanziellen Sektor des Unternehmens zuständig. Die A.M.C. Company hatte hunderte von Immobilien und spekulierte im großen Stil an allen Aktienmärkten der Welt. Sagte man. Details waren nicht bekannt.
Ich hatte Alice mal gefragt, ob sie schon mal jemanden aus der oberen Etage getroffen hatte, aber sie hatte sehr ausweichend geantwortet. War wohl doch was dran an den Gerüchten mit dem Schweigegelübde.
Aber mir sollte es egal sein. Hauptsache ein Job. Mein jetziger bei einer kleinen Firma in Chicago, machte mich nicht wirklich glücklich. Obwohl es eine Herausforderung gewesen war. Der Betrieb stand kurz davor pleite zu gehen, aber irgendwie hatten sie es noch geschafft, das Ruder herumzureißen. Und ich war daran nicht unbeteiligt gewesen. Aber jetzt, wo alles wieder glatt lief, langweilte ich mich schon etwas. Der Job füllte mich nicht mehr ausreichend aus und ich war irgendwie unglücklich. Durch den gleichmäßigen Trott wurde mir nur noch stärker bewusst, wie eintönig mein Leben war.
Wobei es eigentlich bisher nichts gegeben hatte, was mich wirklich glücklich machte.
Bis zum heutigen Nachmittag.
Ungewollt ließ ich meine Gedanken doch wieder zu Bella schweifen. Ich konnte es immer noch nicht so richtig fassen, dass ich sie getroffen hatte und dass ich Vater von zwei Kindern war. Ich kam mir fast vor wie in einer Soap Opera. Wahrscheinlich würde am Ende dabei rauskommen, dass Bella von Außerirdischen entführt wurde.
Seufzend fuhr ich mir durchs Haar und versuchte die wirren Gedanken abzuschütteln. Ich musste mich konzentrieren.
Da fiel mir ein Satz ein, den Alice am Telefon gesagt hatte...
Du hast sie heute schon getroffen?
Hatte Bella sie etwa schon angerufen, und sie über unser Treffen informiert? Oder hatte sie es gar geplant? War es möglich, dass Alice Bella und mich zusammenführen wollte? Hatte sie mir deshalb dieses Gespräch bei der Company besorgt? Aber sie hätte doch auch Bella einfach mal zum Familientreffen mitbringen können, oder? Weihnachten zum Beispiel...
So im Nachhinein betrachtet, konnte ich mir jetzt auch die eigenartigen Blicke erklären, die Alice mir an Weihnachten zugeworfen hatte. Wir waren alle nach Richmond gekommen, um mit der ganzen Familie zu feiern. Oder dem, was davon übrig geblieben war.
Carlisle und Esme waren, nachdem Alice und ich unser Studium in Darthmouth aufgenommen hatten, ebenfalls nach Richmond gezogen, um näher bei ihren Kindern zu sein. Man merkte ihnen deutlich an, dass auch sie Bellas Weggang bedrückte, aber anders als ich, akzeptierten sie ihre Entscheidung in gewisser Weise.
Ich hatte in der Vergangenheit mehrere Diskussionen mit Carlisle geführt, der meinte, ich solle ihrem Wunsch entsprechen, und mein Herz weiter wandern lassen. Er war der festen Überzeugung, dass sie sich das wünschen würde. Das sie sich nicht melden würde, damit ich mit ihr abschließen konnte.
Nur dummerweise konnte ich nicht mit ihr abschließen. Es klappte einfach nicht.
Sie war gegangen und hatte mein Herz mitgenommen.
Nach einer Viertelstunde legte ich die Unterlagen zur Seite. Es brachte ja doch nichts, meine Gedanken schweiften immer wieder zu Bella.
Frustriert trat ich an die Minibar und schenkte mir einen Glenfiddich ein. Sanft schwenkte ich die goldbraune Flüssigkeit im Glas und starrte sinnierend hinein.
Ob ich Emmett, oder meine Eltern anrufen, und ihnen die Neuigkeit berichten sollte? Oder hatte es vielleicht Alice schon getan? Wussten die Anderen es am Ende schon länger?
Nein! Das war ausgeschlossen. Emmett hätte es keine Sekunde länger in Virginia ausgehalten. Er wäre mit Frau, seinem Sohn Garrett und der Schäferhündin Annie hergekommen, um seine Schwester Bella in die Arme zu schließen.
Aber warum hatte Alice dann geschwiegen? Wollte Bella etwa nicht, dass es jemand erfuhr? War sie vielleicht wirklich mit jemandem zusammen? Oder gar verheiratet?
Sie war so eine hübsche junge Frau geworden, die Männer standen doch bestimmt Schlange bei ihr, da konnten auch zwei kleine Kinder nicht abschrecken.
Seufzend ließ ich den Whisky meine Kehle hinab rinnen und genoss das Brennen, welches er verursachte.
Ein Blick auf die Uhr erinnerte mich daran, dass ich morgen Vormittag einen Termin hatte. Seufzend stellte ich das Glas zur Seite und ging schlafen.
---
Etwa zwölf Stunden später, stand ich vor dem riesigen Gebäude, das die A.M.C. Company beherbergte. Eigentlich waren es drei ineinander verschachtelte Hochhäuser. Jeder Turm stand für einen Teil des Unternehmens.
Musik. Mode. Finanzen.
Ich rückte meine Krawatte noch mal zurecht und trat durch die Drehtüren ins Innere. Das Foyer war riesig und war unglaublich luxuriös ausgestattet. Dabei war es nicht protzig, sondern einfach nur edel. Das war ein Unternehmen mit Stil. Bodenständig in ihren Finanzgeschäften, trendy, wenn es um das Musikgeschäft ging und zu guter Letzt, hatten sie den mondänen Schick der Modewelt für sich vereinnahmt. Esme hätte es sicherlich gefallen.
Zögerlich trat ich an den Empfangstresen, hinter dem eine Blondine saß.
„Hallo, mein Name ist Heidi, was kann ich für sie tun?“, flötete sie fröhlich.
„Mein Name ist Edward Cullen, ich habe einen Termin.“
„Natürlich“, lächelte sie mich an. „Ich werde einen Pagen rufen, der sie zu Master Marcus bringen wird.“
Sekunden später stand ein junger Mann in hellgrauer Uniform neben mir.
„Bring Mr. Cullen zu Master Marcus, er erwartet ihn bereits“, instruierte ihn Heidi.
Der Page nickte und lief in Richtung der Fahrstühle. Ich verabschiedete mich mit einem Nicken von Heidi, und folgte ihm.
Wir fuhren in die 80. Etage und das in atemberaubender Geschwindigkeit. Kaum eine halbe Minute später waren wir angekommen. Dort wurde ich in einen kleinen Besprechungsraum geleitet, in dem bereits Kaffee und Gebäck bereitstanden.
Wortlos verließ mich der Page, und ich stand erst mal alleine da.
So langsam kam meine Aufregung zum Vorschein. Meine leicht verschwitzen Hände versuchte ich an der Hose abzuwischen. Meine Nerven durch ein gemurmeltes „du schaffst das, du schaffst das“ zu beruhigen.
Etwa zwei Minuten später wurde die Tür geöffnet, und ein großer Mann mit langen dunklen Haaren betrat den Raum.
„Ah. Sie müssen Mr. Cullen sein. Ich bin Marcus Volturi. Setzen sie sich doch.“ Er schüttelte mir lächelnd die Hand.
„Danke, Sir“, murmelte ich und nahm ihm gegenüber Platz.
„Was halten sie davon, wenn wir nicht lange um den heißen Brei herumreden?“, fragte er mich frei heraus, und schenkte sich und mir eine Tasse Kaffee ein. Mit zwei Stück Zucker und Milch. Genauso, wie ich ihn mochte.
Aber ich war viel zu aufgeregt, um dem große Beachtung zu schenken, sonst hätte ich mich schon gewundert, woher er das wusste.
„Das wäre ganz in meinem Sinne, Mr. Volturi.“
„Nennen sie mich Marcus“, bot er mir freundlich an und schnappte sich einen Keks. „Mr. Volturi klingt zu sehr nach meinem Vater, und der war ein alter Tyrann. Leider ist das erblich. Ging Gott sei Dank, alles auf meinen Bruder Caius über.“ Er zwinkerte mir zu. „Bedienen sie sich ruhig.“
Etwas unsicher nahm ich mir einen Keks und knabberte vorsichtig daran.
Hatte er mir wirklich angeboten ihn Marcus zu nennen? Nur Marcus? So viel ich wusste, sprachen ihn hier alle mit Master Marcus an.
„Nun Edward“, fuhr er fort. „Sie erlauben doch, dass ich sie so nenne?“ Ich nickte zur Bestätigung und er lächelte wieder. Komischer Kerl.
„Über ihren Lebenslauf müssen wir uns eigentlich nicht unterhalten. Sie haben als Jahrgangsbester an einer Eliteuniversität abgeschlossen, und ein kleines Unternehmen vor dem Bankrott bewahrt. Ich denke, da sprechen die Fakten für sich. Interessanter wäre es doch abzusprechen, welchen Posten ich ihnen anbieten möchte, oder?“
„Natürlich, Si.... Marcus“, gab ich schnell zurück. Er nickte freudig.
„Sie haben sicherlich schon von Miss Marie gehört?“
Ich nickte. Wer hatte nicht von ihr gehört? Nur gesehen hatte sie noch keiner.
„Sie soll in Zukunft mehr Verantwortung in der Firma übernehmen und eventuell unser Unternehmen auch nach außen hin repräsentieren. Aber dafür benötigt sie einen Experten an ihrer Seite, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. B... Marie ist zwar ein kluges Mädchen, hat aber keine Ausbildung die der ihren entspricht. Sie können sich also vorstellen, dass sie jemanden an ihrer Seite braucht, der vertrauenswürdig ist.“
Mit aufgerissenen Augen sah ich ihn an. Ein Berater für Miss Marie? Wow...
„Was halten Sie davon? Es wäre natürlich ein relativ zeitintensiver Job, der aber gut entlohnt wird. Sie würden eine Firmenwohnung erhalten, Firmenwagen, Handy, alles was sie so benötigen. Selbstverständlich würden Sie auch bei Auslandsreisen als Begleitung benötigt werden. Was halten sie davon?“
„Das... das klingt großartig“, stammelte ich überwältigt.
„Fantastisch!“ Er klatschte in die Hände. „Am besten gehen sie gleich mal zu ihr, der Vertrag liegt schon bereit. Sie müssen nur noch unterzeichnen.“
Vollkommen fassungslos blickte ich ihn an.
Ich hatte den Job.
Einfach so.
Das war... fantastisch. Ich würde in New York arbeiten und in Bellas Nähe sein. Das war einfach unglaublich!
Ich könnte meine Kinder sehen. Vielleicht sogar vom Kindergarten abholen – wenn Bella das erlaubte.
Mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht erhob ich mich. „Wo muss ich hin?“
„Einfach den Gang hinunter. Giana wird sie hineinlassen.“ Er erhob sich und reichte mir die Hand. „Auf gute Zusammenarbeit Edward, ich denke mit Miss Marie werden sie schon auskommen.“ Kichernd presste er die Lippen aufeinander. Warum nur kam ich mir vor, als würde ich irgendwas Wesentliches verpassen?
Mit fast beschwingtem Schritt lief ich in die angegebene Richtung. Jetzt gab es nur noch eine Hürde zu überwinden.
Miss Marie...
Warum hatte sie das Gespräch eigentlich nicht selber geführt?
Hatte sie vielleicht Angst, dass ich den Job nicht annehmen würde? Oder wollte sie nicht, dass ich sie vorher sah?
Warum wurde eigentlich solch ein Geheimnis um ihre Person gemacht?
Endlich hatte ich das Ende des Ganges erreicht, und stand vor einem Tresen. Die junge Frau dahinter lächelte mich gewinnend an.
„Mr. Cullen, nehme ich an? Miss Marie wird gleich bei Ihnen sein. Gehen sie bitte schon hinein, und nehmen sie Platz.“ Sie deutete auf eine Tür schräg hinter sich.
Zögerlich umrundete ich den Tresen und trat durch die Tür in ein weiträumiges Büro. Am Fenster stand ein Schreibtisch, links von der Tür gab es eine kleine Couchecke.
Das Panoramafenster bot einen fantastischen Ausblick über die Stadt. Unschlüssig darüber, wo ich Platz nehmen sollte, blieb ich hinter einem der Stühle vor dem Schreibtisch stehen und sah mich ein wenig um.
Der Schreibtisch versank in einem Chaos aus Papieren. Dazwischen standen Bilderrahmen.
Familienfotos?
In diesem Moment hörte ich hinter mir eine Tür zufallen und wandte mich instinktiv um.
Doch auf diesen Anblick war ich nicht wirklich gefasst.
Bella stand an der Tür, und sah mich ruhig an.
Ich trat auf sie zu. „Bella? Was tust du denn hier? Du kannst doch nicht einfach hier reinkommen! Miss Marie kann jeden Moment hereinkommen!“
„Edward...“
„Du musst hier raus, schnell! Sie will mit mir den Vertrag unterschreiben, und wird bestimmt wütend, wenn sie dich hier drin findet! Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“
„Edward, ganz ruhig!“, sprach sie leise auf mich ein und legte die Hände an meine Oberarme. „Es ist alles in Ordnung!“
„Alles in Ordnung? Wenn du hier erwischt wirst, dann...Sag mal, arbeitest du auch hier, dann könntest du gefeuert werden, oder? Wie bist du überhaupt an dem Wachhund vor der Tür vorbeigekommen?“
Sie biss sich auf die Unterlippe und sah kurz nach unten.
„Edward“, sie atmete tief ein und sah mir in die Augen. „Ich bin Miss Marie.“
Das Lied zum Chap Violet Winter mit „Turn me round“
http://www.youtube.com/user/TheUratoh#p/u/0/5oVhohBo7yA
DEJAVU - 63 - What has to happen, happens
63 What has to happen, happens
APOV
„Scheiße“, fluchte ich laut und wenig damenhaft, was Jasper veranlasste den Kopf in die Küche zustecken.
„Alles okay?“, fragte er vorsichtig.
„Nein“, brummelte ich. „Alles Mist! Edward hat Bella getroffen.“
Verwundert sah er mich an. „Sollte das nicht erst morgen passieren?“
„An sich schon“, seufzte ich und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht.
Verdammt, wir hatten es doch so gut geplant! Es war schon schwierig genug gewesen, Bella davon zu überzeugen, dass sie ihn wiedersehen musste. Und jetzt das!
Vor allem wusste ich ja nicht einmal, WAS überhaupt passiert war. Bella war doch darüber informiert gewesen, in welchem Hotel er untergebracht war, sie würde doch nicht absichtlich dort herumlaufen.
Aber wo sollte sie ihn denn sonst getroffen haben?
Vor allem mit den Kindern, denn so wie es klang, hatte er die ja auch gesehen. Ich überlegte fieberhaft, wie es zu dieser ungeplanten Begegnung gekommen war. Bella ging zwar nachmittags gerne mit den Kleinen in den Central Park, aber der war ja riesig. Sie war doch nicht etwa so dumm gewesen und hatte sich direkt an den Grünflächen vor dem Hotel aufgehalten? Oder? Sie hatte schließlich das Zimmer ausgesucht, also musste sie ja auch den Ausblick kennen.
