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Mittwoch, 30. November 2011

L³ - my life before - part one

my life before – part one

Prequel zu L³


Genre:
Drama

Inhalt: Isabella Swan lebt mit ihreme besten Freund Jake auf der Straße, bis ein Termin im Tattoostudio ihr Leben verändert ...

Stufe:
P18/AVL

Disclaimer
Alle Figuren und Schauplätze sind geistiges Eigentum von Stephenie Meyer; Mein ist nur der Mist, den sie so anstellen...

Hinweise:
All human, OOC, Gewalt, Lemons, kein Edward

Posting:
unregelmäßig

POV:
sehr wahrscheinlich nur BPOV

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„Jake“, ich versuchte seine Hand wegzuschieben, „Hör auf mich zu kitzeln.“

„Aber ich habe heute Geburtstag!“, tönte er fröhlich und machte einfach weiter.

„Das gibt dir noch lange nicht das Recht, mich zu ärgern“, knurrte ich und funkelte ihn böse an.

„Och, Bella“, er legte einen Arm um meine Schulter und zog mich an sich, „Man wird nur einmal im Leben einundzwanzig. Endlich richtig erwachsen.“ Sein rechter Arm vollführte eine ausladende, theatralische Geste.

„Auf den Papieren schon aber nicht im Kopf“, nuschelte ich gegen seine Brust.

Er lachte leise, was ein sanftes Vibrieren seines Brustkorbes auslöste. „Trotzdem ein Grund zu feiern.“

Sein Griff wurde fester. „Vielleicht kann ich jetzt doch irgendwo einen kleinen Job bekommen“, zärtlich küsste er mich auf meine Stirn. „In den letzten Wochen lief es doch schon gut. Ich hab mit den Drogen so viel Geld gemacht, dass wir sogar was zurücklegen konnten. Und du musstest nicht...“, er sprach es nicht aus, doch ich wusste auch so, was er meinte. Allein der Gedanke daran machte ihn so wütend, dass sein Griff um mich herum fester wurde.

„Was du heute gleich wieder ausgeben willst“, maulte ich, um ihn etwas abzulenken. Aber er hatte ja Recht. Es war schon eine ganze Weile her, dass ich meinen Körper verkaufen musste, damit wir überleben konnten.

„Ach Quatsch, so ein kleines Tattoo wird schon nicht so viel kosten. am hat mir ein Studio empfohlen, das wirklich gut sein soll“, tönte er fröhlich. Die Wechselhaftigkeit seiner Launen konnte einem manchmal ein Schleudertrauma verursachen, aber manchmal tat es auch gut, dass er innerhalb von Sekunden von nachdenklich zu fröhlich wechseln konnte.

„Ist ja okay“, seufzte ich. Seit Tagen lag er mir schon mit der Schnapsidee im Ohr, sich etwas stechen zulassen. Und er war im Moment auch derjenige, der das meiste Geld einbrachte. Mein Schnorren und klauen war lange nicht so lukrativ.

„Und jetzt komm“, übermütig zog er mich hinter sich her. „Sonst sind wir erst am Laden, wenn die Sonne untergeht. Und du weißt, ich hab Angst im Dunkeln.“

Lachend liefen wir die Stufen zur U-Bahn hinunter, sprangen geschickt über die Drehkreuze und sprinteten los, um noch die Bahn zu erreichen.

Schwungvoll rannten wir hinein und hielten uns japsend an der Stange fest.

Die übrigen Fahrgäste betrachteten uns abschätzig, aber wir hatten gelernt, diese Blicke zu ignorieren.

In den schwarzen, teils zerrissenen Klamotten fielen wir eh immer auf. Es war zwar nicht so, dass wir stanken, denn auf Hygiene achteten wir immer, aber man sah uns doch deutlich an, dass wir auf der Straße lebten. Irgendwann störte es uns nicht mehr, dass manche Menschen uns geringschätzige Blicke zuwarfen, ohne zu wissen, wie wir überhaupt in diese Situation gekommen waren , oder warum wir so lebten.

Während der vier Stationen, die wir fahren mussten, hielt Jake mich fest im Arm. Seid wir einmal fast überfallen worden waren, hatte er seinen Beschützerinstinkt verdreifacht. Er bedachte jeden Kerl, der sich auch nur mehr als einen Meter näherte mit einem bösen Blick und manchmal knurrte er sogar leicht.

Hand in Hand schlenderten wir in Richtung des Tattoostudios. Jake wurde immer nervöser, ob er sich so freute ,oder doch etwa Schiss bekam, wusste ich nicht genau. Ich kannte ihn zwar sehr gut, aber manchmal gab es Momente, in denen ich ihn einfach nicht einschätzen konnte.

Ohne anzuhalten, öffnete er die Tür zum Studio und zog mich hinter sich in den Raum. Ich hatte nicht einmal genug Zeit, um die Außenansicht des Ladens näher zu betrachten. Drinnen schlug uns stickige Luft entgegen, es war recht dunkel und satte Bässe erfüllten den Raum.

Sofort entspannte ich mich etwas. Der Laden war genau nach meinem Geschmack.

Ein schlanker, blonder Kerl, Ende zwanzig, war gerade dabei, einem bierbäuchigen Typen mit Vollbart eine nackte Frau auf den Unterarm zu stechen. Er blickte kurz auf und rief dann laut „Kundschaft“, ehe er sich wieder seinem Motiv widmete.

„Komme gleich“, rief eine raue Stimme von hinten.

Ein paar Sekunden später kam ein schlaksiger Typ mit knallrotem Haaren vor und lief auf uns zu. Bevor er uns erreichte, trat eine zweite Person in den Raum.

„Lass gut sein, Matt, ich mach das schon“, kam es von dem Zweiten.

Der Rothaarige grinste uns an und blieb stehen, um einen dunkelhaarigen, kräftig gebauten Kerl durchzulassen. Im Gegensatz zu den anderen Beiden, die in leuchtend bunten Klamotten gehüllt waren, trug er schwarz, genau wie wir, was ihn mir auf Anhieb sympathisch machte.

Mit strahlendem Lächeln kam er auf uns zu und gab erst mir, dann Jake die Hand. „Hallo. Ich bin Chris, was kann ich für euch tun?“

„Hi. Ich bin Jake, das ist Bella. Ich wollte mich gerne tätowieren lassen“, sprudelte Jake fröhlich vor.

„Okay. Hast du schon eine genaue Vorstellung? Motiv und Lage?“, hakte Chris nach.

„Yeah“, Jake zog ein sorgfältig gefaltetes Blatt Papier aus seiner Hosentasche. „Ich hab hier mal was skizziert. Auf der Oberarmkugel könnte ich mir das gut vorstellen.“

Der Typ nahm ihm das Blatt Papier ab und betrachtete es nachdenklich. Dabei hatte er seinen Finger zwischen den Lippen. Aus Gewohnheit lehnte ich mich an Jake, der seinen Arm um meine Taille legte.

Nach ein paar Sekunden nickte er und sah wieder auf. „Ich denke, das wird kein Problem.“ Sein Blick ging an meinen Konturen hinab.

„Und die junge Dame? Auch eine kleine Verschönerung?“, er zwinkerte mir zu.

Entsetzt schüttelte ich den Kopf. Nie im Leben würde ich solche Höllenmaschine an meinen Körper lassen. ( Team Bella)

„Damit wirst du wohl keine Chance haben“, lachte Jake. „Sie steht nicht so auf Nadeln. Eigentlich hat sie totalen Schiss davor.“

Er hob eine Augenbraue hoch. „Und trotzdem begleitest du deinen Freund hier her? Respekt!“ Dabei hielt er den Kopf leicht schräg und rief dann „Matt, ich hab was für dich“, ohne seinen Blick von mir zu nehmen.

Wie hypnotisiert starrte ich zurück. Jake bekam davon nichts mit, er sah sich lediglich aufgeregt um.

Der Typ mit den roten Haaren kam angeschlurft. „Hier“, der Typ bekam den Zettel in die Hand gedrückt.

„Der Kleine möchte das auf den Oberarm“, informierte ihn Chris und starrte mich weiterhin an. So langsam wurde das etwas unangenehm.

„Geht klar“, antwortete der Typ und deutete Jake mit dem Kopf an, ihm zu folgen.

Ich wollte ebenfalls hinterher gehen, wurde aber am Arm zurück gehalten. Fragend blickte ich von seiner Hand in sein Gesicht.

„Wenn dir die Nadeln nicht so behagen, kannst du dich raus in den Hinterhof setzen. Dort in der Sonne ist es wirklich angenehm“, er lächelte mich an und irgendwie war sämtlicher Argwohn, den ich hatte, wie weggeblasen. Ich konnte es mir selber nicht erklären, eben noch war mir sein Blick unangenehm, jetzt versank ich fast in seinen dunklen Augen.

Ich nickte langsam und sein Gesicht hellte sich auf. „Gut, dann komm mit.“

Chris drehte sich herum und rief den Jungs zu, dass er nach hinten gehen würde. Beide kicherten daraufhin und Jake winkte mir fröhlich.

„Komm“, hauchte er mir plötzlich ins Ohr und legte seine Hand auf mein Steißbein, um mich sanft vorwärts zu schieben. Ein angenehmes Kribbeln durchfloss mich an der Stelle, die seine warme Hand berührte.