„Was ist passiert?“, fragte mich Jasper und strich mir beruhigend über die Oberarme.
„Ich weiß es nicht genau“, erwiderte ich und schmiegte mich an ihn. „Edward hat nur gesagt, dass er Bella gesehen hat. Und die Kinder. Das Üble an der Sache ist, dass er sofort gemerkt hat, dass es mich nicht wirklich überrascht hat.“.
„Wie hat er reagiert?“
„Er war wütend.“
„Hattest du mit einer anderen Reaktion gerechnet?“ Er seufzte leise hinter mir und strich mir beruhigend über die Oberarme. „Ich habe euch von Anfang an gesagt, dass es sehr schwierig werden wird. Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, du hättest ihm von Beginn an reinen Wein eingeschenkt. Dass du es ihm verheimlicht hast, wird er dir nicht so schnell verzeihen. Und mir auch nicht.“
„Die Diskussion haben wir doch schon durch. Bella wollte es nicht und das musste ich doch akzeptieren. Oder etwa nicht? Es hat sich eben alles nur um ein paar Wochen verzögert. Ich finde, dass es schon ein Erfolg ist, dass sie sich überhaupt zu einem Treffen bereiterklärt hat. An sich wollte sie ihn nie wieder sehen, um es ihm nicht noch schwerer zu machen. Du weißt, es ist für sie auch nicht einfach. Aro braucht sie.“
Jasper schnaubte verächltich. „Er nutzt sie aus. Mehr nicht.“
„Jazz...ihm geht es nicht gut“, warf ich ein.
Ich spürte, wie er sich hinter mir versteifte. „Klar, geht es ihm nicht gut. Das würde es niemandem in seiner Situation gehen. Trotzdem hat er sie ausgenutzt, und tut es bis heute. Auch wenn er es natürlich abstreitet und auf seine Art versucht zu kompensieren. Aber er schafft es immer noch ihr ständig ein schlechtes Gewissen einzureden. Seine kleinen, feinen Psychotricks sorgen dafür, dass sie sich ihm immer verpflichtet fühlt. Dabei hat sie ihm das Einzige gegeben, was sie besaß. Und das wertvollste. Das kann er auch mit allem Geld nicht wieder gut machen. Aber Fakt ist, wenn er nicht gewesen wäre... Bella wäre zurückgekehrt. Nicht gleich, aber nach ein paar Monaten bestimmt. Sie liebt Edward immer noch, auch wenn sie versucht sich was anderes einzureden.“
Er redete sich richtig in Rage. Ich wusste, wie nahe ihm das alles ging. Gerade er als Psychologe, wusste natürlich, wie leicht Menschen zu manipulieren waren. Und Bella war von Aro manipuliert worden, definitiv. Schon des Öfteren hatte er versucht vernünftig mit Bella zu reden, aber sie war in dieser Hinsicht ziemlich stur. Sie sah in Aro immer nur den Wohltäter. Aber wenigstens hatte Jasper sie davon überzeugen können, dass Edward die Kinder sehen sollte. Das er ein Recht darauf hätte.
„Ich... vielleicht sollte ich Bella anrufen.“
„Warte lieber, bis sie sich bei dir meldet. Du kennst sie, sie ist nicht mehr so wie früher. Sie hat gelernt, sich alleine – naja, fast alleine – durchs Leben zu schlagen. Wenn sie dich braucht, wird sie sich melden.“
Zustimmend nickte ich.
Bella hatte sich definitiv geändert. Als ich ihr das erste Mal gegenüberstand, hätte ich sie fast nicht wiedererkannt.
*** vier Monate zuvor ***
„Miss Cullen, Ihre Bewerbung klingt wirklich vielversprechend“, lächelte mich mein vielleicht neuer Arbeitgeber über den Rand seiner Lesebrille hinweg an. „Ich bin mir sicher, dass Sie in unserem Unternehmengute Arbeit leisten könnten.“
Nervös lächelte ich zurück. Dass ich bei einer der größten Firmen der USA einen Gesprächstermin bekommen hatte, wunderte mich immer noch. Die A.M.C. Company war der Vorreiter in Sachen Musik und Mode. Erst vor eine paar Jahren war bekannt geworden, dass sie hinter den jeweils drei größten Mode-, sowie Musiklabels steckten. Überhaupt war die Firma ziemlich geheimnisumwittert. Die drei Geschäftsführer waren sehr medienscheu. Wenn überhaupt, gab es nur unscharfe Aufnahmen, da sie sich kaum in der Öffentlichkeit bewegten. Noch schlimmer war es mit der Miss Marie, die ebenfalls einen hochrangigen Posten im Unternehmen belegte. Zu sehen bekommen hatte sie außerhalb des Unternehmens noch niemand. Angeblich wurden den Mitarbeitern Verträge vorgelegt, die sie zum Schweigen verpflichteten.
Dementsprechend groß war mein Respekt. Hier zu arbeiten, war ein echter Wunschtraum und so wie es gerade aussah, ging der gerade in Erfüllung. Jasper würde so stolz auf mich sein und meine Eltern erst.
Direkt vom College bei einer solchen Firma einzusteigen, war echt eine unglaubliche Chance, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Wochenlang hatte ich mich auf diesen Termin vorbereitet. Hunderte von Entwürfen angefertigt. Das Kostüm, welches ich trug, war selbstverständlich auch eine Eigenkreation. Und so wie es schien, hatte sich der Aufwand gelohnt.
Ich schwelgte schon in Traumvorstellungen, als ich hinter mir ein leises Räuspern vernahm. Mein Gegenüber blickte erstaunt auf, und ich befand mich in einer Zwickmühle.
War es unhöflich, sich nicht herumzudrehen?
Oder wirkte es neugierig, wenn ich mich umsah?
Ich entschied mich, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten.
„Miss Marie!“, kam es von meinem Gegenüber. „Welche Freude, Sie hier zu sehen!“
Oh mein Gott! Es war tatsächlich Miss Marie, die im Raum stand!
„Luigi“, eine weibliche Stimme, die mir seltsam vertraut war, kam von einer Stelle kurz hinter mir. „Dieses Gespräch hier ist beendet.“
„Aber selbstverständlich, Miss Marie“, er sah mich an, und sein Gesicht zeigte nichts mehr von der Freundlichkeit, die er bis jetzt an den Tag gelegt hatte. „Sie haben es gehört, Miss Cullen. Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, aber leider passen Sie nicht in unser Unternehmen. Ich wünsche Ihnen trotzdem viel Erfolg auf Ihrem weiteren Lebensweg.“ Sein Lächeln war so falsch wie seine Zähne.
Stumm nickte ich und begann, mit den Tranen kämpfend, meine Sachen zusammen zu räumen.
„Luigi“, kam es wieder von hinter mir. „Ich befürchte, Sie haben mich missverstanden“, die Frau hinter mir klang jetzt etwas ungehalten.
Seine Augen weiteten sich entsetzt und er sah an mir vorbei. „Aber was...“
„Miss Cullen ist mit sofortiger Wirkung angestellt.“
Ich traute meinen Ohren nicht. Wie war das nochmal?
„Den Arbeitsvertrag habe ich bereits unterschrieben, er muss nur noch von ihr gegengezeichnet werden. Sie wird Stefan unterstellt sein, aber ihr direkter Vorgesetzter bin ich. Weisen Sie ihr einen geeigneten Raum – mit Fenster – zu, und schicken Sie danach zu mir.“
Jetzt verstand ich die Welt nicht mehr.
Ich war angestellt?
Von Miss Marie?
Aber sie kannte mich ja gar nicht!
Zu gern hätte ich ihr Gesicht gesehen, aber ich traute mich immer nicht, mich herumzudrehen.
„Selbstverständlich Miss Marie, wird sofort erledigt“, er drückte auf einen Knopf. „Bring den Arbeitsvertrag für Miss Cullen herein.“ Dann wandte er sich wieder mir zu. „Sieht so aus, als hätten Sie den Job!“
Ich flüsterte leise „Danke“ und versuchte mich an einem Lächeln. Irgendwie war mir das gerade alles zu hoch.
„Gut, dann wäre ja alles geklärt. Luigi.“ Die Frau machte eine kleine Pause. „Alice.“ Ich hörte (ich), wie eine Tür geschlossen wurde und sie war weg.
Die Erwähnung meines Namens jagte mir einen Schauer über den Rücken. Mir kam die Art, wie er ausgesprochen wurde, so eigenartig vertraut vor, aber das konnte nicht sein. Ihre Identität war eines der bestgehütesten Geheimnisse der Stadt. Und doch schrie mein Unterbewusstsein, dass ich sie irgendwo her kannte.
Mittlerweile bereute ich es wirklich, mich nicht umgedreht zu haben.
Eine halbe Stunde später hatte ich ein nettes kleines Büro, und meinen Vorgesetzten kennengelernt. Stefan war eindeutig russischer Abstammung, er nannte mich ständig 'Matroschka' und kniff mir in die Wangen, war aber alles in allem ein sehr netter Mensch. Selbst sein ständiges 'dawai, dawai' war irgendwie niedlich und ich hatte das Gefühl, dass ich mit ihm gut auskommen würde. Er brachte mich sogar bis zum Büro von Miss Marie.
Mit klopfendem Herzen stand ich vor ihrer Tür. Ihre Sekretärin hatte mich schon angemeldet, aber sie telefonierte gerade, und ich sollte mich noch einen kleinen Moment gedulden.
In meinem Kopf rumorte es.
Warum hatte sie mir geholfen? Ursprünglich hatte ich mich für das Team von diesem Luigi beworben, der aber nicht halb so nett zu sein schien, wie Stefan.
Warum kam mir ihre Stimme so bekannt vor?
Wir konnten uns doch eigentlich gar nicht kennen. Sie war die Tochter von Aro Volturi, einem der Geschäftsführer der A.M.C. Company. Woher sollte sie mich kennen? War sie vielleicht inkognito auf unserer Schule gewesen?
Als ich den Raum betreten durfte, stand Miss Marie mit dem Rücken zu mir und sah aus dem Fenster. Ich räusperte mich leise.
„Miss Marie, mein Name ist Alice Cullen, Sie haben mich zu sich gebeten?“
Mist, so wie ich das formulierte, klang es mehr nach einer Frage.
Sie atmete tief ein. „Das habe ich wohl, Alice.“ Dann drehte sie sich herum, und mir stockte der Atem.
„Bella?“, rief ich fassungslos aus. Ich konnte sie zuerst nur anstarren, bis ich alle Bedenken über Bord war und den Abstand zwischen uns überbrückte, um sie in die Arme zu nehmen.Tränen rannen über mein Gesicht. „Oh mein Gott! Was tust du hier? Was ist passiert? Warum bist du nie zurückgekehrt? Warst du wirklich schwanger? Wie geht es dir? Bist du verheiratet?“ Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus, als ich sie fest an mich drückte.
*** Flashback Ende ***
Nach und nach hatte sie mir – teilweise unter Tränen – alles berichtet, was ihr widerfahren war. Die meiste Zeit hatte ich nur dagesessen und sie mit offenem Mund angestarrt.
Ich wusste damals nicht wirklich, was ich denken sollte. Irgendwie war das alles zu viel auf einmal. Aber ich hatte den Eindruck, sie brauchte zu diesem Zeitpunkt einfach jemandem, mit dem sie reden konnte. Der einfach zuhörte.
Sie zu einem Treffen mit Jasper zu überreden, hatte sich als wirklich schwierig erwiesen.
Eigentlich wollte sie niemanden aus unserer Familie in ihr jetziges Leben hineinziehen. Es war ihr anzumerken, dass selbst das Aufeinandertreffen mit mir sie nicht unbedingt glücklich gemacht hatte.
Aber sie hatte mir berichtet, dass sie wie üblich es vor sich hin geschoben hatte, mir direkt eine Absage zu erteilen, um nicht auf mich zu treffen. Aber das auch irgendwann der Wunsch in ihr wuchs mich zu sehen. Damit ich ihr nicht zufällig über den Weg lief, und ich ihre wahre Identität vor Zeugen preisgab, hatte sie sich in das Gespräch eingeklinkt.
Es war ihr allerdings deutlich anzusehen gewesen, dass sie noch nicht genau wusste, ob das nun gut oder schlecht war.
Seufzend drehte ich mich in Jaspers Armen und legte meinen Kopf an seine Brust. „Ich hoffe, es läuft alles so mit den Beiden, wie ich es mir erhoffe.“
„Und was erhoffst du dir? Das sie sich in die Arme fallen, ewige Liebe schwören und zusammen in den Sonnenuntergang reiten?“
„Mhmm“, nuschelte ich. „Irgend sowas in der Art schwebt mir schon vor.“
„So wird es aber nicht ablaufen.“
„Ich weiß“, seufzte ich. „Das Leben ist kein Ponyhof.“
„Genau!“, er drückte einen sanften Kuss auf meine Haare. „Ich kann Edward in der Beziehung schlecht einschätzen. Er liebt Bella immer noch, anders ist seine jahrelange Abstinenz ja nicht zu erklären, aber ob er ihr verzeihen wird, steht auf einem anderen Blatt. Sie hat ihm ja schließlich seine Kinder vorenthalten. Wissentlich.“
„Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sie so etwas tut.“
„Was meinst du?“
„Naja, sie hat ihr komplettes altes Leben hinter sich gelassen. Ihre Freunde, ihre Familie, sie hat sich von allen abgenabelt. Nicht mal ihre eigenen Eltern haben ihre Enkelkinder zu Gesicht bekommen. Ich verstehe es einfach nicht.“
„Was Menschen tun, ist nicht immer logisch, oder gar nachvollziehbar“, er strich mir langsam über den Rücken. „Sie war damals gerade mal achtzehn, als sie Hals über Kopf vor Edward geflohen ist. Sie hat versucht sich einzureden, dass es besser so wäre, dass er es leichter hätte ohne sie. Und das sie schon irgendwie klarkommen würde. Und in genau dieser Situation trifft sie auf Aro, der ihr Sicherheit bietet, für eine - in ihren Augen - kleine Gegenleistung.“ Er seufzte. „Ich habe schon so oft mit Jake darüber diskutiert, aber er ist genauso ein Sturkopf wie Bella. Trotzdem bin ich froh, dass sie ihn und die anderen hat. Vor allem Seth, er ist zwar eine alte Nervensäge, aber ohne ihn, wäre Bella..“
„Shhh“, unterbrach ich ihn. Ich wollte das nicht hören, alleine die Vorstellung ließ mich durchdrehen. „Ich weiß, was du meinst.“ Fest legte ich meine Arme um ihn. „Vermutlich ist es das Beste, wir lassen es einfach auf uns zu kommen. Jetzt können wir eh nichts mehr ändern.“
Das Lied zum Chap... mal was deutsches... Silbermond „Symphonie“ http://www.youtube.com/watch?v=ckLnlHE0bFE
APOV
„Scheiße“, fluchte ich laut und wenig damenhaft, was Jasper veranlasste den Kopf in die Küche zustecken.
„Alles okay?“, fragte er vorsichtig.
„Nein“, brummelte ich. „Alles Mist! Edward hat Bella getroffen.“
Verwundert sah er mich an. „Sollte das nicht erst morgen passieren?“
„An sich schon“, seufzte ich und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht.
Verdammt, wir hatten es doch so gut geplant! Es war schon schwierig genug gewesen, Bella davon zu überzeugen, dass sie ihn wiedersehen musste. Und jetzt das!
Vor allem wusste ich ja nicht einmal, WAS überhaupt passiert war. Bella war doch darüber informiert gewesen, in welchem Hotel er untergebracht war, sie würde doch nicht absichtlich dort herumlaufen.
Aber wo sollte sie ihn denn sonst getroffen haben?
Vor allem mit den Kindern, denn so wie es klang, hatte er die ja auch gesehen. Ich überlegte fieberhaft, wie es zu dieser ungeplanten Begegnung gekommen war. Bella ging zwar nachmittags gerne mit den Kleinen in den Central Park, aber der war ja riesig. Sie war doch nicht etwa so dumm gewesen und hatte sich direkt an den Grünflächen vor dem Hotel aufgehalten? Oder? Sie hatte schließlich das Zimmer ausgesucht, also musste sie ja auch den Ausblick kennen.
„Was ist passiert?“, fragte mich Jasper und strich mir beruhigend über die Oberarme.
„Ich weiß es nicht genau“, erwiderte ich und schmiegte mich an ihn. „Edward hat nur gesagt, dass er Bella gesehen hat. Und die Kinder. Das Üble an der Sache ist, dass er sofort gemerkt hat, dass es mich nicht wirklich überrascht hat.“.
„Wie hat er reagiert?“
„Er war wütend.“
„Hattest du mit einer anderen Reaktion gerechnet?“ Er seufzte leise hinter mir und strich mir beruhigend über die Oberarme. „Ich habe euch von Anfang an gesagt, dass es sehr schwierig werden wird. Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, du hättest ihm von Beginn an reinen Wein eingeschenkt. Dass du es ihm verheimlicht hast, wird er dir nicht so schnell verzeihen. Und mir auch nicht.“
„Die Diskussion haben wir doch schon durch. Bella wollte es nicht und das musste ich doch akzeptieren. Oder etwa nicht? Es hat sich eben alles nur um ein paar Wochen verzögert. Ich finde, dass es schon ein Erfolg ist, dass sie sich überhaupt zu einem Treffen bereiterklärt hat. An sich wollte sie ihn nie wieder sehen, um es ihm nicht noch schwerer zu machen. Du weißt, es ist für sie auch nicht einfach. Aro braucht sie.“
Jasper schnaubte verächltich. „Er nutzt sie aus. Mehr nicht.“
„Jazz...ihm geht es nicht gut“, warf ich ein.
Ich spürte, wie er sich hinter mir versteifte. „Klar, geht es ihm nicht gut. Das würde es niemandem in seiner Situation gehen. Trotzdem hat er sie ausgenutzt, und tut es bis heute. Auch wenn er es natürlich abstreitet und auf seine Art versucht zu kompensieren. Aber er schafft es immer noch ihr ständig ein schlechtes Gewissen einzureden. Seine kleinen, feinen Psychotricks sorgen dafür, dass sie sich ihm immer verpflichtet fühlt. Dabei hat sie ihm das Einzige gegeben, was sie besaß. Und das wertvollste. Das kann er auch mit allem Geld nicht wieder gut machen. Aber Fakt ist, wenn er nicht gewesen wäre... Bella wäre zurückgekehrt. Nicht gleich, aber nach ein paar Monaten bestimmt. Sie liebt Edward immer noch, auch wenn sie versucht sich was anderes einzureden.“
Er redete sich richtig in Rage. Ich wusste, wie nahe ihm das alles ging. Gerade er als Psychologe, wusste natürlich, wie leicht Menschen zu manipulieren waren. Und Bella war von Aro manipuliert worden, definitiv. Schon des Öfteren hatte er versucht vernünftig mit Bella zu reden, aber sie war in dieser Hinsicht ziemlich stur. Sie sah in Aro immer nur den Wohltäter. Aber wenigstens hatte Jasper sie davon überzeugen können, dass Edward die Kinder sehen sollte. Das er ein Recht darauf hätte.
„Ich... vielleicht sollte ich Bella anrufen.“
„Warte lieber, bis sie sich bei dir meldet. Du kennst sie, sie ist nicht mehr so wie früher. Sie hat gelernt, sich alleine – naja, fast alleine – durchs Leben zu schlagen. Wenn sie dich braucht, wird sie sich melden.“
Zustimmend nickte ich.
Bella hatte sich definitiv geändert. Als ich ihr das erste Mal gegenüberstand, hätte ich sie fast nicht wiedererkannt.
*** vier Monate zuvor ***
„Miss Cullen, Ihre Bewerbung klingt wirklich vielversprechend“, lächelte mich mein vielleicht neuer Arbeitgeber über den Rand seiner Lesebrille hinweg an. „Ich bin mir sicher, dass Sie in unserem Unternehmengute Arbeit leisten könnten.“
Nervös lächelte ich zurück. Dass ich bei einer der größten Firmen der USA einen Gesprächstermin bekommen hatte, wunderte mich immer noch. Die A.M.C. Company war der Vorreiter in Sachen Musik und Mode. Erst vor eine paar Jahren war bekannt geworden, dass sie hinter den jeweils drei größten Mode-, sowie Musiklabels steckten. Überhaupt war die Firma ziemlich geheimnisumwittert. Die drei Geschäftsführer waren sehr medienscheu. Wenn überhaupt, gab es nur unscharfe Aufnahmen, da sie sich kaum in der Öffentlichkeit bewegten. Noch schlimmer war es mit der Miss Marie, die ebenfalls einen hochrangigen Posten im Unternehmen belegte. Zu sehen bekommen hatte sie außerhalb des Unternehmens noch niemand. Angeblich wurden den Mitarbeitern Verträge vorgelegt, die sie zum Schweigen verpflichteten.
Dementsprechend groß war mein Respekt. Hier zu arbeiten, war ein echter Wunschtraum und so wie es gerade aussah, ging der gerade in Erfüllung. Jasper würde so stolz auf mich sein und meine Eltern erst.
Direkt vom College bei einer solchen Firma einzusteigen, war echt eine unglaubliche Chance, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Wochenlang hatte ich mich auf diesen Termin vorbereitet. Hunderte von Entwürfen angefertigt. Das Kostüm, welches ich trug, war selbstverständlich auch eine Eigenkreation. Und so wie es schien, hatte sich der Aufwand gelohnt.
Ich schwelgte schon in Traumvorstellungen, als ich hinter mir ein leises Räuspern vernahm. Mein Gegenüber blickte erstaunt auf, und ich befand mich in einer Zwickmühle.
War es unhöflich, sich nicht herumzudrehen?
Oder wirkte es neugierig, wenn ich mich umsah?
Ich entschied mich, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten.
„Miss Marie!“, kam es von meinem Gegenüber. „Welche Freude, Sie hier zu sehen!“
Oh mein Gott! Es war tatsächlich Miss Marie, die im Raum stand!
„Luigi“, eine weibliche Stimme, die mir seltsam vertraut war, kam von einer Stelle kurz hinter mir. „Dieses Gespräch hier ist beendet.“
„Aber selbstverständlich, Miss Marie“, er sah mich an, und sein Gesicht zeigte nichts mehr von der Freundlichkeit, die er bis jetzt an den Tag gelegt hatte. „Sie haben es gehört, Miss Cullen. Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, aber leider passen Sie nicht in unser Unternehmen. Ich wünsche Ihnen trotzdem viel Erfolg auf Ihrem weiteren Lebensweg.“ Sein Lächeln war so falsch wie seine Zähne.
Stumm nickte ich und begann, mit den Tranen kämpfend, meine Sachen zusammen zu räumen.
„Luigi“, kam es wieder von hinter mir. „Ich befürchte, Sie haben mich missverstanden“, die Frau hinter mir klang jetzt etwas ungehalten.
Seine Augen weiteten sich entsetzt und er sah an mir vorbei. „Aber was...“
„Miss Cullen ist mit sofortiger Wirkung angestellt.“
Ich traute meinen Ohren nicht. Wie war das nochmal?
„Den Arbeitsvertrag habe ich bereits unterschrieben, er muss nur noch von ihr gegengezeichnet werden. Sie wird Stefan unterstellt sein, aber ihr direkter Vorgesetzter bin ich. Weisen Sie ihr einen geeigneten Raum – mit Fenster – zu, und schicken Sie danach zu mir.“
Jetzt verstand ich die Welt nicht mehr.
Ich war angestellt?
Von Miss Marie?
Aber sie kannte mich ja gar nicht!
Zu gern hätte ich ihr Gesicht gesehen, aber ich traute mich immer nicht, mich herumzudrehen.
„Selbstverständlich Miss Marie, wird sofort erledigt“, er drückte auf einen Knopf. „Bring den Arbeitsvertrag für Miss Cullen herein.“ Dann wandte er sich wieder mir zu. „Sieht so aus, als hätten Sie den Job!“
Ich flüsterte leise „Danke“ und versuchte mich an einem Lächeln. Irgendwie war mir das gerade alles zu hoch.
„Gut, dann wäre ja alles geklärt. Luigi.“ Die Frau machte eine kleine Pause. „Alice.“ Ich hörte (ich), wie eine Tür geschlossen wurde und sie war weg.
Die Erwähnung meines Namens jagte mir einen Schauer über den Rücken. Mir kam die Art, wie er ausgesprochen wurde, so eigenartig vertraut vor, aber das konnte nicht sein. Ihre Identität war eines der bestgehütesten Geheimnisse der Stadt. Und doch schrie mein Unterbewusstsein, dass ich sie irgendwo her kannte.
Mittlerweile bereute ich es wirklich, mich nicht umgedreht zu haben.
Eine halbe Stunde später hatte ich ein nettes kleines Büro, und meinen Vorgesetzten kennengelernt. Stefan war eindeutig russischer Abstammung, er nannte mich ständig 'Matroschka' und kniff mir in die Wangen, war aber alles in allem ein sehr netter Mensch. Selbst sein ständiges 'dawai, dawai' war irgendwie niedlich und ich hatte das Gefühl, dass ich mit ihm gut auskommen würde. Er brachte mich sogar bis zum Büro von Miss Marie.
Mit klopfendem Herzen stand ich vor ihrer Tür. Ihre Sekretärin hatte mich schon angemeldet, aber sie telefonierte gerade, und ich sollte mich noch einen kleinen Moment gedulden.
In meinem Kopf rumorte es.
Warum hatte sie mir geholfen? Ursprünglich hatte ich mich für das Team von diesem Luigi beworben, der aber nicht halb so nett zu sein schien, wie Stefan.
Warum kam mir ihre Stimme so bekannt vor?
Wir konnten uns doch eigentlich gar nicht kennen. Sie war die Tochter von Aro Volturi, einem der Geschäftsführer der A.M.C. Company. Woher sollte sie mich kennen? War sie vielleicht inkognito auf unserer Schule gewesen?
Als ich den Raum betreten durfte, stand Miss Marie mit dem Rücken zu mir und sah aus dem Fenster. Ich räusperte mich leise.
„Miss Marie, mein Name ist Alice Cullen, Sie haben mich zu sich gebeten?“
Mist, so wie ich das formulierte, klang es mehr nach einer Frage.
Sie atmete tief ein. „Das habe ich wohl, Alice.“ Dann drehte sie sich herum, und mir stockte der Atem.
„Bella?“, rief ich fassungslos aus. Ich konnte sie zuerst nur anstarren, bis ich alle Bedenken über Bord war und den Abstand zwischen uns überbrückte, um sie in die Arme zu nehmen.Tränen rannen über mein Gesicht. „Oh mein Gott! Was tust du hier? Was ist passiert? Warum bist du nie zurückgekehrt? Warst du wirklich schwanger? Wie geht es dir? Bist du verheiratet?“ Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus, als ich sie fest an mich drückte.
*** Flashback Ende ***
Nach und nach hatte sie mir – teilweise unter Tränen – alles berichtet, was ihr widerfahren war. Die meiste Zeit hatte ich nur dagesessen und sie mit offenem Mund angestarrt.
Ich wusste damals nicht wirklich, was ich denken sollte. Irgendwie war das alles zu viel auf einmal. Aber ich hatte den Eindruck, sie brauchte zu diesem Zeitpunkt einfach jemandem, mit dem sie reden konnte. Der einfach zuhörte.
Sie zu einem Treffen mit Jasper zu überreden, hatte sich als wirklich schwierig erwiesen.
Eigentlich wollte sie niemanden aus unserer Familie in ihr jetziges Leben hineinziehen. Es war ihr anzumerken, dass selbst das Aufeinandertreffen mit mir sie nicht unbedingt glücklich gemacht hatte.
Aber sie hatte mir berichtet, dass sie wie üblich es vor sich hin geschoben hatte, mir direkt eine Absage zu erteilen, um nicht auf mich zu treffen. Aber das auch irgendwann der Wunsch in ihr wuchs mich zu sehen. Damit ich ihr nicht zufällig über den Weg lief, und ich ihre wahre Identität vor Zeugen preisgab, hatte sie sich in das Gespräch eingeklinkt.
Es war ihr allerdings deutlich anzusehen gewesen, dass sie noch nicht genau wusste, ob das nun gut oder schlecht war.
Seufzend drehte ich mich in Jaspers Armen und legte meinen Kopf an seine Brust. „Ich hoffe, es läuft alles so mit den Beiden, wie ich es mir erhoffe.“
„Und was erhoffst du dir? Das sie sich in die Arme fallen, ewige Liebe schwören und zusammen in den Sonnenuntergang reiten?“
„Mhmm“, nuschelte ich. „Irgend sowas in der Art schwebt mir schon vor.“
„So wird es aber nicht ablaufen.“
„Ich weiß“, seufzte ich. „Das Leben ist kein Ponyhof.“
„Genau!“, er drückte einen sanften Kuss auf meine Haare. „Ich kann Edward in der Beziehung schlecht einschätzen. Er liebt Bella immer noch, anders ist seine jahrelange Abstinenz ja nicht zu erklären, aber ob er ihr verzeihen wird, steht auf einem anderen Blatt. Sie hat ihm ja schließlich seine Kinder vorenthalten. Wissentlich.“
„Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sie so etwas tut.“
„Was meinst du?“
„Naja, sie hat ihr komplettes altes Leben hinter sich gelassen. Ihre Freunde, ihre Familie, sie hat sich von allen abgenabelt. Nicht mal ihre eigenen Eltern haben ihre Enkelkinder zu Gesicht bekommen. Ich verstehe es einfach nicht.“
„Was Menschen tun, ist nicht immer logisch, oder gar nachvollziehbar“, er strich mir langsam über den Rücken. „Sie war damals gerade mal achtzehn, als sie Hals über Kopf vor Edward geflohen ist. Sie hat versucht sich einzureden, dass es besser so wäre, dass er es leichter hätte ohne sie. Und das sie schon irgendwie klarkommen würde. Und in genau dieser Situation trifft sie auf Aro, der ihr Sicherheit bietet, für eine - in ihren Augen - kleine Gegenleistung.“ Er seufzte. „Ich habe schon so oft mit Jake darüber diskutiert, aber er ist genauso ein Sturkopf wie Bella. Trotzdem bin ich froh, dass sie ihn und die anderen hat. Vor allem Seth, er ist zwar eine alte Nervensäge, aber ohne ihn, wäre Bella..“
„Shhh“, unterbrach ich ihn. Ich wollte das nicht hören, alleine die Vorstellung ließ mich durchdrehen. „Ich weiß, was du meinst.“ Fest legte ich meine Arme um ihn. „Vermutlich ist es das Beste, wir lassen es einfach auf uns zu kommen. Jetzt können wir eh nichts mehr ändern.“
Das Lied zum Chap... mal was deutsches... Silbermond „Symphonie“ http://www.youtube.com/watch?v=ckLnlHE0bFE
Montag, 20. Dezember 2010
DEJAVU - 62 - Do you love me?