Durch einen schmalen Gang kamen wir in den lichtdurchfluteten Innenhof. Dieser war ringsherum von Mauern umgeben, sodass niemand hinein sehen konnte.

„Setz dich“, bot er mir an und ich nahm auf der einladend aussehenden Hollywoodschaukel Platz. „Möchtest du was trinken?“

„Öhm. Wasser wäre gut“, antwortete ich unsicher. So ganz alleine mit ihm war mir doch etwas mulmig zumute. Allerdings stand die Tür zum Studio offen, und wenn ich schreien würde, könnte das Jake hundertprozentig hören.

„Wasser“, erwiderte er zerstreut und lief auf einen Kühlschrank zu, den er öffnete und dann begann, darin herum zu suchen. „Bier, Bier, Whisky, Bier“, murmelte er dabei vor sich hin. „Kann ich dich zu einem Bier überreden? Ich glaube Wasser haben wir gar nicht,“ er blickte mich über die geöffnete Tür an.

„Bier ist okay“, entgegnete ich schüchtern und begann, an den Ärmeln meiner Lederjacke herum zu nesteln.

Ich verstand gar nicht, warum ich so nervös war. Normalerweise)war es für mich nichts Ungewöhnliches, mit irgendwelchen älteren Typen abzuhängen. Jakes Kumpel Sam, für den er die Drogen vertickte, war auch schon Mitte zwanzig und verbrachte oft Zeit bei ihm oder seiner Freundin, wenn Jake unterwegs war.

Aber trotzdem war es irgendwie anders. Meine Gefühle schwankten auch hin und her. Auf der einen Seite war ich vorsichtig, auf der anderen hatte ich das Gefühl, als ob man ihm vertrauen könnte.

Unruhig strich ich meine Haarsträhnen zurück, die mir ins Gesicht hingen.

Chris kam mit zwei Flaschen Bier zurück, öffnete sie an der Tischkante und reichte mir lächelnd eines, das ich mit zitternden Händen abnahm.

Um mich abzulenken, nahm ich einen Schluck und hörte auf die Musik, die bis hier raus schallte.

Automatisch begann ich mir Bewegungen dazu vorzustellen und ruck zuck hatte ich eine kleine Choreografie im Kopf. „Magst du die Musik“, fragte er mich plötzlich und ich blickte ertappt zu ihm. Er hatte sich eine Zigarette angezündet, die er lässig in der einen Hand hielt, während er mit der anderen die Bierflasche leicht hin und her bewegte.

„Yeah“, ich nickte. „Klingt gut. Wer ist das?“

„Die Rocket Baby Dolls“, er machte eine kleine Pause. „Meine Band.“

„Du hast eine Band?“, fragte ich ungläubig und hörte genauer hin.

„Yepp. Mit den zwei Typen da drinnen. Dom ist der Drummer, ich der Bassist und Matt macht den restlichen Scheiß.“

„Wow“, entfuhr es mir. „Das ist cool!“

„Findest du?“, er nahm einen Schluck aus seiner Flasche. „Wir haben morgen Abend einen Gig in dem alten Theater hier um die Ecke. Hast du Lust zu kommen?“

„Sicher“, entgegnete ich begeistert. Ich liebte Konzerte.

„Gut“, er strahlte. „Ich sag dem Türsteher Bescheid, du nennst einfach deinen Namen und sagst, du wärst mit mir da, dann lässt er dich rein. Kannst deinen Freund ruhig mitbringen. Ich kann dir auch meine Handynummer geben, dann meldest du dich, wenn du da bist und ich komme raus.“

„Ich … ich habe kein Handy“, antwortete ich betreten und trank einen Schluck, um ihn nicht ansehen zu müssen.

„Hey“, er hockte plötzlich vor mir und legte eine Hand auf mein Knie. „Kein Grund sich zu schämen. Hat dein Freund eins?“

„Nein“, antwortete ich langsam und sah nicht auf, sondern betrachtete eingehend die Löcher in meiner Hose. „Und er ist auch nicht mein Freund. Wir sind bloß… befreundet.“

Plötzlich waren seine Finger an meinem Kinn und er zwang mich, ihn anzusehen. Schüchtern starrte ich in seine großen, braunen Augen. „Auch nicht schlimm. Du wirst schon reinkommen. Ich kann auch immer mal gucken, ob du schon da bist, okay?“ Ich nickte, unfähig meine Augen von ihm zu lassen.

„Und jetzt lächle mal wieder ein wenig. Dann siehst du viel hübscher aus.“ Er ließ mein Kinn los und strich eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, hinter mein Ohr. Dabei verweilte seine Hand etwas länger als notwendig an meinem Kopf. „Du bist wunderschön, weißt du das?“ flüsterte er leise.
Mein Herz begann schneller zu schlagen und ich fing an, auf meiner Unterlippe zu kauen.

„Nicht“, mit seinem Daumen befreite er meine Lippe aus meinen Zähnen. „Sonst blutest du nachher noch.“

Mit großen Augen sah ich ihn an und spürte, wie meine Wangen sich langsam erhitzten. Sein Gesicht war jetzt so nah, dass ich seinen warmen Atem spüren konnte. Er roch nach Bier und Rauch.

„Verdammt“, fluchte er auf einmal, erhob sich und schloss frustriert die Augen. Dann schnappte er sich die Zigarette, die er auf dem Aschenbecher abgelegt hatte und nahm einen tiefen Zug.

Ich senkte wieder die Augen. Hatte ich was verkehrt gemacht? Plötzlich fühlte ich mich sehr unwohl. Natürlich begann ich wieder damit, auf meiner Unterlippe herum zu kauen. Ich schlang meine Arme um mich herum und versuchte, mich auf die Musik zu konzentrieren.

„Wie alt bist du?“, fragte Chris nach einer Weile. Zögerlich sah ich auf. Er hatte sich auf einen Stuhl mir gegenüber gesetzt, dabei lehnte er sich nach vorn, die Unterarme auf seinen Oberschenkeln abgestützt. Mein Blick fiel automatisch auf seine durchtrainierten Unterarme.

„Achtzehn“, antwortete ich leise.

Er atmete hörbar auf. Anscheinen hatte er mich für jünger gehalten. Aber das war nichts Neues. Ich sah immer noch aus wie sechzehn, was beim Schnorren echt ein Vorteil war.

„Es tut mir leid“, fuhr er fort. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Schon okay“, gab ich zurück. In meinem Mund bildete sich ein metallischer Geschmack, ich hatte es tatsächlich geschafft, meine Lippe blutig zubeißen. Verdammt.

„Könntest du bitte aufhören auf deiner Lippe herum zu kauen? Es macht mich wahnsinnig.“

„Oh“, schuldbewusst hörte ich auf. „Tut mir leid.“

Er schloss kurz die Augen. „So habe ich das nicht gemeint. Nicht negativ. Aber so lenkt es meinen Blick immer auf deine Lippen.“

Verwirrt sah ich ihn an. „Und es bringt mich dazu, darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, sie zu küssen.“ Ein paar Sekunden herrschte Stille. „Du tust es schon wieder“, seufzte er frustriert und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

Schuldbewusst presste ich meine Lippen aufeinander.

„Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe“, flüsterte ich und stellte die Bierflasche ab.

„Nein“, er nahm die Hände vom Gesicht und sah mich durchdringend an. „Bitte, geh nicht. Ich… es tut mir leid, wenn du dich meinetwegen unwohl fühlst. Du hast sicher einen Freund…“

„Nein“, antwortete ich.

„Nein?“, fragte er mit ungläubigem Blick.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, kein Freund.“

„Das ist gut, oder eher schlecht. So habe ich keinen Grund mehr, mich von dir fernzuhalten.“

„Dann… dann tu es doch nicht“, antwortete ich mutiger, als ich es erwartet hätte. Ich hatte keine Ahnung, warum ich das zu ihm sagte, ob es das Bier war oder eine Hormonschwankung, aber Fakt war, dass ich nichts dagegen hätte, ihn zu küssen. Überhaupt nichts.

Einen Moment später stand er direkt vor mir, drückte mich langsam nach hinten, sodass ich der Länge lang auf der Schaukel lag. Und er halb auf mir drauf.

Genießerisch schloss ich die Augen, als er sanft seine Lippen auf meine legte. Der Kuss war zart, fast keusch. Meine Arme umfassten seine starken Schultern, als er mit seiner Zunge in meinen Mund eindrang.

Er liebkoste förmlich meine Zunge mit seiner. So einen Kuss hatte ich noch nie erlebt. Wenn Freier mich küssten, rührten sie fast brutal mit ihrer Zunge in meinem Mund herum.

Aber das hier war komplett anders. Und es gefiel mir. Sehr sogar.

Und ihm anscheinend auch, denn ich spürte mehr als deutlich, dass es ihn erregte. Seine Hände strichen an meinem Oberschenkel entlang und ich schlang mein Bein um seine Hüften. Sofort schob er seine Hand unter mein Shirt und begann sanft meine Brust zu kneten.

Ich ließ es einfach geschehen und genoss es, zu meiner Überraschung, auch sehr. Es war komplett anders, als wenn es ein Freier tun würde. Mein Körper reagierte absolut positiv auf seine Berührungen. Wenn er mehr wollen würde, und davon ging ich aus, würde ich vermutlich nicht nein sagen können.