62 Do you love me?
EPOV
Als Bella mich berührte, durchschoss es mich wie ein Stromschlag. Nur ohne die Zuckungen.
Es war eher lähmend.
Ich brachte einfach kein Wort mehr raus. Zwar hörte ich, wie sie mich ansprach, aber eigenartigerweise schaffte es mein Gehirn nicht, Signale an meine Lippen zu senden. Irgendwie war ich total überwältig.
So oft hatte ich mir ausgemalt, wie sie jetzt wohl aussehen würde. Ob sie sich viel verändert hätte.
Auf eine Art, sah sie aus wie früher. Ihre Gesichtszüge, die Haare, alles unverändert. Aber andererseits wirkte sie erwachsener. Und auch irgendwie... anders. Auf den ersten Blick fiel es gar nicht auf, aber bei näherem Hinsehen...
Sie wirkte ausgemergelt. Das konnte auch das dezente Make Up nicht verdecken. Einem Fremden würde es vermutlich nicht auffallen, aber ich hatte schon so oft in ihr Gesicht gesehen. Sie war blass. Noch blasser als sonst. Auch wenn ihr äußeres Erscheinungsbild augenscheinlich so aussah, als würde es ihr gut gehen, näher betrachtet, sah es etwas anders aus.
Plötzlich stand ein Typ neben Bella. Ziemlich jung und mit indianischen Wurzeln. Irgendwie kam er mir bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht zuordnen. Anscheinend wollten die beiden mich zurück ins Hotel bringen.
Als mir Bella ihre Hand reichte, griff ich einfach zu und erhob mich. Mittlerweile hatte ich mich so weit gefangen, dass ich meine Umwelt wieder klar wahrnahm und mich hätte artikulieren können, aber ich beschloss, mich weiterhin still zu verhalten. Vielleicht würde Bella dann Dinge sagen, die sie mir gegenüber nicht direkt erwähnen würde.
Wir liefen los und der Typ murmelte irgendetwas Unverständliches. Ich grübelte immer noch, woher ich ihn kannte, bis er Bella plötzlich ansprach und nachfragte, wie sie sich fühlte.
Ihre Antwort verwirrte mich nur noch mehr.
Sie hatte gewusst, dass ich herkam? Aber woher?
Ein eigenartiges Gefühl machte sich in mir breit, als er sagte „Er hat ein Recht auf seine Kinder.“
Es waren wirklich meine Kinder.
Ich war Vater.
Von Zwillingen.
Auf der einen Seite freute ich mich, aber auf der anderen Seite war ich total überfordert.
Warum hatte sie sich nie gemeldet?
Wir hätten das doch schon irgendwie hinbekommen....
Oder.... hatte sie etwa jemand anders? Liebte sie mich wirklich nicht mehr? Hatte sie ihr Herz weiterwandern lassen? War der Typ vielleicht ihr Freund? Oder gar ihr Ehemann?
Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, ich hörte kaum noch, über was die beiden weiter sprachen. Bis auf ein Wort, dass sich direkt in mein Gehirn brannte.
Seth...
Der Typ war tatsächlich der kleine Indianerjunge, dem sie mal das Leben gerettet hatte. Was tat er hier? Woher wusste er, dass Bella hier war? Wenn er es wusste, wusste auch Jake Bescheid? Hatten sie es vielleicht die ganze Zeit über gewusst?
Nachdem wir die Strasse überquert hatten, liefen wir nicht auf den Haupteingang des
Hotels zu, sondern auf einen Seiteneingang.
Wie wollten sie da reinkommen? Meines Wissens waren die Zugänge nur für das Personal und im Brandfall als Rettungswege gedacht. Wenn sie die Tür einfach öffneten, würde es bestimmt einen Alarm auslösen oder so...
Zu meinem Erstaunen hielten wir an und Bella zog eine Keycard aus ihrer Tasche und reichte sie Seth, der damit die Tür öffnete.
In meiner Grübelei hätte ich fast überhört, dass der Nama Jake fiel.
Also wusste er wirklich, wo sie war. Und mich hatte er geschlagen. Blödmann.
Wir hätten uns von Anfang an mehr auf Jake konzentrieren sollen, vielleicht hätten wir so ihren Aufenthaltsort herausbekommen. Aber hinterher war man ja immer schlauer.
Wir fuhren mit dem Lift nach oben und landeten genau vor meiner Suite.
Woher zur Hölle wussten sie, welches meine Zimmernummer war? Und in welchem Hotel ich wohnte? Hatte sie auf meine Keycard gesehen?
Bella zog sie mir aus der Tasche und öffnete damit die Tür. Dann führte sie mich hinein und setzte mich auf die Couch. Ich verhielt mich immer noch still.
Fasziniert beobachte ich, wie sie hin und her lief. Sie legte ihren Blazer ab und trat dann an das Fenster, wo ich heute bereits gestanden hatte.
Als ich sie dort stehen sah, hielt ich es nicht mehr aus, ich musste zu ihr.
Leise erhob ich mich und schlich mich hinter sie. Tief inhalierte ich ihren Geruch, er hatte sich nicht verändert. Frisch, rein und... erdbeerig
„Bella“, hauchte ich leise.
Sie fuhr erschrocken herum und stammelte meinen Namen.
Ich konnte nicht anders, ich musste sie einfach berühren, mich vergewissern, dass sie kein Traum war.
Zärtlich ließ ich einen Finger über ihre weiche Haut streichen. „Warum“, fragte ich, ohne nachzudenken und legte meine Hand an ihre Wange.
Seufzend schloss sie die Augen und schmiegte sich hinein.
In meinem Bauch ging ein Feuerwerk los. Sie so nah zu spüren, war einfach überwältigend. Meine Liebe zu ihr war unverändert stark und ich kämpfte mit dem Verlangen, sie zu küssen. Aber ein Teil von mir war auch einfach nur verletzt und verstand nicht, warum sie sich nie gemeldet hatte.
Einerseits war ich so verdammt froh, sie zu sehen, zu spüren. Andererseits würde ich sie am liebsten übers Knie legen und ihr den Hintern versohlen.
„Es ist kompliziert“, flüsterte sie leise.
„Ich bin sicher, ich kann dir folgen.“
Unendlich langsam öffnete sie ihre Augen und ich versank fast in ihnen. Sie sahen so traurig aus. Ich verstand es nicht. Sollte sie nicht glücklich sein? War sie nicht auch deswegen gegangen? Damit jeder von uns auf seine Weise glücklich wurde? Oder bereute sie es, dass sie mich angesprochen hatte? Hatte sie Angst, dass ich mich in ihr Leben einmischen würde?
„Du hast mir damals sehr wehgetan“, flüsterte sie fast unhörbar.
Als ob mir das nicht klar war. „Ich weiß“, gab ich ebenso leise zurück und sah sie intensiv an. „Aber das ist doch kein Grund...“
Sie fing an auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Das hatte sie sich anscheinend nicht abgewöhnen können.
„Ich.. ich brauchte Zeit alleine. Um nachzudenken. Und irgendwie ist das aus dem Ruder gelaufen.“
Was war das denn für eine gequirlte Scheiße? Aus dem Ruder gelaufen?
„Das nennst du aus dem Ruder laufen?“, erwiderte ich lauter als beabsichtigt und spürte, wie sie sich versteifte. „Ich habe zwei Kinder, von denen ich bisher nichts wusste. Und erzähl mir nicht, sie wären nicht von mir, ich habe gehört was Seth gesagt hat. Bella... ich... zwischenzeitlich habe ich schon geglaubt du wärst tot! Weißt du eigentlich, was du mir damit angetan hast?“
Bella senkte den Blick und nickte.
In diesem Moment wirkte sie so zerbrechlich. Ein krasser Gegensatz zu dem Bild, was ich von ihr hatte, als ich sie vorhin im Park erblickte. Da war sie selbstbewusst. Stark. Glücklich.
Und jetzt? Ein Häufchen Elend.
Instinktiv nahm ich sie fest in meine Arme, genoss die Wärme, die von ihr ausging. Tränen kämpften sich in meine Augen. „Gott, ich habe dich so vermisst“, schluchzte ich haltlos. „Jeden verdammten Tag habe ich an dich gedacht.“
All die aufgestauten Emotionen kamen aus mir heraus. Ich war einfach so verdammt glücklich, sie zu sehen. In diesem Moment war es egal, was passiert war. Sie war hier. Mit mir. Nur das zählte.
„Ich auch, Edward, ich auch“, kam es leise von ihr. „Mehr als du dir vorstellen kannst.“
Jetzt verwirrte sie mich noch mehr.
Wenn sie mich vermisst hatte, warum war sie dann nicht einfach zu mir zurückgekommen? Ich hätte sie mit offenen Armen empfangen, auch mit zwei Babies. Und meine Familie sicherlich ebenso. Gott, wenn Alice das erfuhr... sie würde bestimmt loskreischen. Und Emmett? Der wäre bestimmt auch heilfroh sie wieder zu haben.
Ich löste mich von ihr und nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Warum bist du nicht zurückgekehrt?“
Ihr Blick glitt unsicher im Zimmer hin und her. „Ich konnte nicht“, flüsterte sie. „Es ist wirklich kompliziert.“ Sie sah mich wieder direkt an. „Ich werde es dir erklären, aber nicht jetzt, okay? Du hattest genug Aufregung für heute.“
„Versprichst du mir, dass du mir alles erzählst?“, fragte ich seufzend. Ich brannte darauf, alles zu erfahren, aber irgendwie hatte ich auch Angst davor. Angst zu erfahren, dass sie einen anderen hatte. Sich neu verliebt hatte.
„Natürlich“, entgegnete Bella.
Eine Frage ließ mich aber doch nicht los. „Jane und Alec?“ Ich konnte ein Lächeln nicht verhindern. Allein der Gedanke an diese beiden süßen Geschöpfe ließ meine Brust vor Stolz schwellen.
Bella kniff die Lippen zusammen und machte ein zustimmendes Geräusch. Irgendwas war komisch... als ob sie etwas vor mir verbarg. Aber dem würde ich jetzt nicht auf den Grund gehen können.
„Hört sich gut an“, sagte ich ehrlich. „Kann ich sie sehen? Es muss ja nicht gleich heute sein. Ich habe morgen früh ein Vorstellungsgespräch. Können wir uns nicht danach sehen?“ Ich wollte sie so schnell wie möglich wiedersehen, aber heute Abend wäre sicher zu früh. Sie musste die beiden bestimmt darauf vorbereiten ihren Daddy zu sehen, und ich musste dringend mit Alice telefonieren. Sie lebte schon seit vier Monaten hier und würde bestimmt ausflippen, wenn sie erfuhr, dass ihre Nichte und ihr Neffe in der Selben Stadt wohnten.
Bella nickte langsam. „Wir könnten zusammen Mittag essen“, schlug sie vor.
„Klingt gut, wo wollen wir uns treffen?“
„Ich kenne ein nettes kleines Lokal in der Sechsunddreissigsten. Da ist es relativ ruhig um die Zeit.“
„Hört sich gut an. Ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch bei der A.M.C. Company, die ist auch dort.” Mir wurde jetzt schon schlecht, wenn ich an das Gespräch dachte. In dieser Nacht würde ich sicherlich kaum Schlaf finden, aber so ein gutes Angebot wollte ich mir eigentlich nicht durch die Lappen gehen lassen.
„Ja, die Firma ist nur einen halben Block entfernt.“
Plötzlich kam mir ein Gedanke. „Was wirst du... unseren Kindern sagen, wer ich bin?“
„Die Wahrheit“, entgegnete sie ohne zu zögern. „Sie kennen dich von Fotos und wissen, dass du ihr Vater bist.“
Einen Moment lang war ich unfähig etwas zu sagen.
Meine Kinder wissen, wie ich aussehe.... sie wissen, dass ich ihr Vater bin...?
„Du hast ihnen Fotos gezeigt? Aber... aber was hast du ihnen erzählt?“
„Dass sich Mama und Papa getrennt hätten. Sie sind sehr verständig für ihr Alter“, erwiderte Bella mit sichtlichem Stolz in der Stimme.
In diesem Moment gab ich mich einfach meinen Gefühlen hin. Ich hatte solche Sehnsucht danach, sie zu berühren, zu spüren.
„Ich würde gern etwas probieren“, sagte ich leise. „Halt ganz still.“
Zärtlich legte ich meine Lippen auf ihre. Ganz sanft. Mein Körper schrie zwar nach mehr, wollte sie richtig spüren, aber ich hielt mich zurück.
Ich wusste ja nicht, ob sie überhaupt noch etwas für mich fühlte.
Sie hatte mich vermisst, ja, aber das hieß ja nicht, dass sie mich auch noch liebte.
Es war schließlich lange her, dass sie sich von mir getrennt hatte. Und sie hatte mir geschrieben, dass ich mein Herz weiterwandern lassen sollte – vielleicht hatte sie das getan...
Vorsichtig löste ich mich wieder von ihr und sah sie unsicher an. Sie hatte mich zwar nicht von sich gestoßen, aber die Gefahr einer Ohrfeige bestand immer noch.
„Das…. war schön“, flüsterte sie und mein Herz machte einen Sprung. Es hatte ihr gefallen.
Zärtlich küsste ich sie auf die Stirn und trat einen Schritt zurück. Ich musste etwas Abstand zwischen uns bringen, sonst würde ich noch über sie herfallen. Soll ich dich anrufen, wenn ich morgen fertig bin?“
„Ja, sagte sie und holte ihr Handy aus der Tasche. „Hast du noch deine alte Nummer?“ Fragend blickte sie mich an.
„Ja“, entgegnete ich verblüfft. „Weißt du die etwa noch?“
Anstatt einer Antwort tippte sie auf ihrem Handy herum und ich hörte das vertraute Geräusch meines Klingeltons.
„Jetzt hast du meine“, sagte sie lächelnd und schlüpfte in ihren Blazer.
Eine Stimme in mir schrie, sie festzuhalten. Dass ich sie nicht gehen lassen dürfte. Aber stattdessen fragte ich nur, ob wir uns morgen wirklich sehen würden.
„Du hast doch jetzt meine Telefonnummer“, entgegnete sie aufmunternd. „Wir sehen uns morgen. Ich verspreche es dir.“
Nachdenklich sah ich sie an. Es wollte noch nicht so richtig in meinen Kopf, dass sie real war. Das sie wirklich hier war.
„Irgendwie kann ich immer noch nicht glauben, dass du kein Traum bist“, sprach ich meine Gedanken aus.
Bella kam auf mich zu und legte ihre weiche Hand an meine Wange.
„Ich bin hier, Edward“, flüsterte sie, ehe sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mich sanft küsste.
„Wir sehen uns morgen“, versprach sie mir erneut, bevor sie durch die Tür verschwand.
In mir verspürte ich den unbändigen Wunsch, ihr hinterher zu laufen. Sie zurück zu holen. Aber ich wollte es nicht überstürzen.