Ein Hüsteln ließ uns aufschrecken. Oder besser gesagt mich, denn Chris löste sich nur sehr zögerlich von mir und ließ sich neben mir nieder . Ziemlich hektisch und mit geröteten Wangen setzte ich mich ebenfalls gerade hin und zog mein Shirt wieder hinunter.

Der blonde Typ von vorhin lehnte grinsend an der Hauswand. „Matt ist fast fertig. Was soll er kassieren?“

„Mach 25 $“, antwortete ihm Chris. Ich war ziemlich verwundert. Ich hatte mit viel mehr gerechnet.

Dem Typen ging es anscheinend ebenso, denn er sah ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an.

„Sam hat ihn geschickt“, sagte Chris. „Da ist das schon okay, Dom.“

„Du bist der Boss“, entgegnete er und hob die Hände. „Wenn du das sagst, wird es schon okay sein.“

Dann drehte er sich herum und verschwand wieder.

Ein wenig unschlüssig erhob ich mich. „Danke für das Bier“, sagte ich schüchtern und schickte mich an ebenfalls zurück in den Laden zu gehen, doch Chris erhob sich und stellte sich mir in den Weg.

„Bleibt es dabei, dass du morgen kommst?“

Ich nickte ohne aufzusehen.
„Hey“, er hob sanft mein Kinn an. „Versteck dich nicht immer vor mir. Du musst auch nicht kommen, wenn du nicht willst. Ich hatte zwar den Eindruck, dass dir das gerade eben gefallen hat, aber vielleicht ist dir das auch alles zu schnell. Oder du hältst mich für ein Arschloch, oder so.“

„Nein“, antwortete ich leise. „Es… es war wirklich schön. Und ich freue mich wirklich auf morgen.“

Seine Hand wanderte von meinem Kinn zu meinem Nacken und er zog mich zu sich, um mich erneut zu küssen. Ich verkrampfte meine Finger in seinem Shirt. Nach ein paar Minuten löste er sich seufzend von mir. „Bis morgen“, lächelte er mich an.

„Bis morgen“ erwiderte ich und stolperte fast über meine eigenen Beine, als ich hinein lief.

Drin erwarteten mich ein sichtlich gutgelaunter Jake und zwei süffisant grinsende Kerle.
Jake zeigte mir stolz sein Tattoo, bevor es verklebt wurde. Er war viel zu aufgeregt, um den viel zu geringen Preis zu bemerken.

Den kompletten Heimweg erzählte er mir, dass es ja gar nicht so doll wehgetan hätte. An ein oder zwei Stellen vielleicht. Und das Matt und Dom total cool wären und zig Tattoos besäßen, die er mir dann noch in allen Einzelheiten beschrieb.

Irgendwann ließ ich ihn einfach reden und hing meinen eigenen Gedanken nach.

Ich wurde aus diesem Chris nicht so richtig schlau. Warum hatte er mich geküsst? Oder eher gesagt, warum hatte er mich so geküsst? Männer, die auf eine schnelle Nummer aus waren, küssten anders. Fordernder. Meist landeten zeitgleich mit der Zunge auch ein anderes Körperteil in einem.

Gut, er wusste ja nicht, dass ich käuflich war. Vielleicht dachte er, er müsse mich langsam verführen. Aber so wie seine Kollegen reagiert hatten, schien es keine Seltenheit zu sein, dass er mit jemandem dort rum machte.

Wobei mir das ja egal sein konnte. Ich würde morgen mit Jake auf das Konzert gehen und mich einfach von ihm fernhalten. Wenn er mitbekommen würde, dass ich auf der Straße lebte, würde er eh nichts mehr von mir wissen wollen.

Und auf Mitleid hatte ich echt keinen Bock.

Wenn das Konzert vorbei wäre, würde ich ihn und seine Küsse einfach vergessen.

Falls Jake sich noch mal etwas stechen lassen wollte, würde ich einfach nicht mitgehen. Ich durfte es nicht zulassen, dass ich anfing einen Typen zu mögen. Das würde nur ausgenutzt. Ich hatte einmal den Fehler gemacht, mir den Kopf zu verdrehen, nur, um mich danach als Hure und Miststück bezeichnen zu lassen.

Jake hatte den Typen dermaßen verprügelt, dass er für eine Weile komplett von der Bildfläche verschwand.

Und ich wollte nicht, dass er auch noch Chris verprügelte. Denn der war ein ganzes Stück größer als er.

Das redete ich mir jedenfalls ein.

Fakt war, dass in meinem Bauch Schmetterlinge tanzten, wenn ich an ihn dachte.

Verdammte Scheiße!

L³ - 8 - yours completely

L-8 yours completely



Nachdenklich schnippte ich die Asche meiner Zigarette auf den Bürgersteig, beobachte dabei, wie einzelne Glutpartikel auf dem Weg nach unten erloschen und sich zu dem grauen Staub des Fußweges gesellten.

Ich wusste nicht genau, wie lange ich schon auf den Stufen vor der Kirche saß. Inzwischen war es dunkel geworden, folglich mussten schon mehrere Stunden vergangen sein. Meine nahezu leere Zigarettenpackung sprach ebenfalls dafür. Aber ich brauchte einfach Zeit zum Nachdenken. Irgendwie konnte ich mich aber auch nicht aufraffen und in die Kirche gehen. Denn ich wollte allein sein. Und da drin wäre Gott so allgegenwärtig, dass ich einfach das Gefühl gehabt hätte, die ganze Zeit unter seiner Beobachtung zu stehen. Und sicherlich wäre Pater Banner auch vorbeigekommen und hätte mich wieder in eine Unterhaltung verwickelt. Und so sehr ich ihn und seine Meinung auch schätzte, im Moment wollte ich lieber darauf verzichten. Ich würde zwar sicherlich später noch das Gespräch mit ihm suchen, denn ich musste wissen, was ihm alles über Bella bekannt war. Aber als Erstes musste ich mit mir und meinen Gedanken ins Reine kommen.

Hier draußen war ich für mich. Nur meine Gedanken und ich. Es störte sich auch keiner der spärlichen Passanten daran, dass ich hier saß. Die Menschen gingen achtlos an mir vorbei. Niemand kümmerte sich um mich, obwohl sich der Mann aus dem kleinen Obstladen genau gegenüber sicher fragte, was ich hier die ganze Zeit tat. Jedenfalls sprachen die Blicke, die er mir zuwarf, Bände. Aber vermutlich war ich noch nicht Grund genug, wirklich die Polizei zu rufen. Wobei ich meine Zweifel hatte, dass die Polizei dann auch kommen würde. In der ganzen Zeit hier, hatte ich in diesem Viertel noch nie einen Streifenwagen zu Gesicht bekommen. Man hatte fast den Eindruck, als würde die Polizei diesen Bereich weiträumig meiden.

Seufzend angelte ich mir eine neue Zigarette. Beim Anzünden gingen meine Gedanken fast automatisch wieder zu Bella. Wohin auch sonst? In der kurzen Zeit, in der ich hier war, hatte sie es geschafft, fast meine ganze Gedankenwelt in Beschlag zu nehmen. Ungefragt hatte sie sich einen Weg in meinen Kopf, und sicherlich auch irgendwo in mein Herz, geschlichen. Und es gab keine Möglichkeit für mich, das rückgängig zu machen. Bisher hatte ich allerdings geschafft, es erfolgreich zu leugnen. Mir selber etwas vorzumachen. Aber der Schmerz, den ich empfand, wenn ich daran dachte, WAS sie tun musste, hatte mich eines Besseren belehrt.

Es war für mich immer noch unbegreiflich, was Jasper mir erzählt hatte. Aber irgendwie... alles, was ich bisher von ihr wusste, passte zusammen. Es ergab ein schlüssiges Gesamtbild, in dem zwar noch einige Details fehlten, aber es passte einfach. Einen Moment lang hatte ich überlegt, ob Jasper vielleicht gelogen hatte, mich bloß erschrecken oder testen wollte. Allerdings sprach sein Blick, und auch der von Emmett, Bände. Auch erinnerte ich mich an eine Bemerkung, die Emmett zu Anfang gemacht hatte. Dabei hatte er irgendwas erwähnt, dass es hier auch Ausnahmen gab, dass nicht jede in dem Laden sich aus reiner Geldgier verkaufte. Jetzt wusste ich, was er gemeint hatte.

Und es erschütterte mich zutiefst. Warum? Warum musste sie das ertragen? War sie in ihrem Leben nicht schon mit genug Leid gestraft gewesen? Weshalb ließ Gott sie diesen Weg gehen?

Ich verstand es einfach nicht. Sie hatte nie etwas Böses getan, war vielleicht nicht unbedingt ein mustergültiges, junges Mädchen gewesen, aber mit Sicherheit hatte sie es nicht verdient hier zu enden. So zu enden.

Zum ersten Mal im Leben keimte in mir eine leise Stimme auf, die an der himmlischen Macht zweifelte.

Gottes Wege sind unergründlich...

Ja schon, aber das hier? Wo war da der Sinn?Denn es war einfach nicht fair. Nicht Bella... sie sollte so etwas nicht durchmachen müssen, sie hatte so viel mehr verdient... sie war einfach kein schlechter Mensch.

Vor allem die Sache mit der Prostitution machte mir wirklich zu schaffen. Ich wollte es mir nicht vorstellen, aber ungefragt schoben sich schreckliche Bilder in meinen Kopf, wie sie von irgendwelchen schmierigen Typen begrabscht wurde. Warum tat sie sich das nur an? Was wusste Aro? Oder hatte er gegen sie in der Hand? Irgendetwas musste es ja sein, denn sie würde sich sicher nicht ohne schwerwiegenden Grund dazu zwingen lassen. Und dass sie dazu gezwungen wurde, stand für mich ohne Frage fest.

Herr, wie soll ich sie da nur wieder raus holen...? Du bringst sie in diese Lage und jetzt soll es meine Aufgabe sein, das wieder zu ändern?

Dabei war das Tanzen, ja selbst das Strippen, mittlerweile eine Sache, mit der ich klarkam. Irgendwie. Auch wenn mir die Vorstellung, dass Bella für andere Männer so tanzte, wie sie es für mich getan hatte, gegen den Strich ging. Es war einfach nicht richtig. So etwas ging einfach gegen den Anstand.

Aber dass sie ihren Körper hergab, um damit Männern in sexueller Weise zu dienen... das machte mich fuchsteufelswild. Jeder Mensch sollte über seinen Körper selber bestimmen können. Auch wenn Bella eine wirkliche sehr offene Art und Weise hatte mit ihrer Sexualität umzugehen, war ich mir sicher, dass sie nicht freiwillig ihren Körper verkaufte. Aber weswegen tat sie es dann? Was brachte eine so junge, hübsche Frau dazu? Und wie schaffte sie es, inmitten dieser ganzen Sache noch so fröhlich zu wirken? Denn bisher hatte ich noch nie erlebt, dass sie einmal schlechte Laune gehabt hatte oder ähnliches. Sie schien eigentlich immer gut drauf zu sein.

Diesbezüglich hegte ich allerdings einen Verdacht, über den ich aber gar nicht wagte, richtig nachzudenken. Denn dann würde es noch schwieriger werden. Nahezu unmöglich. Dann wäre sie wirklich verloren.

Kurzzeitig hatte ich mich auch gefragt, warum Jake eigentlich nichts dagegen unternahm. Wobei ich mir im Moment überhaupt nicht einmal sicher war, was er eigentlich für eine Rolle in ihrem Leben spielte. So eng, wie die Zwei miteinander umgingen, hatte ich immer an eine Liebesbeziehung geglaubt, aber jetzt war das eher unsicher. Das würde Aro nicht gestatten. Ob nun Jake oder dieser Chris. Er würde da sicher keine Unterschiede machen. Vielleicht waren sie auch nur eng befreundet, schließlich waren sie ja zusammen im Heim gewesen. So etwas konnte lebenslang zusammen schweißen. Möglicherweise waren sie füreinander so wichtig wie Bruder und Schwester, nur eben, dass sie nicht wirklich blutsverwandt waren. Aber eine Bindung war eindeutig da.

Unabhängig von seiner Position wurde mir allerdings schnell klar, dass er auch nichts tun konnte. Jedenfalls solange er an seinem Leben hing. Wenn dieser Chris, der mit Sicherheit nichts dagegen hätte, Bella wieder zu bekommen, sie nicht einmal dort herausholen konnte, wie sollte es dann Jake tun? Gegen Aro war er doch auch nur ein kleines Licht.

Da blieb also nur ich über. Aber wie sollte ich es tun? Konnte ich das überhaupt?

Ich konnte nur hoffen, dass ich es schaffen würde, Aro bald hochzunehmen. Dann würde Bella hoffentlich frei sein. Allerdings schwebte sie dann trotzdem noch in Gefahr. Denn wenn sie wirklich so nah an ihm dran war, wie ich vermutete, bestand das Risiko, dass sie bei einer Razzia verletzt oder gar getötet wurde. Ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass Aro sie sogar als lebendes Schutzschild benutzen würde. Aber selbst, wenn sie alles unverletzt überstehen würde... das Gefängnis wäre ihr vermutlich trotzdem sicher. Denn so langsam bekam ich den Eindruck, dass sie mehr als nur bis zum Hals drin steckte. Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, bisher nur die Spitze des Eisberges zu sehen. Und das machte mir eine riesen Angst.

Einerseits war es wichtig für mich, alle Details zu kennen. Jedes einzelne, mochte es auch noch so schmutzig sein. Andererseits waren mir die Infos über Bella schon fast zu viel des Guten. Ich war davon überzeugt gewesen, dass sie hier nur ein kleines Licht war, eine einfache kleine Stripperin, und jetzt erfuhr ich, dass sie die Geliebte vom Kopf der ganzen Organisation war. Wenn auch unfreiwillig und nur auf dem Papier.

Immerhin wusste ich jetzt, woher sie den teuren Wagen hatte. Sicher ein „Geschenk“ von Aro.

Seufzend fuhr ich mir durch die Haare.

So hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Ich hatte mich auch für diese Undercovermission gemeldet, weil es eigentlich eine ganz einfache Sache sein sollte. Ein Platz an der Basis, Infos an die Behörden weiterleiten und dann den Laden hochgehen lassen. Ende.

Und nun? Ich kam vor lauter Gedanken an Bella gar nicht dazu, meine polizeiliche Arbeit richtig zu machen. Wobei sie ja auch Teil meiner Arbeit war. An sich sollte es mir von Nutzen sein, dass sie offensichtlich ebenfalls eine Schwäche für mich hatte. Wenn man das so bezeichnen konnte. Sie hatte mich zwar geküsst, aber nach der Enthüllung heute konnte ich mir nicht sicher sein, was das zu bedeuten hatte. Vielleicht war sie dafür auch bezahlt worden. Dagegen sprach aber, dass laut meinem Kenntnisstand, Küsse auf den Mund in diesem Milieu eigentlich nicht üblich waren.

Emmett und Jasper hatten ja auch schon mehrfach angedeutet, dass sie mich mögen könnte. Und vorhin zur Begrüßung hatte sie mich ja auch wieder geküsst.

Grundgütiger... in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Versuchte ich etwa zu verstehen, was Bella wohl fühlte. Was ich wohl fühlte. Es war alles so verwirrend für mich. Bisher war mein Leben in geraden, gut durchdachten Bahnen verlaufen. Aber seit ich nur einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte, war nichts mehr wie zuvor. Im Augenblick war ich mir nicht einmal sicher, ob ich so einfach zurückkehren konnte.

Denn ich hatte mich tätowieren lassen. Hatte meinen Körper beschmutzt. In meiner Gemeinde zu Hause galt die Reinheit des Körpers als heilig. Es gab keine durchstochenen Ohrläppchen oder Piercings. Und schon gar keine Tattoos. Das galt fast als Ketzerei. Und vor Victoria konnte ich es einfach nicht auf Dauer verbergen. Irgendwann würde sie es bemerken. Und dann sehr enttäuscht von mir sein.

Was hatte mich nur dazu getrieben? Hatte mein Verstand denn völlig ausgesetzt? Das konnte doch Bella nicht einfach so schaffen?

Frustriert zog ich an meiner Zigarette.

Jetzt saß ich hier schon seit Stunden und war eigentlich nicht wirklich weitergekommen. Wie eine Katze schlich ich um den heißen Brei. Was mich aber nicht weiter brachte. Ich musste es endlich schaffen, wieder klar zu denken und zu funktionieren.

Was nicht so einfach werden würde.

Eigentlich hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie ich das schaffen sollte. Vor allem mit Bella in meiner Nähe, würde es so gut wie unmöglich werden. Sie hatte mich in gewisser Weise völlig in ihrer Gewalt.

Mich.

Den Cop, der nie die Kontrolle verlor, sondern immer genau wusste, was er tat. Sich nie von seinen Gefühlen leiten ließ. Immer sachlich blieb und Privates strikt vom Beruflichem trennte.

In Punkto Bella zählte das aber alles nicht. Und wenn ich jetzt an sie dachte, dann... dann schlich sich jetzt immer ein eigenartiges Gefühl in meinen Bauch. So, als wäre mir ein klein wenig schlecht. Und das konnte einfach nichts Gutes bedeuten.

Denn ich hatte den Verdacht, dass ich begann mehr für sie zu empfinden, als gut für mich war. Definitiv mehr, als mir erlaubt war. Denn wenn mich jetzt sofort jemand fragen würde, ob ich lieber hier in Bellas Nähe bleiben würde, oder sofort zurück zu Victoria gehen wollte, wäre die Antwort leider eindeutig.

Und sie würde mit Sicherheit nicht zu Gunsten meiner Frau ausfallen.

Und das machte mir schwer zu schaffen. Ich durfte so nicht denken. Ich durfte nicht so empfinden, das war einfach nicht richtig. Denn auch wenn es keine Liebe war, die ich für Victoria empfand, hegte ich tiefen Respekt für sie. Und sie hatte es verdient, dass meine Gedanken nur bei ihr waren.

Aber ich musste mir eingestehen, dass mir Bellas Belange näher gingen, als ich es wollte. Sie ging mir förmlich unter die Haut. Brachte Seiten an mir zum Vorschein, die ich noch nie erlebt hatte. Die ich auch eigentlich nie erleben wollte.