Stattdessen ging ich zum Fenster und sah auf die Straße hinunter.
Nach ein paar Minuten sah ich Bella, zusammen mit Seth das Hotel verlassen und wieder in Richtung Park gehen. Die zwei liefen nicht Hand in Hand, also konnte ich schon mal ausschließen, dass er ihr Freund war. So wie er sich gab, wirkte er eher wie eine Art Beschützer. Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, dass es etwas gab, wovor Bella beschützt werden müsste.
Seufzend schnappte ich mir mein Handy und speicherte ihre Nummer ein. Danach rief ich meine Schwester an.
„Na, Edward, alles klar bei dir?“, ging sie fröhlich ans Telefon. Sie war schon immer ein sehr sonniger Typ gewesen, aber in letzter Zeit war es irgendwie noch extremer. „Schon aufgeregt wegen morgen?“ - „Ja, ein wenig. Aber das ist es nicht, weswegen ich anrufe.“ – „Nein? Weswegen denn dann? Hast du dich im Bad eingesperrt und kommst nicht mehr raus?“ - „Nein.. ich.... ich habe heute jemanden getroffen.“ – „Jemanden getroffen?“ Ihre Stimme klang plötzlich eigenartig. „Wen denn?“ - „Bella“, flüsterte ich ins Telefon. „Sie ist hier in New York und sie hat Zwillinge, die sehen aus wie ich. Du glaubst nicht, wie sehr ich mich erschrocken habe.“
Stille am anderen Ende.
Kein Kreischen. Eigenartig...
„Du hast Bella schon heute getroffen?“
Irgendwas an ihrer Wortwahl machte mich stutzig.
Sie erinnerte mich an..... Bella.
„Mary Alice Cullen“, fauchte ich ins Telefon. „Willst du mir gerade erzählen, dass du wusstest, dass Bella hier lebt?“
Ein leises „Ja“ ertönte.
„Wie lange?“ – „Was?“ - „Wie lange weißt du es schon?“ – „Vier Monate.“, kam es kleinlaut. - „Du weißt es seid vier verdammten Monaten und hältst es nicht für nötig, es mir zu sagen?“ – „Bella wollte es nicht.“, sagte sie leise. „Bitte Edward, sei nicht böse...“- „Weiß es Jasper?“ – „Ja, bitte, hör mir...“- „Nein Alice, ich muss jetzt erstmal nachdenken.“
Frustriert klappte ich das Handy zu und feuerte es wütend in die nächste Ecke.
Das durfte doch alles nicht wahr sein!
Das Lied zum Chap Queen mit „Too much love will kill you“ http://www.youtube.com/watch?v=EceOhfqYQhw&feature=related
EPOV
Als Bella mich berührte, durchschoss es mich wie ein Stromschlag. Nur ohne die Zuckungen.
Es war eher lähmend.
Ich brachte einfach kein Wort mehr raus. Zwar hörte ich, wie sie mich ansprach, aber eigenartigerweise schaffte es mein Gehirn nicht, Signale an meine Lippen zu senden. Irgendwie war ich total überwältig.
So oft hatte ich mir ausgemalt, wie sie jetzt wohl aussehen würde. Ob sie sich viel verändert hätte.
Auf eine Art, sah sie aus wie früher. Ihre Gesichtszüge, die Haare, alles unverändert. Aber andererseits wirkte sie erwachsener. Und auch irgendwie... anders. Auf den ersten Blick fiel es gar nicht auf, aber bei näherem Hinsehen...
Sie wirkte ausgemergelt. Das konnte auch das dezente Make Up nicht verdecken. Einem Fremden würde es vermutlich nicht auffallen, aber ich hatte schon so oft in ihr Gesicht gesehen. Sie war blass. Noch blasser als sonst. Auch wenn ihr äußeres Erscheinungsbild augenscheinlich so aussah, als würde es ihr gut gehen, näher betrachtet, sah es etwas anders aus.
Plötzlich stand ein Typ neben Bella. Ziemlich jung und mit indianischen Wurzeln. Irgendwie kam er mir bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht zuordnen. Anscheinend wollten die beiden mich zurück ins Hotel bringen.
Als mir Bella ihre Hand reichte, griff ich einfach zu und erhob mich. Mittlerweile hatte ich mich so weit gefangen, dass ich meine Umwelt wieder klar wahrnahm und mich hätte artikulieren können, aber ich beschloss, mich weiterhin still zu verhalten. Vielleicht würde Bella dann Dinge sagen, die sie mir gegenüber nicht direkt erwähnen würde.
Wir liefen los und der Typ murmelte irgendetwas Unverständliches. Ich grübelte immer noch, woher ich ihn kannte, bis er Bella plötzlich ansprach und nachfragte, wie sie sich fühlte.
Ihre Antwort verwirrte mich nur noch mehr.
Sie hatte gewusst, dass ich herkam? Aber woher?
Ein eigenartiges Gefühl machte sich in mir breit, als er sagte „Er hat ein Recht auf seine Kinder.“
Es waren wirklich meine Kinder.
Ich war Vater.
Von Zwillingen.
Auf der einen Seite freute ich mich, aber auf der anderen Seite war ich total überfordert.
Warum hatte sie sich nie gemeldet?
Wir hätten das doch schon irgendwie hinbekommen....
Oder.... hatte sie etwa jemand anders? Liebte sie mich wirklich nicht mehr? Hatte sie ihr Herz weiterwandern lassen? War der Typ vielleicht ihr Freund? Oder gar ihr Ehemann?
Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, ich hörte kaum noch, über was die beiden weiter sprachen. Bis auf ein Wort, dass sich direkt in mein Gehirn brannte.
Seth...
Der Typ war tatsächlich der kleine Indianerjunge, dem sie mal das Leben gerettet hatte. Was tat er hier? Woher wusste er, dass Bella hier war? Wenn er es wusste, wusste auch Jake Bescheid? Hatten sie es vielleicht die ganze Zeit über gewusst?
Nachdem wir die Strasse überquert hatten, liefen wir nicht auf den Haupteingang des
Hotels zu, sondern auf einen Seiteneingang.
Wie wollten sie da reinkommen? Meines Wissens waren die Zugänge nur für das Personal und im Brandfall als Rettungswege gedacht. Wenn sie die Tür einfach öffneten, würde es bestimmt einen Alarm auslösen oder so...
Zu meinem Erstaunen hielten wir an und Bella zog eine Keycard aus ihrer Tasche und reichte sie Seth, der damit die Tür öffnete.
In meiner Grübelei hätte ich fast überhört, dass der Nama Jake fiel.
Also wusste er wirklich, wo sie war. Und mich hatte er geschlagen. Blödmann.
Wir hätten uns von Anfang an mehr auf Jake konzentrieren sollen, vielleicht hätten wir so ihren Aufenthaltsort herausbekommen. Aber hinterher war man ja immer schlauer.
Wir fuhren mit dem Lift nach oben und landeten genau vor meiner Suite.
Woher zur Hölle wussten sie, welches meine Zimmernummer war? Und in welchem Hotel ich wohnte? Hatte sie auf meine Keycard gesehen?
Bella zog sie mir aus der Tasche und öffnete damit die Tür. Dann führte sie mich hinein und setzte mich auf die Couch. Ich verhielt mich immer noch still.
Fasziniert beobachte ich, wie sie hin und her lief. Sie legte ihren Blazer ab und trat dann an das Fenster, wo ich heute bereits gestanden hatte.
Als ich sie dort stehen sah, hielt ich es nicht mehr aus, ich musste zu ihr.
Leise erhob ich mich und schlich mich hinter sie. Tief inhalierte ich ihren Geruch, er hatte sich nicht verändert. Frisch, rein und... erdbeerig
„Bella“, hauchte ich leise.
Sie fuhr erschrocken herum und stammelte meinen Namen.
Ich konnte nicht anders, ich musste sie einfach berühren, mich vergewissern, dass sie kein Traum war.
Zärtlich ließ ich einen Finger über ihre weiche Haut streichen. „Warum“, fragte ich, ohne nachzudenken und legte meine Hand an ihre Wange.
Seufzend schloss sie die Augen und schmiegte sich hinein.
In meinem Bauch ging ein Feuerwerk los. Sie so nah zu spüren, war einfach überwältigend. Meine Liebe zu ihr war unverändert stark und ich kämpfte mit dem Verlangen, sie zu küssen. Aber ein Teil von mir war auch einfach nur verletzt und verstand nicht, warum sie sich nie gemeldet hatte.
Einerseits war ich so verdammt froh, sie zu sehen, zu spüren. Andererseits würde ich sie am liebsten übers Knie legen und ihr den Hintern versohlen.
„Es ist kompliziert“, flüsterte sie leise.
„Ich bin sicher, ich kann dir folgen.“
Unendlich langsam öffnete sie ihre Augen und ich versank fast in ihnen. Sie sahen so traurig aus. Ich verstand es nicht. Sollte sie nicht glücklich sein? War sie nicht auch deswegen gegangen? Damit jeder von uns auf seine Weise glücklich wurde? Oder bereute sie es, dass sie mich angesprochen hatte? Hatte sie Angst, dass ich mich in ihr Leben einmischen würde?
„Du hast mir damals sehr wehgetan“, flüsterte sie fast unhörbar.
Als ob mir das nicht klar war. „Ich weiß“, gab ich ebenso leise zurück und sah sie intensiv an. „Aber das ist doch kein Grund...“
Sie fing an auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Das hatte sie sich anscheinend nicht abgewöhnen können.
„Ich.. ich brauchte Zeit alleine. Um nachzudenken. Und irgendwie ist das aus dem Ruder gelaufen.“
Was war das denn für eine gequirlte Scheiße? Aus dem Ruder gelaufen?
„Das nennst du aus dem Ruder laufen?“, erwiderte ich lauter als beabsichtigt und spürte, wie sie sich versteifte. „Ich habe zwei Kinder, von denen ich bisher nichts wusste. Und erzähl mir nicht, sie wären nicht von mir, ich habe gehört was Seth gesagt hat. Bella... ich... zwischenzeitlich habe ich schon geglaubt du wärst tot! Weißt du eigentlich, was du mir damit angetan hast?“
Bella senkte den Blick und nickte.
In diesem Moment wirkte sie so zerbrechlich. Ein krasser Gegensatz zu dem Bild, was ich von ihr hatte, als ich sie vorhin im Park erblickte. Da war sie selbstbewusst. Stark. Glücklich.
Und jetzt? Ein Häufchen Elend.
Instinktiv nahm ich sie fest in meine Arme, genoss die Wärme, die von ihr ausging. Tränen kämpften sich in meine Augen. „Gott, ich habe dich so vermisst“, schluchzte ich haltlos. „Jeden verdammten Tag habe ich an dich gedacht.“
All die aufgestauten Emotionen kamen aus mir heraus. Ich war einfach so verdammt glücklich, sie zu sehen. In diesem Moment war es egal, was passiert war. Sie war hier. Mit mir. Nur das zählte.
„Ich auch, Edward, ich auch“, kam es leise von ihr. „Mehr als du dir vorstellen kannst.“
Jetzt verwirrte sie mich noch mehr.
Wenn sie mich vermisst hatte, warum war sie dann nicht einfach zu mir zurückgekommen? Ich hätte sie mit offenen Armen empfangen, auch mit zwei Babies. Und meine Familie sicherlich ebenso. Gott, wenn Alice das erfuhr... sie würde bestimmt loskreischen. Und Emmett? Der wäre bestimmt auch heilfroh sie wieder zu haben.
Ich löste mich von ihr und nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Warum bist du nicht zurückgekehrt?“
Ihr Blick glitt unsicher im Zimmer hin und her. „Ich konnte nicht“, flüsterte sie. „Es ist wirklich kompliziert.“ Sie sah mich wieder direkt an. „Ich werde es dir erklären, aber nicht jetzt, okay? Du hattest genug Aufregung für heute.“
„Versprichst du mir, dass du mir alles erzählst?“, fragte ich seufzend. Ich brannte darauf, alles zu erfahren, aber irgendwie hatte ich auch Angst davor. Angst zu erfahren, dass sie einen anderen hatte. Sich neu verliebt hatte.
„Natürlich“, entgegnete Bella.
Eine Frage ließ mich aber doch nicht los. „Jane und Alec?“ Ich konnte ein Lächeln nicht verhindern. Allein der Gedanke an diese beiden süßen Geschöpfe ließ meine Brust vor Stolz schwellen.
Bella kniff die Lippen zusammen und machte ein zustimmendes Geräusch. Irgendwas war komisch... als ob sie etwas vor mir verbarg. Aber dem würde ich jetzt nicht auf den Grund gehen können.
„Hört sich gut an“, sagte ich ehrlich. „Kann ich sie sehen? Es muss ja nicht gleich heute sein. Ich habe morgen früh ein Vorstellungsgespräch. Können wir uns nicht danach sehen?“ Ich wollte sie so schnell wie möglich wiedersehen, aber heute Abend wäre sicher zu früh. Sie musste die beiden bestimmt darauf vorbereiten ihren Daddy zu sehen, und ich musste dringend mit Alice telefonieren. Sie lebte schon seit vier Monaten hier und würde bestimmt ausflippen, wenn sie erfuhr, dass ihre Nichte und ihr Neffe in der Selben Stadt wohnten.
Bella nickte langsam. „Wir könnten zusammen Mittag essen“, schlug sie vor.
„Klingt gut, wo wollen wir uns treffen?“
„Ich kenne ein nettes kleines Lokal in der Sechsunddreissigsten. Da ist es relativ ruhig um die Zeit.“
„Hört sich gut an. Ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch bei der A.M.C. Company, die ist auch dort.” Mir wurde jetzt schon schlecht, wenn ich an das Gespräch dachte. In dieser Nacht würde ich sicherlich kaum Schlaf finden, aber so ein gutes Angebot wollte ich mir eigentlich nicht durch die Lappen gehen lassen.
„Ja, die Firma ist nur einen halben Block entfernt.“
Plötzlich kam mir ein Gedanke. „Was wirst du... unseren Kindern sagen, wer ich bin?“
„Die Wahrheit“, entgegnete sie ohne zu zögern. „Sie kennen dich von Fotos und wissen, dass du ihr Vater bist.“
Einen Moment lang war ich unfähig etwas zu sagen.
Meine Kinder wissen, wie ich aussehe.... sie wissen, dass ich ihr Vater bin...?
„Du hast ihnen Fotos gezeigt? Aber... aber was hast du ihnen erzählt?“
„Dass sich Mama und Papa getrennt hätten. Sie sind sehr verständig für ihr Alter“, erwiderte Bella mit sichtlichem Stolz in der Stimme.
In diesem Moment gab ich mich einfach meinen Gefühlen hin. Ich hatte solche Sehnsucht danach, sie zu berühren, zu spüren.
„Ich würde gern etwas probieren“, sagte ich leise. „Halt ganz still.“
Zärtlich legte ich meine Lippen auf ihre. Ganz sanft. Mein Körper schrie zwar nach mehr, wollte sie richtig spüren, aber ich hielt mich zurück.
Ich wusste ja nicht, ob sie überhaupt noch etwas für mich fühlte.
Sie hatte mich vermisst, ja, aber das hieß ja nicht, dass sie mich auch noch liebte.
Es war schließlich lange her, dass sie sich von mir getrennt hatte. Und sie hatte mir geschrieben, dass ich mein Herz weiterwandern lassen sollte – vielleicht hatte sie das getan...
Vorsichtig löste ich mich wieder von ihr und sah sie unsicher an. Sie hatte mich zwar nicht von sich gestoßen, aber die Gefahr einer Ohrfeige bestand immer noch.
„Das…. war schön“, flüsterte sie und mein Herz machte einen Sprung. Es hatte ihr gefallen.
Zärtlich küsste ich sie auf die Stirn und trat einen Schritt zurück. Ich musste etwas Abstand zwischen uns bringen, sonst würde ich noch über sie herfallen. Soll ich dich anrufen, wenn ich morgen fertig bin?“
„Ja, sagte sie und holte ihr Handy aus der Tasche. „Hast du noch deine alte Nummer?“ Fragend blickte sie mich an.
„Ja“, entgegnete ich verblüfft. „Weißt du die etwa noch?“
Anstatt einer Antwort tippte sie auf ihrem Handy herum und ich hörte das vertraute Geräusch meines Klingeltons.
„Jetzt hast du meine“, sagte sie lächelnd und schlüpfte in ihren Blazer.
Eine Stimme in mir schrie, sie festzuhalten. Dass ich sie nicht gehen lassen dürfte. Aber stattdessen fragte ich nur, ob wir uns morgen wirklich sehen würden.
„Du hast doch jetzt meine Telefonnummer“, entgegnete sie aufmunternd. „Wir sehen uns morgen. Ich verspreche es dir.“
Nachdenklich sah ich sie an. Es wollte noch nicht so richtig in meinen Kopf, dass sie real war. Das sie wirklich hier war.
„Irgendwie kann ich immer noch nicht glauben, dass du kein Traum bist“, sprach ich meine Gedanken aus.
Bella kam auf mich zu und legte ihre weiche Hand an meine Wange.
„Ich bin hier, Edward“, flüsterte sie, ehe sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mich sanft küsste.
„Wir sehen uns morgen“, versprach sie mir erneut, bevor sie durch die Tür verschwand.
In mir verspürte ich den unbändigen Wunsch, ihr hinterher zu laufen. Sie zurück zu holen. Aber ich wollte es nicht überstürzen.
Stattdessen ging ich zum Fenster und sah auf die Straße hinunter.
Nach ein paar Minuten sah ich Bella, zusammen mit Seth das Hotel verlassen und wieder in Richtung Park gehen. Die zwei liefen nicht Hand in Hand, also konnte ich schon mal ausschließen, dass er ihr Freund war. So wie er sich gab, wirkte er eher wie eine Art Beschützer. Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, dass es etwas gab, wovor Bella beschützt werden müsste.
Seufzend schnappte ich mir mein Handy und speicherte ihre Nummer ein. Danach rief ich meine Schwester an.
„Na, Edward, alles klar bei dir?“, ging sie fröhlich ans Telefon. Sie war schon immer ein sehr sonniger Typ gewesen, aber in letzter Zeit war es irgendwie noch extremer. „Schon aufgeregt wegen morgen?“ - „Ja, ein wenig. Aber das ist es nicht, weswegen ich anrufe.“ – „Nein? Weswegen denn dann? Hast du dich im Bad eingesperrt und kommst nicht mehr raus?“ - „Nein.. ich.... ich habe heute jemanden getroffen.“ – „Jemanden getroffen?“ Ihre Stimme klang plötzlich eigenartig. „Wen denn?“ - „Bella“, flüsterte ich ins Telefon. „Sie ist hier in New York und sie hat Zwillinge, die sehen aus wie ich. Du glaubst nicht, wie sehr ich mich erschrocken habe.“
Stille am anderen Ende.
Kein Kreischen. Eigenartig...
„Du hast Bella schon heute getroffen?“
Irgendwas an ihrer Wortwahl machte mich stutzig.
Sie erinnerte mich an..... Bella.
„Mary Alice Cullen“, fauchte ich ins Telefon. „Willst du mir gerade erzählen, dass du wusstest, dass Bella hier lebt?“
Ein leises „Ja“ ertönte.
„Wie lange?“ – „Was?“ - „Wie lange weißt du es schon?“ – „Vier Monate.“, kam es kleinlaut. - „Du weißt es seid vier verdammten Monaten und hältst es nicht für nötig, es mir zu sagen?“ – „Bella wollte es nicht.“, sagte sie leise. „Bitte Edward, sei nicht böse...“- „Weiß es Jasper?“ – „Ja, bitte, hör mir...“- „Nein Alice, ich muss jetzt erstmal nachdenken.“
Frustriert klappte ich das Handy zu und feuerte es wütend in die nächste Ecke.
Das durfte doch alles nicht wahr sein!
Das Lied zum Chap Queen mit „Too much love will kill you“ http://www.youtube.com/watch?v=EceOhfqYQhw&feature=related
Sonntag, 12. Dezember 2010
DEJAVU - 61 - Love is worth
61 Love is worth
BPOV
Als ich Edward erblickte, blieb mein Herz fast stehen. Mein ganzer Bauch zog sich krampfartig zusammen, aber ich versuchte nach außen hin ruhig zu bleiben.
Ihn hier zu sehen, kam doch etwas überraschend. Ich wusste zwar, dass er schon in der Stadt war, aber ihm auf diesem riesigen Areal über den Weg zu laufen war wirklich überraschend.
Vor allem, was würde jetzt passieren?
Wie würde er reagieren?
Was würde er sagen?
Würde er mich überhaupt anhören?
All die Jahre hatte ich mir vorgestellt, wie es wäre, ihn zufällig zu treffen. Und seid der Termin unseres Aufeinandertreffens feststand, war ich die Szene schon tausende Male im Kopf durchgegangen. Jedes verdammte Wort, das ich sagen wollte, hatte ich mir überlegt.
Und jetzt?
Herrschte komplette Leere in meinem Kopf. Dafür spielte mein Bauch verrückt.
Ein heftiges Gefühl der Sehnsucht erfasste mich, als ich ihn auf der Bank sitzen sah und er mich mit diesem undefinierbaren Blick fixierte.
Ob er beim Anblick von Jane und Alec die richtigen Schlüsse zog? Es war ja eigentlich nicht zu übersehen, wer ihr Vater war.
Ich hockte mich kurz hin und flüsterte den Beiden zu, dass sie sich zu Onkel Embry begeben sollten. Es war besser, wenn ich erstmal alleine mit ihm sprach, er würde mir bestimmt Vorwürfe machen. Einen eventuellen Streit durften die beiden auf keinen Fall mitbekommen. Momentan konnte ich nicht einschätzen, wie er reagieren würde. Der Knoten in meinem Bauch wurde immer fester, mir wurde langsam richtig übel.
Aber an sich hatte ich es ja auch nicht besser verdient, ich hatte unser beider Leben zerstört. Heftige Zweifel plagten mich, denn ich war mir überhaupt nicht sicher, ob ich hier das Richtige tat. Ehrlich gesagt, konnte ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen, dass er mir jemals verzeihen würde. Es war soviel passiert, von dem er noch gar nichts wusste.
Ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war ihn herzuholen? Wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, er hätte es nur erfahren, wenn ich....
Seufzend drückte ich den versteckten Knopf an meinem Blazer.
„Seth?“
„Mhmmm“, hörte ich ihn in meinem Ohr. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich wusste, er würde nicht weit entfernt sein.
„Kannst du die beiden mit Embry nach Hause schicken?“
„Geht klar.“
Eine Sache, die ich an ihm mochte war, dass er keine unnötigen Fragen stellte. Ich war mir sicher, dass er Edward gesehen hatte. Jake hätte mir jetzt wieder einen Vortrag gehalten.
Nachdem meine Beiden abgedüst waren, schritt ich langsam auf Edward zu und betrachtete ihn dabei eingehend.
Die Fotos, die ich von ihm hatte, wurden seiner Erscheinung nicht gerecht. Er war einfach immer noch atemberaubend. Die Jahre hatten ihn vom achtzehnjährigen Heißsporn, zu einem unglaublich attraktiven jungen Mann heranreifen lassen und ich bekam kaum Luft, weil er trotz der langen Zeitspanne die hinter uns lag, nichts von seiner Wirkung auf mich eingebüßt hatte. Er trug die Haare etwas kürzer, aber sie standen immer noch in alle Richtungen ab. Seine Gesichtszüge waren etwas markanter geworden, männlicher. Edward war erwachsen geworden.
Schmetterlinge begannen in meinem Magen herumzufliegen.
Alice hatte recht gehabt.
Ich liebte ihn, ohne jeden Zweifel. Hatte nie aufgehört es zu tun.
Verdammt.
Wie oft hatte ich die Entscheidung damals schon bereut und tat es heute noch. Ich war so entsetzlich dumm gewesen, aber das hatte ich erst erkannt, als es kein Zurück mehr gab.
Wie blöd war ich nur gewesen, zu glauben, dass ich ihn vergessen könnte? Alleine schon der Anblick von Alec erinnerte mich täglich an ihn und ließ mein Herz schmerzen.
Allerdings hatte er mich damals wirklich verletzt. Dass er mich betrogen hatte, traf mich wirklich tief. Wobei, wenn ich es genau nahm, war es ja eigentlich kein Betrug gewesen, denn wir waren ja getrennt. Mir wurde nur eben klar, dass wir kein Märchentraumpaar waren, bei dem alles rosarot glitzerte. Und das tat weh. Genauso, wie die Tatsache, dass er mir nicht vertraute.
Ich wollte damals einfach nur weg und dachte nicht im Geringsten an die Konsequenzen.
Und jetzt?
Er war sicher nicht gut auf mich zu sprechen, gerade weil er ja jetzt auch die Kinder gesehen hatte...
Aber ich habe mir die Suppe ja selber eingebrockt, nun musste ich sie auch auslöffeln.
Er wird mich sicherlich hassen, für das, was ich ihm angetan habe. Was ich uns angetan habe.
Aber es nützt nichts in der Vergangenheit herumzuwühlen. Ich sollte die sicherlich wenigen Augenblicke, die ich mit ihm haben würde, genießen.
Wer weiß wie viele es sein werden, bevor er die Flucht ergreift...
Tief einatmend nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, den ich noch zusammenkratzen konnte und trat auf ihn zu. Unsicher ging vor ihm in die Hocke und erschauerte, als ich in seine wundervollen Augen blickte. Sein Blick klebte dabei an meinem Gesicht. Automatisch legte ich meine Hand auf seine.
Es fühlte sich so vertraut an.
Und verdammt gut.
„Edward“, sprach ich mit ruhiger Stimme, obwohl in mir ein Orkan wütete. „Ich hätte nicht damit gerechnet dich heute schon zu sehen.“
Mist, jetzt wusste er, dass du was geplant hattest...
Erwartungsvoll und mit dickem Kloß im Hals, sah ich ihn an, aber er sagte keinen Ton.
Blinzelte nicht einmal. Starrte mich einfach nur an.
Scheiße, er hatte doch nicht etwa einen Schock?
„Edward…Edward…bitte sag doch was!“, flehte ich ihn an und drückte seine Hand ein wenig stärker. Immer noch zeigte er keine Reaktion, sondern war irgendwie in eine Art katatonische Starre verfallen. Er sah mich an, und doch sah er durch mich hindurch, das machte mir jetzt fast schon Angst. Ich brauchte Hilfe, unbedingt, denn Edward war überhaupt nicht ansprechbar.
„Seth?“, murmelte ich leise.
„Yepp“, kam es zurück.
„Ich glaube, er hat einen Schock.“
„Einen Schock? Wovon?“
„Davon, dass er mich und die Kinder gesehen hat vermutlich. Wovon denn sonst?“, flüsterte ich ärgerlich und fixierte Edward besorgt. „Er rührt sich gar nicht mehr.“
Er gluckste. „Einen Schock, weil er dich gesehen hat? Also eigentlich, siehst du ganz passabel aus. Morgens um sechs, ohne Kaffee und bevor du im Bad warst – der Anblick könnte einen vielleicht schocken, aber doch nicht jetzt.“
„Dummschwätzer“, gab ich zurück, denn mir war gar nicht nach Scherzen zumute. Ich hatte wirklich mit vielem gerechnet, mit Schreien, mit Tränen, mit Vorwürfen, aber dass er einfach durch mich hindurch sah, als wäre ich gar nicht vorhanden, machte mich total fertig. Das war nicht der Edward den ich kannte. Was hatte ich ihm nur angetan, das mein Anblick ihn derart verstörte? Ich versuchte mich ein bisschen in den Griff zu kriegen und drückte wieder auf den Knopf. „Wir sollten ihn ins Hotel bringen.“
„Jumeirah Essex House, Suite 712, richtig? Hast du deine Keycard dabei?“
„Ja….ja….ich habe alles bei mir“, flüsterte ich leise und strich ihm vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er zuckte nicht mal.
„Gut.“ Seth stand plötzlich neben mir und grinste. „Muss ich ihn über die Schulter werfen, oder schafft er es alleine, was meinst du?“
„Ich hoffe er packt das alleine, ich will nicht unnötig Aufsehen erregen.“ Mir war so schon unwohl bei der ganzen Sache. Morgen, da wäre ich ihm auf halbwegs neutralem Boden begegnet. Und vor allem ohne Zuschauer. Aber hier? Bestimmt fragten sich schon einige, was wir hier eigentlich taten.
„Stimmt, wenn ich mit ihm über der Schulter durch die Lobby laufe, denken die vielleicht wir haben ihn abgemurkst“, kicherte er jetzt.
Ich seufzte. Seth und sein Humor. Selbst in der blödesten Situation fiel ihm noch ein Witz ein. Er war manchmal wirklich ein Kindskopf, aber wenn es hart auf hart kam, konnte ich mich auf ihn verlassen.
Ich nahm Edwards Hand und stand auf. Unglaublicher Weise tat er es mir gleich.
„Ein Problem weniger“, murmelte Seth. „Six Two One, begebe mich mit Six Four Three zum Jumeirah Essex House.“
„Geht klar“, hörte ich Sam antworten. „Benötigt ihr Hilfe?“
„Negativ, alles in Ordnung“, gab Seth durch und wir setzten uns in Bewegung. Edward trottete einfach neben mir her. Seth lief auf meiner anderen Seite.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er nach einer Weile.
„Beschissen“, antwortete ich ehrlich. „Ich hab keine Ahnung, was ich ihm sagen soll.“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Aber du wusstest doch, dass er kommt.“
„Ja, schon. Aber die Wirklichkeit ist doch immer noch etwas anders als meine Vorstellungen.“ Ich seufzte leise. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war.“
Seth schnaubte leise.
„Du hättest das schon vor Jahren tun sollen. Er hat ein Recht auf seine Kinder.“
Er war der Einzige, der mir das immer wieder vor Augen hielt. Jake hatte mich unterstützt, egal was ich tat, aber Seth? Er warf mir an den Kopf, dass ich egoistisch wäre, die Arschbacken zusammen kneifen und dazu stehen sollte, was ich für Mist verzapft hatte.
Und trotzdem – oder gerade deswegen – stand er mir im Moment am Nächsten. Die Kinder liebten ihn abgöttisch, auch wenn sie sehr wohl wussten, dass er nicht ihr Vater war.