Das Schlimme an der Sache war, dass es sich nicht grundsätzlich falsch anfühlte. Im Gegenteil, in gewisser Weise fühlte ich mich sehr wohl in ihrer Nähe. Eben zu wohl. Und an sich war der Nachmittag auch schön gewesen. Ich hatte ihre Nähe genossen.

Seufzend drückte ich die Zigarette auf der Treppenstufe aus und schnipste sie dann auf die Straße.

Wieder so etwas Untypisches für mich. Ich hasste es eigentlich, wenn andere ihren Müll einfach in der Gegend rumwarfen. Heute aber, hatte ich eine ganze Packung Zigarettenkippen auf den anderthalb Quadratmetern Straße direkt vor mir verteilt.

Aber davon würde die Welt sicher nicht untergehen.

Als ich in die gemeinsame Wohnung zurückkehrte, verloren Jasper und Emmett kein Wort darüber, dass ich mehrere Stunden einfach wortlos verschwunden war. Emmett stellte mir lediglich einen Teller mit Nudeln vor die Nase und drückte mir dazu ein Bier in die Hand. Gierig verschlang ich das Essen und trank dazu das Bier, welches zu meiner Verwunderung gar nicht mal so übel schmeckte.

Jasper gab mir eine Creme, die ich auf mein frisches Tattoo machen sollte und hielt mir dabei einen ellenlangen Vortrag über die richtige Pflege, obwohl mir das schon im Studio alles erläutert worden war. Aber ich ließ ihn machen, trank dabei noch ein Bier und schaffte es tatsächlich, für eine Weile mal alle Gedanken an Bella über Bord zu werfen. Vor allem, als er begann mir seine Tattoos zu zeigen. Ich hatte ihn bisher noch nie mit freiem Oberkörper gesehen, aber jetzt sah ich mehr von ihm, als mir lieb war. Und bei all den empfindlichen Stellen, auf denen er überall tätowiert war, bekam ich manchmal schon Phantomschmerzen nur vom Hinsehen.

Die Zusammentreffen mit Bella waren da eine ganz andere Sache. Jedes Mal, wenn ich sie sah, stieg in mir wieder die Wut über das, was sie durchmachen musste, hoch. Was aber einen positiven Nebeneffekt hatte, denn so bekam ich wenigstens keine unerwünschten Erektionen mehr. Egal was auf der Bühne passierte oder wie nah sie mir kam. Dieses flaue Gefühl im Magen war zwar leider immer noch da, aber ich hatte mich halbwegs unter Kontrolle.

Und es gab auch eigentlich noch Wichtigeres zu tun, als sich ständig nur mit ihr zu beschäftigen. In der darauffolgenden Woche sollte ein Treffen im Club stattfinden und ich hatte es bisher nicht geschafft, mir die benötigte Technik zu besorgen, geschweige denn vorzubereiten, dass ich irgendwie heimlich etwas davon installieren konnte.

Folglich stürzte ich mich in den folgenden Tagen darauf. Es war wirklich von Vorteil, dass weder Emmett noch Jasper sonderlich neugierig waren, was meine Person betraf. Wenn ich sagte, dass ich was besorgen fahren wollte, bekam ich höchstens den Einkauf aufgebrummt, oder sollte Schokolade mitbringen.

Was sich obendrein auch als sehr praktisch erwies, denn so konnte ich die Dinge, welche nicht unbedingt für ihre Augen bestimmt waren, ungesehen in der Tüte mit dem Gemüse rein schmuggeln, denn darum machten beide immer einen großen Bogen.

Durch die Kontakte, die uns vom Informanten genannt wurden, hatte ich innerhalb von einigen Tagen alles zusammen, was ich benötigte.

Die Vorbereitungen liefen auch relativ glatt. Es war zwar recht anstrengend und zeitaufwendig, von Hand all die Löcher für die Mikrofone und Kameras zu bohren, aber wenn ich mit der Bohrmaschine herumhantiert hätte, würde das sicher den Argwohn meiner Mitbewohner wecken. Es dauerte so zwar wesentlich länger, aber ich musste sowieso langsam machen, sonst würde es der Putzfrau vom Club sicher irgendwann auffallen, wenn im VIP-Bereich plötzlich überall kleine Häufchen mit Putz und Sägespänen waren.

Es war sowieso schon ein gewaltiges Glücksspiel, und es erforderte höchste Konzentration von mir, damit mir kein Fehler unterlief.

Die Löcher durften nicht so groß sein, dass sie auffielen, und dann noch möglichst weit in der Ecke. Natürlich standen die Wände des Clubs und der darüber liegenden Wohnung nicht exakt übereinander, so dass ich schon mal in der Wand, anstatt im Raum landete. Aber ich ließ mich nicht entmutigen und eigenartiger Weise schaffte ich es, mich auf meine Arbeit zu fokussieren, auch wenn ich dabei immer ziemlich müde war. Denn die einzige Zeit, in der ich das erledigen konnte, war etwa eine Stunde nachdem der Laden geschlossen wurde. Das Reinigungsteam kam immer erst gegen sechs Uhr morgens, so dass es in den wenigen Stunden dazwischen, menschenleer dort unten war.

Problematisch war auch die richtige Positionierung meiner Wanzen, denn ich hatte leider keine Ahnung, in welchem Raum das Treffen eigentlich stattfinden würde. Ich konnte ja nicht alle Räume bestücken, sondern nur den, der genau unter meinem lag. Deswegen hatte ich extra empfindliche Mikrophone besorgt, die selbst das Piepsen einer Maus auffangen konnten.

Natürlich wäre es ein Glücksfall, wenn das Treffen dann tatsächlich in dem präparierten Raum stattfinden würde, denn dann könnten die Kameras zusätzlich auch noch brauchbare Bilder liefern. Zwar nur von oben, aber das konnte manchmal schon ausreichen, um jemanden zweifelsfrei zu identifizieren.

Ein weiteres Problem stellte das Testen der Mikrophone und Kameras dar. Denn wenn sich garantiert niemand oben in der Wohnung aufhielt und ich so dazu ungestört wäre, war ich ja eigentlich immer mit unten und hatte Dienst. Aber das würde ja auch so sein, wenn das Treffen mit Aro anstand. Aus diesem Grund musste ich mir sowieso etwas einfallen lassen. Ich verkabelte deshalb alles so, dass ich es über eine unauffällige kleine Fernbedienung aktivieren konnte.

Und ein Test war ja auch unabdingbar. Erstens war es wichtig, dass ich mich hundertprozentig darauf verlassen konnte, dass alles reibungslos funktionierte. Zweitens musste ich Interferenzen ausschließen. Es wäre sonst nicht die erste Überwachung, die aufflog, weil es irgendwelche verräterischen Töne durch die Mikrophone gab. Früher passierte so etwas selten, aber durch die ganzen Handys war es heute manchmal wirklich schwierig, es hundertprozentig auszuschließen. Gerade, weil viele die Angewohnheit hatten auf Lautsprecher zu telefonieren. Wenn dann plötzlich eines der Mikrophone einen schrillen Rückkopplungston auslöste, wäre ich geliefert und alles umsonst.

Zum Glück war der VIP-Bereich meist auch in der Woche gut besucht. Es war zwar nicht wirklich angenehm, was ich da zu hören und zu sehen bekam, aber ich konnte mir wenigstens sicher sein, dass alles perfekt funktionierte.

Die ganze Vorbereitung lenkte mich zum Glück auch wirklich ein wenig von Bella ab.

Aber leider immer nur zeitweise, denn sobald ich sie sah, traf es mich wieder wie ein Hammer. Noch schlimmer war es mit den Aufnahmen aus dem VIP-Bereich. Aus Tanya, oder Irina, wurde in meinem Kopf, ruckzuck Bella. Sie war es dann plötzlich, die dort ihren Körper einem fremden Mann hingab und ihm als Spielzeug diente. Denn was dort ablief, war für mich einfach nur abartig. Die Frauen schienen ihren freien Willen an der Tür abzugeben und machten für Geld einfach alles, was von ihnen verlangt wurde.

Natürlich wusste ich, rein vom Ablauf her, was da vor sich ging, aber es zu hören und teilweise auch zu sehen, war einfach nur schockierend für mich. Meine Ansicht, dass der sexuelle Akt immer ausschließlich mit Zuneigung und gegenseitigem Respekt verbunden sein sollte, wurde dadurch nur noch mehr gefestigt. Ich konnte nicht einmal sagen, dass sie sich wie Tiere benahmen, denn selbst Tiere gingen nicht so miteinander um.

Wie vor dem Besuch im Tattoo Studio versuchte ich, Bella so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Es klappte nicht immer hundertprozentig, manchmal wechselten wir ein paar Worte, aber irgendwie schien sie doch zu bemerken, dass ich in ihrer Nähe so meine Probleme hatte. Mich überkam jedes Mal eine Riesenwut, wenn ich durch ihre Anwesenheit wieder an alles erinnert wurde. Sie schien allerdings auch irgendwie nachdenklicher als sonst zu sein. Keine Ahnung wie ich darauf kam. Man merkte ihr auch auf den ersten Blick nicht wirklich etwas an, ihre Auftritte waren atemberaubend wie immer und selbst ihr Lachen klang echt. Aber manchmal, wenn keiner hinsah, außer mir vielleicht, dann huschte ein merkwürdiger Ausdruck über ihr Gesicht. Nachdenklich und in gewisser Weise traurig.