„Ich weiß, ich weiß. Aber es ist alles nicht so einfach, weißt du?“ Ich fuhr mir mit meiner freien Hand durch die Haare.
„Nicht einfach? Du liebst ihn, dass weiß ich. Auch wenn du es selber nicht einsehen willst. Und ich verwette meinen Hut, dass er dich ebenfalls noch liebt. Umsonst war er nicht die ganzen Jahre allein.“
„Du hast keinen Hut, Seth“, gab ich zurück.
„Dann kaufe ich mir einen“, konterte er. „Leihst du mir deine Kreditkarte?“
Ich knuffte ihn spielerisch in die Seite.
Was hätte ich nur die letzten Jahre ohne ihn getan? Sein sonniges Gemüt und der grenzenlose Optimismus hatten mich oft aus meiner Lethargie gerissen. Er war der Einzige, der an mich heran kam, wenn ich mal wieder im Selbstmitleid zerfloss. Vermutlich, weil er nicht auf die „arme, arme Bella“-Tour kam, sondern mir gerade in diesen Momenten vor Augen hielt, dass ich es mir selber ausgesucht hatte und verdammt noch mal dazu stehen sollte.
Wir erreichten das Ende des Parks und überquerten die Straße. Seth steuerte zielstrebig den Seiteneingang an.
„Kann ich mal deine Card haben, meine hat nicht genug Rechte“, nuschelte er kurz vor der Tür.
Ich fischte die Karte aus der Tasche und reichte sie ihm. „Warum hab ich mehr Rechte als du?“
„Weil Jake mich ärgern will“, knurrte er leise und steckte die Karte in den unauffällig angebrachten Kartenleser neben der Tür. Die Lampe sprang auf grün und die Tür glitt geräuschlos auf. „Vermutlich denkt er, so würde ich eher an dir dran bleiben.“
Gegenüber der Tür war ein Lift, mit dem wir in die Etage der Suite fuhren. Vor dem eigentlichen Eingang der Suite befand sich ein kleiner Vorraum, der gegebenenfalls von einer Empfangsdame oder Sicherheitspersonal genutzt werden konnte.
Seth ging auf den dort stehenden Sessel zu und ließ sich hineinfallen. „Ich warte hier, wenn was ist, ruf mich.“
Ich nickte. „Wenn es zu lange dauern sollte, ruf dir eine Ablösung, okay?“
Er schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Und wenn du die ganze Nacht da drin verbringst, das geht niemanden was an.“
„ Außer mich vielleicht“, ergänzte er zwinkernd.
Ich lächelte ihn an und öffnete mit meiner Keycard die Zimmertür. Behutsam führte ich Edward hinein und brachte ihn dazu sich auf die Couch zu setzen.
Noch immer hatte er keinen Ton gesagt und schien durch mich hindurch zu sehen.
Scheiße, was machte ich jetzt bloß?
Ob ich Jasper anrufen sollte? Er wüsste bestimmt was zu tun ist.
Unschlüssig lief ich im Zimmer auf und ab. Zog meinen Blazer aus und hängte ihn an einen Haken. Dann stellte ich mich ans Fenster und sah einen Moment lang nach draußen.
„Bella“, hörte ich es plötzlich leise hinter mir. Erschrocken drehte ich mich herum und sah direkt in Edwards Augen. Er war aufgestanden und hatte sich direkt hinter mich gestellt.
„Ed... Edward“, stammelte ich. Zu mehr war ich nicht fähig. Die ganze Zeit hatte ich mir versucht einzureden, dass er mir nicht fehlen würde, aber ich hatte mich selbst belogen. Mein Herz fing an mit doppelter Geschwindigkeit zu schlagen und mein Mund wurde trocken.
Er hob langsam seine Hand und ließ seinen Zeigefinger über meine Wange gleiten. „Warum?“, hauchte er leise und legte seine Hand an meine Wange.
Ich schmiegte mich hinein und schloss seufzend die Augen.
„Es ist kompliziert.“
„Ich bin sicher, ich kann dir folgen.“
Langsam öffnete ich die Augen. „Du hast mir damals sehr wehgetan.“
„Ich weiß“, flüsterte er. „aber das ist doch kein Grund...“ Er ließ den Satz unbeendet.
Nervös begann ich auf meiner Unterlippe herumzukauen. „Ich.. ich brauchte Zeit alleine. Um nachzudenken. Und irgendwie ist das aus dem Ruder gelaufen.“
„Das nennst du aus dem Ruder laufen?“ Seine Stimme nahm einen leicht scharfen Ton an. „Ich habe zwei Kinder, von denen ich bisher nichts wusste. Und erzähl mir nicht, sie wären nicht von mir, ich habe gehört was Seth gesagt hat. Bella... ich... zwischenzeitlich habe ich schon geglaubt du wärst tot! Weißt du eigentlich, was du mir angetan hast?“
Nickend senkte ich den Blick. Der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker. Es würde nicht lange dauern, bis ich in Tränen ausbrach. Dabei hätte er ja eigentlich allen Grund dazu.
Plötzlich waren seine Arme ganz fest um mich geschlungen. „Gott, ich habe dich so vermisst“, schluchzte er in meine Haare. Automatisch strichen meine Hände beruhigend über seinen Rücken. „Jeden verdammten Tag, habe ich an dich gedacht.“
„Ich auch, Edward, ich auch“, murmelte ich leise. „Mehr als du dir vorstellen kannst.“
Er nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mich mit tränenverschleiertem Blick an. „Warum bist du nicht zurückgekehrt?“
„Ich... ich konnte nicht“, flüsterte ich. „Es ist wirklich kompliziert. Ich werde es dir erklären, aber nicht jetzt, okay? Du hattest genug Aufregung für heute.“
„Versprichst du mir, dass du mir alles erzählst?“, fragte er mit großen Augen.
„Natürlich.“
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Jane und Alec?“
„Mhmm“, machte ich mit zusammengekniffenen Lippen. Er hatte mich anscheinend rufen hören. Das die beiden nicht Swan mit Nachnamen hießen, musste ich ihm ja nicht unbedingt gleich auf die Nase binden.
„Hört sich gut an.“ Er atmete tief ein. „Kann ich sie sehen? Es muss ja nicht gleich heute sein. Ich habe morgen früh ein Vorstellungsgespräch, können wir uns danach sehen?“
Ich nickte langsam. Das ungute Gefühl in meinem Bauch wurde wieder stärker. Wie wird er wohl auf sie reagieren? Was werden die beiden zu ihm sagen? Jane wird ihm vermutlich gleich um den Hals fallen, sie ist immer sehr emotional. Und Alec? Er wird sehr wahrscheinlich eher vorsichtig sein.
„Wir könnten zusammen Mittag essen“, fügte ich mit rauer Stimme hinzu.
„Klingt gut, wo wollen wir uns treffen?“ Er schien begeistert zu sein.
„Ich kenne ein nettes kleines Lokal in der Sechsunddreissigsten. Da ist es relativ ruhig um die Zeit.“
„Hört sich gut an, ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch bei der A.M.C. Company, die ist auch dort.”
„Ja, die Firma ist nur einen halben Block entfernt.“
Auf einmal runzelte er die Stirn. „Was wirst du... unseren Kindern sagen, wer ich bin?“
„Die Wahrheit“, antwortete ich. „Sie kennen dich von Fotos, und wissen, dass du ihr Vater bist.“
Jetzt starrte er mich perplex an. „Du hast ihnen Fotos gezeigt? Aber... aber was hast du ihnen erzählt?“
„Dass sich Mama und Papa getrennt hätten. Sie sind sehr verständig für ihr Alter.“
Einen Moment lang schwiegen wir, sahen uns einfach in die Augen.
„Ich würde gern etwas probieren“, kam es plötzlich von ihm. „Halt ganz still.“
Im nächsten Moment lagen seine weichen Lippen auf meinen, und ich schloss die Augen. In seinem Kuss lag kein Verlangen, keine Leidenschaft, einfach nur Sehnsucht.
Ein paar Sekunden später löste er sich wieder von mir und sah mich unsicher an.
Hatte er etwa Angst, dass ich ihn nicht küssen wollte?
„Das…. war schön“, lächelte ich ihn an. Ich konnte nicht fassen, dass er mich nicht anschrie und so ruhig blieb. Doch ich war weit davon entfernt, mich darüber zu beschweren. Nach all den einsamen Jahren, hatte ich wieder sowas wie Hoffnung. Vielleicht…wenn er die ganze Wahrheit kannte und sie sogar verstand…mir vergab…vielleicht gab es doch eine Chance für uns. Irgendwann…ich hoffte es so sehr.
Er drückt mir noch einen Kuss auf die Stirn, eher er ein Stück zurück trat. „Soll ich dich anrufen, wenn ich morgen fertig bin?“
„Ja“, ich holte mein Handy aus der Hosentasche. „Hast du noch deine alte Nummer?“ Eigentlich wusste ich, dass er sie hatte, aber ich musste ja die Scharade aufrecht erhalten. Vorerst.
„Ja“, er sah überrascht aus. „Weißt du die etwa noch?“
Anstatt einer Antwort wählte ich seine Nummer, und sein Handy fing an zu klingeln. „Jetzt hast du meine.“ Ich nahm meinen Blazer und schlüpfte hinein.
„Und wir sehen uns wirklich morgen Mittag?“, fragte er mit Unglauben in der Stimme. „Ich würde dich am liebsten gar nicht gehen lassen, weil ich Angst habe, dich nicht wiederzusehen.“
„Du hast doch jetzt meine Telefonnummer. Wir sehen uns morgen. Ich verspreche es dir, Edward“, lächelte ich ihn aufmunternd an.
Er legte den Kopf schief und betrachtet mich. „Irgendwie kann ich immer noch nicht glauben, dass du kein Traum bist.“
Langsam trat ich auf ihn zu, bis ich direkt vor ihm stand, und legte meine Hand an seine Wange.
„Ich bin hier, Edward.“ Dann stellte ich mich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Wir sehen uns morgen.“ Anschließend drehte ich mich herum und verließ sein Zimmer.
Das Lied zum Chap O.A.R. „Love is worth the fall“ http://www.youtube.com/user/TheUratoh?feature=mhum#p/c/7A640DDC795742B4/24/XENm4uKsONw
BPOV
Als ich Edward erblickte, blieb mein Herz fast stehen. Mein ganzer Bauch zog sich krampfartig zusammen, aber ich versuchte nach außen hin ruhig zu bleiben.
Ihn hier zu sehen, kam doch etwas überraschend. Ich wusste zwar, dass er schon in der Stadt war, aber ihm auf diesem riesigen Areal über den Weg zu laufen war wirklich überraschend.
Vor allem, was würde jetzt passieren?
Wie würde er reagieren?
Was würde er sagen?
Würde er mich überhaupt anhören?
All die Jahre hatte ich mir vorgestellt, wie es wäre, ihn zufällig zu treffen. Und seid der Termin unseres Aufeinandertreffens feststand, war ich die Szene schon tausende Male im Kopf durchgegangen. Jedes verdammte Wort, das ich sagen wollte, hatte ich mir überlegt.
Und jetzt?
Herrschte komplette Leere in meinem Kopf. Dafür spielte mein Bauch verrückt.
Ein heftiges Gefühl der Sehnsucht erfasste mich, als ich ihn auf der Bank sitzen sah und er mich mit diesem undefinierbaren Blick fixierte.
Ob er beim Anblick von Jane und Alec die richtigen Schlüsse zog? Es war ja eigentlich nicht zu übersehen, wer ihr Vater war.
Ich hockte mich kurz hin und flüsterte den Beiden zu, dass sie sich zu Onkel Embry begeben sollten. Es war besser, wenn ich erstmal alleine mit ihm sprach, er würde mir bestimmt Vorwürfe machen. Einen eventuellen Streit durften die beiden auf keinen Fall mitbekommen. Momentan konnte ich nicht einschätzen, wie er reagieren würde. Der Knoten in meinem Bauch wurde immer fester, mir wurde langsam richtig übel.
Aber an sich hatte ich es ja auch nicht besser verdient, ich hatte unser beider Leben zerstört. Heftige Zweifel plagten mich, denn ich war mir überhaupt nicht sicher, ob ich hier das Richtige tat. Ehrlich gesagt, konnte ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen, dass er mir jemals verzeihen würde. Es war soviel passiert, von dem er noch gar nichts wusste.
Ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war ihn herzuholen? Wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, er hätte es nur erfahren, wenn ich....
Seufzend drückte ich den versteckten Knopf an meinem Blazer.
„Seth?“
„Mhmmm“, hörte ich ihn in meinem Ohr. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich wusste, er würde nicht weit entfernt sein.
„Kannst du die beiden mit Embry nach Hause schicken?“
„Geht klar.“
Eine Sache, die ich an ihm mochte war, dass er keine unnötigen Fragen stellte. Ich war mir sicher, dass er Edward gesehen hatte. Jake hätte mir jetzt wieder einen Vortrag gehalten.
Nachdem meine Beiden abgedüst waren, schritt ich langsam auf Edward zu und betrachtete ihn dabei eingehend.
Die Fotos, die ich von ihm hatte, wurden seiner Erscheinung nicht gerecht. Er war einfach immer noch atemberaubend. Die Jahre hatten ihn vom achtzehnjährigen Heißsporn, zu einem unglaublich attraktiven jungen Mann heranreifen lassen und ich bekam kaum Luft, weil er trotz der langen Zeitspanne die hinter uns lag, nichts von seiner Wirkung auf mich eingebüßt hatte. Er trug die Haare etwas kürzer, aber sie standen immer noch in alle Richtungen ab. Seine Gesichtszüge waren etwas markanter geworden, männlicher. Edward war erwachsen geworden.
Schmetterlinge begannen in meinem Magen herumzufliegen.
Alice hatte recht gehabt.
Ich liebte ihn, ohne jeden Zweifel. Hatte nie aufgehört es zu tun.
Verdammt.
Wie oft hatte ich die Entscheidung damals schon bereut und tat es heute noch. Ich war so entsetzlich dumm gewesen, aber das hatte ich erst erkannt, als es kein Zurück mehr gab.
Wie blöd war ich nur gewesen, zu glauben, dass ich ihn vergessen könnte? Alleine schon der Anblick von Alec erinnerte mich täglich an ihn und ließ mein Herz schmerzen.
Allerdings hatte er mich damals wirklich verletzt. Dass er mich betrogen hatte, traf mich wirklich tief. Wobei, wenn ich es genau nahm, war es ja eigentlich kein Betrug gewesen, denn wir waren ja getrennt. Mir wurde nur eben klar, dass wir kein Märchentraumpaar waren, bei dem alles rosarot glitzerte. Und das tat weh. Genauso, wie die Tatsache, dass er mir nicht vertraute.
Ich wollte damals einfach nur weg und dachte nicht im Geringsten an die Konsequenzen.
Und jetzt?
Er war sicher nicht gut auf mich zu sprechen, gerade weil er ja jetzt auch die Kinder gesehen hatte...
Aber ich habe mir die Suppe ja selber eingebrockt, nun musste ich sie auch auslöffeln.
Er wird mich sicherlich hassen, für das, was ich ihm angetan habe. Was ich uns angetan habe.
Aber es nützt nichts in der Vergangenheit herumzuwühlen. Ich sollte die sicherlich wenigen Augenblicke, die ich mit ihm haben würde, genießen.
Wer weiß wie viele es sein werden, bevor er die Flucht ergreift...