In diesen Momenten wäre ich am liebsten sofort zu ihr gegangen und hätte sie gern in den Arm genommen, um ihr Trost zu spenden. Aber ich traute mich ehrlich gesagt nicht. Einerseits wusste ich nicht, wie ich sie darauf ansprechen sollte, und andererseits wusste ich ja auch nicht, wie sie reagieren würde. Vielleicht würde sie mich abwehren und gar nicht erst mit mir darüber sprechen wollen.

Natürlich fürchtete ich auch, dass ich mich über ihre Probleme so maßlos aufregen würde, dass es meine Wut nur weiter schürte.

Aber das Schlimmste war eigentlich ihre körperliche Nähe.

Denn ganz tief in mir, hatte ich immer wieder die Befürchtung, dass ich endgültig die Kontrolle verlieren würde. Das mich die Gefühle, die ich nun mal für sie hatte, einfach überrennen würden.

Mit so etwas umzugehen, war eben völliges Neuland für mich.

Mit ihr. Der ganzen Situation. Meinen Gefühlen.

Zu gern hätte ich irgendeinen Schalter in mir, den ich einfach umlegen und damit meine Gefühle eliminieren könnte. Das würde alles sehr viel einfacher machen.

Aber das gab es leider nun mal nicht. Mein Herz ließ sich da auch nicht wirklich überzeugen, selbst wenn meine Vernunft laut schrie, dass es nicht richtig war, dass ich nichts Derartiges fühlen durfte. Und sogar ein schlechtes Gewissen bekam, obwohl ja gar nichts weiter passiert war, weswegen ich eins haben müsste.

Aber irgendwie war für mich allein der Gedanke, dass ich jemanden meiner eigenen Frau vorziehen würde, eine andere Frau mehr mögen könnte, schon in gewisser Weise Ehebruch.

Darum ging ich ihr, so gut es eben ging, aus dem Weg und hielt unsere Gespräche, wenn es dann doch mal zu einem Aufeinandertreffen kam, so kurz und oberflächlich wie möglich.

Die darauffolgenden Tage vergingen fast wie im Flug. Ich hatte mich wirklich erstaunlich schnell an meinen neuen Tagesrhythmus gewöhnt. Manchmal fühlte sich dieses Zusammenleben mit Emmett und Jasper schon fast realer an, als mein wahres Leben. Auch die Arbeit im Club. Teilweise kam es mir vor, als hätte ich vorher nie etwas anderes getan.

So rückte auch das Treffen von Aro und seinen Leuten immer schneller näher, und ehe ich mich versah, war es dann soweit. Aber meine Vorbereitungen waren abgeschlossen, meine Technik stand, alles war einsatzbereit. Jetzt kam es nur noch auf das Quäntchen Glück an, das man immer benötigte.

Trotz des wichtigen Treffens lief der Club auf Normalbetrieb. Es gab lediglich ein paar zusätzliche Rausschmeißer, die in der unteren Etage des Clubs nach dem Rechten schauen sollten, während Emmett und ich für den VIP-Bereich eingeteilt waren. Ich würde also mitten im Geschehen sein. Das sollte mich eigentlich zufrieden stellen, denn so würde ich aus nächster Nähe mitbekommen, was genau dort ablief. Die Informationen, die ich dort erhalten würde, könnten vielleicht ausschlaggebend für den erfolgreichen Verlauf der gesamten Mission sein.

Aber dennoch gab es einen schalen Beigeschmack.

Denn auch Bella würde dort sein. Nicht zum Tanzen, oder gar zum Strippen, sondern als Püppchen von diesem Aro. Jasper hatte mir vorab erklärt, dass die Frauen, die dort von den Teilnehmern mitgebracht wurden, zum größten Teil als reines Aushängeschild dienten. Je jünger und hübscher die Frau, desto höher das Ansehen des Typen.

Dieses „zur-Schau-stellen“ seiner Partnerin, wobei diese Personen die Frauen sicher nicht als Partnerin bezeichneten, machte mich schon von vornherein sehr wütend. Es würde sicher sehr schwierig für mich werden, dabei ruhig zu bleiben. Vor allem, wenn ich das dann auch noch bei Bella sehen würde. Aber ich musste mich einfach zusammenreißen, musste einhundert Prozent Profi sein, sonst würde ich schneller auffliegen, als mir lieb war. Und das mitten in einer Ansammlung der wichtigsten und gefährlichsten Drogendealer von ganz Seattle. Das würde ich dann wohl sicher nicht überleben.

Um mich deshalb etwas zu beruhigen ging ich, etwa eine Stunde bevor es losgehen sollte, in den Innenhof des Clubs. Ich hatte recht schnell festgestellt, dass ich dort, von vereinzelten Ratten mal abgesehen, so gut wie nie unerwünschte Gesellschaft hatte. Folglich war es die perfekte Rückzugsmöglichkeit, um nachzudenken oder einfach nur zu beten. Und zu Rauchen. Denn leider ich musste zugeben, dass ich im Moment viel mehr rauchte als üblich. Ich kannte natürlich all die Gefahren, war mir dem Risiko für meine Gesundheit bewusst, aber ohne Zigaretten ging leider im Moment gar nichts. In Punkto Entspannung brachten sie zurzeit einfach mehr als ein Gebet. Auch wenn es mir schwerfiel das einzugestehen, aber irgendwie war hier mein Kontakt zu Gott... gestört.

Ich wusste nicht, wie ich es anders ausdrücken sollte, aber ich fühlte mich ihm hier nicht so nah, wie ich es zuhause gewohnt war, selbst wenn ich in der Kirche war. Irgendwie spürte ich natürlich seine Präsenz, seine Macht, aber wenn ich die Menschen und ihre Schicksale um mich herum betrachtete, fragte ich mich manchmal, wo da Gott gewesen war. Warum er nichts für diese Leute tat. Für Bella zum Beispiel. Oder für Jake.

Sicher, es waren größtenteils Ungläubige. Menschen, die sich von der Kirche abgewandt hatten, aber sollten vor Gottes Augen denn nicht alle gleich sein? War nicht jeder Mensch eins seiner Schäfchen, egal an was oder wen er glaubte? Galt es nicht als oberste Pflicht des Allmächtigen, sich auch und gerade um solche verlorenen Menschen zu kümmern? Und waren es nicht angeblich gerade die verlorenen Schafe, die ihm besonders wichtig waren? Wo war er jetzt, hier?

Vor Gottes Augen waren doch alle gleich... hieß es so schön, aber manchmal wurde ich den Eindruck nicht los, dass auch er oft einfach die Augen davor verschloss.

Trotzdem ließ ich mich nicht beirren, tankte auch weiterhin meine Kraft im täglichen Gebet und führte Zwiegespräche mit ihm. Denn auch wenn ich ihn hier nicht so deutlich spürte, wusste ich doch genau, dass er doch da war.

Wie immer saß ich auf dem Paletten Stapel im Hof, lehnte meinen Kopf zurück und schloss etwas entspannter die Augen. Ich war erst eine knappe Viertelstunde hier draußen und rauchte bereits meine vierte Zigarette, aber so langsam zeigten sie Wirkung.

„Du weißt aber schon, dass das echt ungesund ist?“, sprach mich plötzlich jemand von der Seite an und ich zuckte erschrocken zusammen.

Reflexartig rutsche ich weg und öffnete schnell meine Augen.

Neben dem Paletten Stapel stand, eine Zigarette in der Hand und breit grinsend, Chris.

„Das kann ich nur zurückgeben“, murmelte ich ertappt und drückte schnell die Kippe aus. Was wollte der bloß hier? Konnte er nicht, wie jeder andere auch, draußen vor dem Club rauchen?

Er lachte kurz auf. „Ehrlich, ich hatte es ernsthaft mit Schokolade probiert“, grinsend strich er über seinen Bauch, „aber wenn man ständig mit so einer aktiven Person wie Bella zu tun hat, ist ein Waschbärbauch wirklich sehr unpraktisch.“

Bella... da war sie wieder…

Meine sorgfältig erlangte Ruhe war schlagartig wieder weg und es brodelte in mir. Und ich hatte wieder diese Bilder von ihr im Kopf, die ich doch eigentlich lieber verdrängen wollte. Angestrengt versuchte ich, wenigstens meine Atmung gleichmäßig zu halten. Anscheinend machte ich aber dabei so ein komisches Gesicht, dass Chris mich sofort darauf ansprach.

„Du siehst jetzt ehrlich geschockt aus“, er grinste immer noch, „Hat dir denn bisher noch keiner hier erzählt, dass sie mal meine war?“

Eigentlich hasste ich es abgrundtief, wenn jemand seinen Partner, oder seine Partnerin, als „seins“ bezeichnete. Es klang dann immer so, als würde derjenige die Person besitzen, als wäre sie eine Art von Eigentum des anderen. Aber bei Chris hatte es einen anderen Klang gehabt. Er war nicht wie Gollum, der das „Mein Schatz“ meist mehr zischte als er es sprach. Bei ihm hatte es einen ganz anderen Unterton gehabt. Irgendwie hatte es fast zärtlich geklungen.