Tief einatmend nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, den ich noch zusammenkratzen konnte und trat auf ihn zu. Unsicher ging vor ihm in die Hocke und erschauerte, als ich in seine wundervollen Augen blickte. Sein Blick klebte dabei an meinem Gesicht. Automatisch legte ich meine Hand auf seine.
Es fühlte sich so vertraut an.
Und verdammt gut.
„Edward“, sprach ich mit ruhiger Stimme, obwohl in mir ein Orkan wütete. „Ich hätte nicht damit gerechnet dich heute schon zu sehen.“
Mist, jetzt wusste er, dass du was geplant hattest...
Erwartungsvoll und mit dickem Kloß im Hals, sah ich ihn an, aber er sagte keinen Ton.
Blinzelte nicht einmal. Starrte mich einfach nur an.
Scheiße, er hatte doch nicht etwa einen Schock?
„Edward…Edward…bitte sag doch was!“, flehte ich ihn an und drückte seine Hand ein wenig stärker. Immer noch zeigte er keine Reaktion, sondern war irgendwie in eine Art katatonische Starre verfallen. Er sah mich an, und doch sah er durch mich hindurch, das machte mir jetzt fast schon Angst. Ich brauchte Hilfe, unbedingt, denn Edward war überhaupt nicht ansprechbar.
„Seth?“, murmelte ich leise.
„Yepp“, kam es zurück.
„Ich glaube, er hat einen Schock.“
„Einen Schock? Wovon?“
„Davon, dass er mich und die Kinder gesehen hat vermutlich. Wovon denn sonst?“, flüsterte ich ärgerlich und fixierte Edward besorgt. „Er rührt sich gar nicht mehr.“
Er gluckste. „Einen Schock, weil er dich gesehen hat? Also eigentlich, siehst du ganz passabel aus. Morgens um sechs, ohne Kaffee und bevor du im Bad warst – der Anblick könnte einen vielleicht schocken, aber doch nicht jetzt.“
„Dummschwätzer“, gab ich zurück, denn mir war gar nicht nach Scherzen zumute. Ich hatte wirklich mit vielem gerechnet, mit Schreien, mit Tränen, mit Vorwürfen, aber dass er einfach durch mich hindurch sah, als wäre ich gar nicht vorhanden, machte mich total fertig. Das war nicht der Edward den ich kannte. Was hatte ich ihm nur angetan, das mein Anblick ihn derart verstörte? Ich versuchte mich ein bisschen in den Griff zu kriegen und drückte wieder auf den Knopf. „Wir sollten ihn ins Hotel bringen.“
„Jumeirah Essex House, Suite 712, richtig? Hast du deine Keycard dabei?“
„Ja….ja….ich habe alles bei mir“, flüsterte ich leise und strich ihm vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er zuckte nicht mal.
„Gut.“ Seth stand plötzlich neben mir und grinste. „Muss ich ihn über die Schulter werfen, oder schafft er es alleine, was meinst du?“
„Ich hoffe er packt das alleine, ich will nicht unnötig Aufsehen erregen.“ Mir war so schon unwohl bei der ganzen Sache. Morgen, da wäre ich ihm auf halbwegs neutralem Boden begegnet. Und vor allem ohne Zuschauer. Aber hier? Bestimmt fragten sich schon einige, was wir hier eigentlich taten.
„Stimmt, wenn ich mit ihm über der Schulter durch die Lobby laufe, denken die vielleicht wir haben ihn abgemurkst“, kicherte er jetzt.
Ich seufzte. Seth und sein Humor. Selbst in der blödesten Situation fiel ihm noch ein Witz ein. Er war manchmal wirklich ein Kindskopf, aber wenn es hart auf hart kam, konnte ich mich auf ihn verlassen.
Ich nahm Edwards Hand und stand auf. Unglaublicher Weise tat er es mir gleich.
„Ein Problem weniger“, murmelte Seth. „Six Two One, begebe mich mit Six Four Three zum Jumeirah Essex House.“
„Geht klar“, hörte ich Sam antworten. „Benötigt ihr Hilfe?“
„Negativ, alles in Ordnung“, gab Seth durch und wir setzten uns in Bewegung. Edward trottete einfach neben mir her. Seth lief auf meiner anderen Seite.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er nach einer Weile.
„Beschissen“, antwortete ich ehrlich. „Ich hab keine Ahnung, was ich ihm sagen soll.“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Aber du wusstest doch, dass er kommt.“
„Ja, schon. Aber die Wirklichkeit ist doch immer noch etwas anders als meine Vorstellungen.“ Ich seufzte leise. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war.“
Seth schnaubte leise.
„Du hättest das schon vor Jahren tun sollen. Er hat ein Recht auf seine Kinder.“
Er war der Einzige, der mir das immer wieder vor Augen hielt. Jake hatte mich unterstützt, egal was ich tat, aber Seth? Er warf mir an den Kopf, dass ich egoistisch wäre, die Arschbacken zusammen kneifen und dazu stehen sollte, was ich für Mist verzapft hatte.
Und trotzdem – oder gerade deswegen – stand er mir im Moment am Nächsten. Die Kinder liebten ihn abgöttisch, auch wenn sie sehr wohl wussten, dass er nicht ihr Vater war.
„Ich weiß, ich weiß. Aber es ist alles nicht so einfach, weißt du?“ Ich fuhr mir mit meiner freien Hand durch die Haare.
„Nicht einfach? Du liebst ihn, dass weiß ich. Auch wenn du es selber nicht einsehen willst. Und ich verwette meinen Hut, dass er dich ebenfalls noch liebt. Umsonst war er nicht die ganzen Jahre allein.“
„Du hast keinen Hut, Seth“, gab ich zurück.
„Dann kaufe ich mir einen“, konterte er. „Leihst du mir deine Kreditkarte?“
Ich knuffte ihn spielerisch in die Seite.
Was hätte ich nur die letzten Jahre ohne ihn getan? Sein sonniges Gemüt und der grenzenlose Optimismus hatten mich oft aus meiner Lethargie gerissen. Er war der Einzige, der an mich heran kam, wenn ich mal wieder im Selbstmitleid zerfloss. Vermutlich, weil er nicht auf die „arme, arme Bella“-Tour kam, sondern mir gerade in diesen Momenten vor Augen hielt, dass ich es mir selber ausgesucht hatte und verdammt noch mal dazu stehen sollte.
Wir erreichten das Ende des Parks und überquerten die Straße. Seth steuerte zielstrebig den Seiteneingang an.
„Kann ich mal deine Card haben, meine hat nicht genug Rechte“, nuschelte er kurz vor der Tür.
Ich fischte die Karte aus der Tasche und reichte sie ihm. „Warum hab ich mehr Rechte als du?“
„Weil Jake mich ärgern will“, knurrte er leise und steckte die Karte in den unauffällig angebrachten Kartenleser neben der Tür. Die Lampe sprang auf grün und die Tür glitt geräuschlos auf. „Vermutlich denkt er, so würde ich eher an dir dran bleiben.“
Gegenüber der Tür war ein Lift, mit dem wir in die Etage der Suite fuhren. Vor dem eigentlichen Eingang der Suite befand sich ein kleiner Vorraum, der gegebenenfalls von einer Empfangsdame oder Sicherheitspersonal genutzt werden konnte.
Seth ging auf den dort stehenden Sessel zu und ließ sich hineinfallen. „Ich warte hier, wenn was ist, ruf mich.“
Ich nickte. „Wenn es zu lange dauern sollte, ruf dir eine Ablösung, okay?“
Er schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Und wenn du die ganze Nacht da drin verbringst, das geht niemanden was an.“
„ Außer mich vielleicht“, ergänzte er zwinkernd.
Ich lächelte ihn an und öffnete mit meiner Keycard die Zimmertür. Behutsam führte ich Edward hinein und brachte ihn dazu sich auf die Couch zu setzen.
Noch immer hatte er keinen Ton gesagt und schien durch mich hindurch zu sehen.
Scheiße, was machte ich jetzt bloß?
Ob ich Jasper anrufen sollte? Er wüsste bestimmt was zu tun ist.
Unschlüssig lief ich im Zimmer auf und ab. Zog meinen Blazer aus und hängte ihn an einen Haken. Dann stellte ich mich ans Fenster und sah einen Moment lang nach draußen.
„Bella“, hörte ich es plötzlich leise hinter mir. Erschrocken drehte ich mich herum und sah direkt in Edwards Augen. Er war aufgestanden und hatte sich direkt hinter mich gestellt.
„Ed... Edward“, stammelte ich. Zu mehr war ich nicht fähig. Die ganze Zeit hatte ich mir versucht einzureden, dass er mir nicht fehlen würde, aber ich hatte mich selbst belogen. Mein Herz fing an mit doppelter Geschwindigkeit zu schlagen und mein Mund wurde trocken.
Er hob langsam seine Hand und ließ seinen Zeigefinger über meine Wange gleiten. „Warum?“, hauchte er leise und legte seine Hand an meine Wange.
Ich schmiegte mich hinein und schloss seufzend die Augen.
„Es ist kompliziert.“
„Ich bin sicher, ich kann dir folgen.“
Langsam öffnete ich die Augen. „Du hast mir damals sehr wehgetan.“
„Ich weiß“, flüsterte er. „aber das ist doch kein Grund...“ Er ließ den Satz unbeendet.
Nervös begann ich auf meiner Unterlippe herumzukauen. „Ich.. ich brauchte Zeit alleine. Um nachzudenken. Und irgendwie ist das aus dem Ruder gelaufen.“
„Das nennst du aus dem Ruder laufen?“ Seine Stimme nahm einen leicht scharfen Ton an. „Ich habe zwei Kinder, von denen ich bisher nichts wusste. Und erzähl mir nicht, sie wären nicht von mir, ich habe gehört was Seth gesagt hat. Bella... ich... zwischenzeitlich habe ich schon geglaubt du wärst tot! Weißt du eigentlich, was du mir angetan hast?“
Nickend senkte ich den Blick. Der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker. Es würde nicht lange dauern, bis ich in Tränen ausbrach. Dabei hätte er ja eigentlich allen Grund dazu.
Plötzlich waren seine Arme ganz fest um mich geschlungen. „Gott, ich habe dich so vermisst“, schluchzte er in meine Haare. Automatisch strichen meine Hände beruhigend über seinen Rücken. „Jeden verdammten Tag, habe ich an dich gedacht.“
„Ich auch, Edward, ich auch“, murmelte ich leise. „Mehr als du dir vorstellen kannst.“
Er nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mich mit tränenverschleiertem Blick an. „Warum bist du nicht zurückgekehrt?“
„Ich... ich konnte nicht“, flüsterte ich. „Es ist wirklich kompliziert. Ich werde es dir erklären, aber nicht jetzt, okay? Du hattest genug Aufregung für heute.“
„Versprichst du mir, dass du mir alles erzählst?“, fragte er mit großen Augen.
„Natürlich.“
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Jane und Alec?“
„Mhmm“, machte ich mit zusammengekniffenen Lippen. Er hatte mich anscheinend rufen hören. Das die beiden nicht Swan mit Nachnamen hießen, musste ich ihm ja nicht unbedingt gleich auf die Nase binden.
„Hört sich gut an.“ Er atmete tief ein. „Kann ich sie sehen? Es muss ja nicht gleich heute sein. Ich habe morgen früh ein Vorstellungsgespräch, können wir uns danach sehen?“
Ich nickte langsam. Das ungute Gefühl in meinem Bauch wurde wieder stärker. Wie wird er wohl auf sie reagieren? Was werden die beiden zu ihm sagen? Jane wird ihm vermutlich gleich um den Hals fallen, sie ist immer sehr emotional. Und Alec? Er wird sehr wahrscheinlich eher vorsichtig sein.
„Wir könnten zusammen Mittag essen“, fügte ich mit rauer Stimme hinzu.
„Klingt gut, wo wollen wir uns treffen?“ Er schien begeistert zu sein.
„Ich kenne ein nettes kleines Lokal in der Sechsunddreissigsten. Da ist es relativ ruhig um die Zeit.“
„Hört sich gut an, ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch bei der A.M.C. Company, die ist auch dort.”
„Ja, die Firma ist nur einen halben Block entfernt.“
Auf einmal runzelte er die Stirn. „Was wirst du... unseren Kindern sagen, wer ich bin?“
„Die Wahrheit“, antwortete ich. „Sie kennen dich von Fotos, und wissen, dass du ihr Vater bist.“
Jetzt starrte er mich perplex an. „Du hast ihnen Fotos gezeigt? Aber... aber was hast du ihnen erzählt?“
„Dass sich Mama und Papa getrennt hätten. Sie sind sehr verständig für ihr Alter.“
Einen Moment lang schwiegen wir, sahen uns einfach in die Augen.
„Ich würde gern etwas probieren“, kam es plötzlich von ihm. „Halt ganz still.“
Im nächsten Moment lagen seine weichen Lippen auf meinen, und ich schloss die Augen. In seinem Kuss lag kein Verlangen, keine Leidenschaft, einfach nur Sehnsucht.
Ein paar Sekunden später löste er sich wieder von mir und sah mich unsicher an.
Hatte er etwa Angst, dass ich ihn nicht küssen wollte?
„Das…. war schön“, lächelte ich ihn an. Ich konnte nicht fassen, dass er mich nicht anschrie und so ruhig blieb. Doch ich war weit davon entfernt, mich darüber zu beschweren. Nach all den einsamen Jahren, hatte ich wieder sowas wie Hoffnung. Vielleicht…wenn er die ganze Wahrheit kannte und sie sogar verstand…mir vergab…vielleicht gab es doch eine Chance für uns. Irgendwann…ich hoffte es so sehr.
Er drückt mir noch einen Kuss auf die Stirn, eher er ein Stück zurück trat. „Soll ich dich anrufen, wenn ich morgen fertig bin?“
„Ja“, ich holte mein Handy aus der Hosentasche. „Hast du noch deine alte Nummer?“ Eigentlich wusste ich, dass er sie hatte, aber ich musste ja die Scharade aufrecht erhalten. Vorerst.
„Ja“, er sah überrascht aus. „Weißt du die etwa noch?“
Anstatt einer Antwort wählte ich seine Nummer, und sein Handy fing an zu klingeln. „Jetzt hast du meine.“ Ich nahm meinen Blazer und schlüpfte hinein.
„Und wir sehen uns wirklich morgen Mittag?“, fragte er mit Unglauben in der Stimme. „Ich würde dich am liebsten gar nicht gehen lassen, weil ich Angst habe, dich nicht wiederzusehen.“
„Du hast doch jetzt meine Telefonnummer. Wir sehen uns morgen. Ich verspreche es dir, Edward“, lächelte ich ihn aufmunternd an.
Er legte den Kopf schief und betrachtet mich. „Irgendwie kann ich immer noch nicht glauben, dass du kein Traum bist.“
Langsam trat ich auf ihn zu, bis ich direkt vor ihm stand, und legte meine Hand an seine Wange.
„Ich bin hier, Edward.“ Dann stellte ich mich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Wir sehen uns morgen.“ Anschließend drehte ich mich herum und verließ sein Zimmer.
Das Lied zum Chap O.A.R. „Love is worth the fall“ http://www.youtube.com/user/TheUratoh?feature=mhum#p/c/7A640DDC795742B4/24/XENm4uKsONw
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