Als angedeutete Antwort wiegte ich den Kopf etwas hin und her. Ich wollte ihn nicht anlügen müssen, wollte ihm aber auch nicht einfach auf die Nase binden, dass ich es schon wusste. Dann würde ich ja erst Recht meinen eigenartigen Blick erklären müssen. Und das wollte ich ganz sicher nicht. Also tat ich lieber so, als ob ich unwissend wäre und hoffte, er würde es mir abkaufen. Und die Chancen dafür waren ja gar nicht mal so schlecht, schließlich wusste er ja kaum was über mich. Vielleicht war ihm nicht einmal bekannt, dass ich mit Emmett und Jasper in einer Wohnung wohnte.

„Das war, bevor dieser Wichser Aro sie sich gekrallt hat. Da war sie mein Mädchen“, sein Gesicht verzog sich, so als würde er eine große Wut unterdrücken, und ich atmete erleichtert auf, da er anscheinend nicht misstrauisch geworden war.

„Und sie wäre es sicher auch heute noch…wenn nicht…“, mit einer schnellen Bewegung, warf er die halb aufgerauchte Zigarette in die Ecke und steckte seine Hände in die Hosentaschen. „Na ja, aber das Leben hat halt oft andere Pläne, als man selber. Frustrierend ist da leider nur, dass man nichts dagegen tun kann.“

Ich entschied mich, auch hierbei weiterhin auf unwissend zu machen und versuchte, einen etwas verwirrten Blick aufzulegen.

„Weißt du, Edward – so heißt du doch, oder?“, ich nickte kurz, „der ganze Laden hier hat mal mir gehört. Früher, vor Aro. Hab ihn persönlich in jahrelanger Arbeit aufgebaut. Aber vorher hab ich auch mal so angefangen wie du, als einfacher Rausschmeißer. Also genau begonnen, hab ich mit dem verticken von Stoff auf der Straße. Irgendwann hab ich dann hier angefangen und hab mich hochgearbeitet, bis ich schließlich alles übernommen hatte. Und es lief eine ganze Weile echt gut, wirklich.“

Sein Blick war nachdenklich in die Ferne gerichtet und für einen Moment schien er in seinen Erinnerungen versunken zu sein. Währenddessen blieb ich einfach ruhig sitzen und wartete darauf, dass er weitersprach. Ich hatte schon des Öfteren die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen mehr von sich verrieten, wenn man sie einfach in Ruhe reden ließ. Ihnen Zeit gab. Bei vielen bewirkte das, dass sie von ganz alleine begannen zu erzählen, sich viel mehr öffneten, als wenn man ständig drängte und nachbohrte.

„Ich habe immer versucht, den Laden halbwegs sauber zu halten“, begann er nach einer Weile wieder, „keine Drogen, keine Prostitution. Nur die Tänzer eben. An Wochenenden auch mal nen Striptease. Natürlich gab es auch damals schon den VIP-Bereich, wo auch ab und an mal der ein oder andere private Tanz ablief, aber ich hab nie zugelassen, dass eines der Mädchen sich dort verkauft hat. Jedenfalls nicht im Laden, was sie allerdings privat machten, war etwas anderes und ging mich nichts an“, er seufzte und zog eine neue Zigarette hervor.

„Und du siehst ja selber, was nun daraus geworden ist“, mit eigenartigem Blick sah er zur Hintertür des Clubs, „ich habe wirklich nie gewollt, dass das so endet, wie es jetzt ist, aber gegen Aro hatte ich keine Chance. Sich mit ihm anlegen, kommt einem Todesurteil gleich. Das solltest du genau bedenken.“

„Was?“, ich sah ihn jetzt wirklich verwirrt an. Was meinte er denn damit? Ahnte er wohl etwas…?

„Du magst Bella“, stellte er trocken fest und zündete sich seine Zigarette an. „Glaub mir, das war nicht zu übersehen. Du frisst ihr förmlich aus der Hand“, er lachte kurz auf, „Oder hättest du im Normalfall sonst jetzt auch ein Tattoo?“

Ich schüttelte den Kopf. Nein, das hätte ich jetzt definitiv nicht, das war ganz alleine auf Bellas Mist gewachsen.

„Na siehst du. Deshalb wird dir auch gar nicht gefallen, was du nachher zu sehen bekommst. Ich kann dir nur den Tipp geben, dich dann extrem zusammenzureißen. Sollte Aro das nämlich spitz bekommen, dass dir das nicht passt, bist du geliefert. Du wärst nicht der erste, der deswegen seinen Kopf verliert.“

„Den Kopf verliert?“, hakte ich vorsichtig nach. Das wollte ich jetzt genauer wissen.

„Beim ersten Treffen, bei dem Aro Bella als seine“, er spie das Wort aus, als sei es eine Beleidigung, „vorstellte, hat einer der anwesenden, kleineren Wichtigtuer wohl gedacht, er dürfe sie einfach so auch mal antatschen. Er hatte nicht mal Zeit es zu bereuen. Aro hat ihm gleich den Kopf weggeschossen. War nicht so schön anzuschauen…das sag ich dir.“

Unwillkürlich zuckte ich zusammen. Dieser Aro schien wirklich unberechenbar zu sein. Das musste ich mir merken.

„Aber du wirst dich wohl auch schon so ein wenig vor ihm in Acht nehmen müssen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er steht nämlich auf große, schlanke Männer.“, jetzt grinste er wieder.

Kaum hatte er das angedeutet, verschluckte ich mich fast an meinem eigenen Speichel. Mir war zwar bekannt, dass Aro eigentlich schwul war, aber ich hatte keine Sekunde daran gedacht, dass ich deswegen Probleme bekommen könnte. Dass er vielleicht sogar auf mich stehen könnte…

Allein der Gedanke daran, war schon Grund genug mich zu schütteln. Was sollte ich denn dann bitte nur tun? Wenn er vielleicht sogar versuchte, mich anzufassen. Konnte ich dann nein sagen, ohne zu riskieren, dass ich dafür bestraft wurde?

Seufzend rieb ich mir mit beiden Händen über das Gesicht. Dieser Auftrag verlangte so langsam wirklich alles von mir. Aber das hatte ich mir ja auch so gewünscht. Richtig gefordert werden und nicht nur im Büro versauern. Dass es dann so enden würde, hatte ich vorher ja nicht ahnen können. Aber Fakt war, wenn ich das hier heil und erfolgreich überlebte, dann würde ich danach wirklich alles andere problemlos meistern können. Es gäbe in Zukunft vermutlich nicht eine Situation, mit der ich dann nicht klarkommen würde.

„Aber das wusstest du doch wenigstens, oder? Dass Aro schwul ist und Bella nur als Alibifreundin benutzt?“, fragte Chris nach einem kurzen Moment des Schweigens.

„Äh ja“, antwortete ich abwesend, denn ich war jetzt gerade viel zu sehr in meinen Gedanken versunken. Und ohne groß weiter darüber nachzudenken, fragte ich das, was mir wohl im Moment am meisten auf der Seele brannte. „Liebst du Bella eigentlich?“

Einen Moment lang sah er mich verdutzt an, ehe er seine Kippe fallen ließ und mit dem Schuh austrat.

„Natürlich“, antwortete er schlicht und mir schnürte sich der Hals zusammen.







Sonntag, 2. Oktober 2011

L³ - 7 - loosing control

L-7 loosing control

Ein paar Tage später startete unser Ausflug in das Tattoostudio.
Jasper und Emmett freuten sich schon vorher wie zwei kleine Kinder darauf. Ich erwartete fast, dass sie sich dazu dann auch Rucksäcke mit Verpflegung und eine Picknickdecke einpackten. Die zwei benahmen sich wirklich wie kleine Kinder, die auf den Weihnachtsmann warteten.

Auch verstand ich nicht, warum wir alle dahin mitkommen mussten, nur weil Emmett sich tätowieren lassen wollte. Er würde ja sicher niemanden zum Händchen halten brauchen. Wobei... er hatte eine sehr sensible Seite, da konnte man sich deshalb nicht wirklich hundertprozentig sicher sein. Als er sich zum Beispiel vor ein paar Tagen an einer Scherbe geschnitten hatte, war daraus auch ein halbes Drama geworden. Letztendlich hatte Jasper ihm tatsächlich ein Pflaster mit Dinosauriern auf die Wunde kleben müssen, damit er endlich Ruhe gab.

Aber es war eh unser gemeinsamer, freier Tag und ich hatte nichts Besseres zu tun. Außerdem war es immer lustig mit den Beiden. Also war ich dabei.

Und die Sonne meinte es dann auch gut mit uns. Die Temperatur hatte mittlerweile tatsächlich die Grenze zum Sommer geknackt. Aus diesem Grund entschied ich mich nur für eine Jeans und ein Muskelshirt. Zusammen mit den zwei fröhlichen Gesellen lief ich dann die Treppe herunter und erstarrte, als ich einen metallicblauen GTR erblickte, der am Bordstein parkte.

Bella lehnte lässig dagegen. Und sie sah wieder mal bildschön aus. Sie trug ein dunkelblaues Minikleid, das ihre helle Haut wie weiße Creme aussehen ließ. Unwillkürlich musste ich schlucken. Würde sie etwa auch mitkommen?

Seit unserem Kuss am letzten Wochenende, hatte ich erfolgreich ein Aufeinandertreffen mit ihr vermieden. Und jetzt? Konnte ich wohl nicht mehr ausweichen. Wenn ich jetzt doch noch einen Rückzieher machen würde, wäre Jasper und Emmett doch sofort klar, dass da was im Gange sein musste. Nein, diese Blöße durfte ich mir nicht geben. Ich musste das jetzt irgendwie überstehen. Auch wenn ich dazu mit Sicherheit Gottes Beistand brauchen würde.

Trotz des Gesprächs mit Pater Banner vor ein paar Tagen, war ich immer noch verwirrt über meine neuartigen Gefühle. Auch jetzt noch begann mein Herz schneller zu schlagen, und ich meinte förmlich ihre Süße zu schmecken. Die Erinnerung an den Kuss, ihre weichen Lippen, ihre Zunge, überrollten mich erneut völlig unvorbereitet und ich stöhnte genervt auf. Warum hatte sie nur solche Macht über mich? Dabei hatte sie jetzt noch nicht mal etwas getan, sondern stand einfach nur grinsend am Auto.
„Na, Großer“, begrüßte sie Emmett und küsste ihn flüchtig „Bereit?“

„Mehr als nur bereit“, erwiderte er lachend, nahm sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum. „Und ich kann dich wirklich nicht dazu überreden, Dir auch was stechen zu lassen? Nur so was Klitzekleines? Jazzi sagt, es tut gar nicht so doll weh!“ Er hatte sie wieder abgesetzt und legte einen Arm um ihre Schulter. „Und bei Jake warst du doch auch mit dabei. Du kennst die Jungs also besser als ich.“ Er kicherte beim letzten Satz und irgendwie bekam ich den Eindruck, dass da mehr dahinter steckte, als mir lieb war.

Bella rollte mit den Augen und löste sich von ihm, um Jasper zu begrüßen. „Du weißt, dass es nicht geht. Aro würde mir den Kopf abreißen.“

Dann trat sie auch auf mich zu. Ich starrte sie einfach nur an, völlig unfähig mich zu rühren. Sie schob ihre Sonnenbrille in die Haare und ich verlor mich sofort wieder in ihren Augen. „Hey, Edward“ säuselte sie und es klang wie Musik in meinen Ohren. Dann zog sie meinen Kopf einfach zu sich herunter und küsste mich wieder. Allerdings nicht nur so kurz wie bei den anderen, sondern deutlich länger und intensiver.

Und ich ließ es einfach geschehen. Ich war viel zu überrascht, als dass ich irgendetwas hätte tun können. Mich wehren zum Beispiel. Oder einen Schritt zurück treten. Stattdessen stand ich einfach nur da, wie ein Idiot, und ließ es über mich ergehen. Wobei das der falsche Ausdruck war, denn ich genoss das Gefühl ihrer sanften Lippen auf meinen. Wieder mal.

„Ich habe den Eindruck, Du hältst dich von mir fern, Süßer“ murmelte Bella, als sie sich wieder von mir löste. Dann grinste sie teuflisch. „Aber du wirst mir nicht entkommen“, setzte sie leise hinzu, ehe sie sich umdrehte und lässig zum Wagen spazierte.
„Hey, wieso küsst du Edward länger als mich?“ maulte Emmett, als sie an ihm vorbei lief. Jasper blickte zu mir und zog fragend eine Augenbraue hoch, was ich mit einem Schulterzucken quittierte.

„Weil ER seine Zunge nicht in alles steckt, was weiblich ist und zwei lange Beine hat“, erwiderte Bella und lief zur Fahrertür. „Das mach ich doch gar nicht“, jammerte Emmett weiter. „Ich will meine Zunge höchstens …“

„Ich weiß gut genug, in wen du deine Zunge und diverse andere Körperteile stecken willst! Und jetzt steig endlich ein, sonst kommen wir noch zu spät zu deinem Termin!“, unterbrach Bella ihn lachend.

Grummelnd folgte er ihrer Anweisung und Jasper folgte ihm kichernd auf den Rücksitz. Ich nahm, mit gesengtem Blick und betend, nicht rot zu werden, auf dem Beifahrersitz Platz. An die Art, wie sie über eine solche intime Sache wie Sex redeten, würde ich mich wohl nie gewöhnen. Eigentlich versuchte ich bisher immer, solches Gerede einfach auszublenden. Außer bei Bella. Was ja nicht anders zu erwarten war.

Ihr Fahrstil am Tage war noch rasanter als nachts. In meiner Erinnerung waren zwar nur noch Fetzen von der Fahrt vorhanden, aber das hier konnte sie unmöglich auch nachts durchgezogen haben.

Ich kam mir vor, wie in einem Computerspiel. Bella nutzte jede Lücke im Verkehr, sprang von Reihe zu Reihe, wechselte die Fahrbahn oft, natürlich ohne zu blinken, überholte rechts und überfuhr zahlreiche Stoppschilder. Und auch wenn ihre Fahrweise sämtliche Verkehrsregeln missachtete, hatte ich eigenartigerweise keine Angst. Denn sie war eine sehr gute Fahrerin. Es wirkte fast professionell, so als wäre es ihr antrainiert worden. Diese Sicherheit, die sie auch bei den gewagteren Manövern hatte – und davon gab es jede Menge – wies auf Training hin. Sehr ausgiebiges Training. Ich fragte mich nur, wo sie das gelernt hatte und vor allem wofür. Sie konnte also folglich ganz unmöglich nur eine einfache Stripperin sein. Da musste mehr dahinter stecken und ich wusste nicht genau, ob das wirklich gut sein konnte und ob ich das wirklich wissen wollte. Denn undercover war sie mit Sicherheit nicht, also war sie schon mal nicht für die Seite der „Guten“ im Einsatz.

Mit quietschenden Reifen hielt Bella plötzlich halb schräg vor einem Laden. Die Scheiben waren allesamt blickdicht, bis auf die Buchstaben „D“ „M“ „C“, die als Lochmuster in der Folie waren und den Blick ins Innere frei gaben. Wir waren gerade dabei auszusteigen, als plötzlich ein kräftiger Typ, der nicht gerade ungefährlich aussah, aus der Tür des Studios kam und direkt auf Bella zu stürmte. Fast automatisch ging mein Griff an die Hüfte, doch da war nichts. Und Bella reagierte auch nicht so, wie ich es erwartet hatte, denn sie war innerhalb weniger Sekunden abgeschnallt und aus dem Wagen.

„Hey Süße“, rief der fremde Typ laut und breitete einladend seine Arme aus. Bella sprang ihn daraufhin förmlich an, ihre Beine schlangen sich dabei um seine Hüfte, während sie ihn auf die Wange küsste. So umklammert trug er sie lachend in den Laden. „He, Edward…komm“, schubste Jasper mich an der Schulter und riss mich damit aus meiner Starre. „Sonst kommt Em nie zu seinem Tattoo“. Schnell löste ich den Gurt und stieg ebenfalls aus.

„Müssen wir nicht noch das Auto abschließen?“, rief ich Emmett und Jasper hinterher, als die sich schon in Richtung des Studios begaben.

„Nö“, kam es von Jasper, „Keine Sorge, da geht keiner ran. Und nun komm endlich!“

Hinter den Beiden betrat ich das Studio. Es war nicht sehr groß, aber dafür sehr exklusiv eingerichtet. Bella saß mittlerweile auf einer Art Tresen und baumelte fröhlich mit den Beinen in der Luft. Hinter ihr stand der Typ von draußen und hatte seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt, während seine Hände sich rechts und links neben ihr abstützten. Ein merkwürdiges Gefühl durchfuhr mich, als ich die Beiden so sah. Als ob sich mein Magen verknoten würde. Schräg vor ihnen standen zwei schmalerer Typen in ziemlich merkwürdigen, bunten Klamotten. Sie begrüßten uns herzlich. Der Blonde, der sich als Dom vorgestellt hatte, wollte sich direkt um Emmett kümmern und setzte ihn in einen der schwarzen Stühle, die vor der Theke standen. Da das Motiv, ein Portrait von Rosalie, schon vorher abgesprochen war, konnte er gleich mit der Arbeit beginnen. Da sich Jasper in Stuhl neben Emmett fallen ließ, setze ich mich auf den daneben und begutachtete das Geschehen kritisch.

Denn so richtig wusste ich nicht, ob ich das mit dem Tattoo gutheißen sollte. Es war ja immerhin etwas Unvergängliches. Sicherlich konnte man so was heutzutage mit Laser schon entfernen, aber eine Narbe blieb doch immer zurück. Auch war ich mir nicht sicher, wie seine Angebetete darauf reagieren würde. Von heller Begeisterung bis zu Abscheu konnte alles dabei sein. Aber an sich, war das ja nicht mein Problem. Seufzend lehnte ich mich zurück und versuchte nicht auf Bella zu achten, die weiterhin leise kichernd mit dem Typen plauderte. Egal wer das war, sie schien ihn recht gut zu kennen, so vertraut wie die beiden miteinander umgingen.

„Na, auch ein Tattoo?“ fragte mich Dom, während er die Konturen auf Emmett’s Oberarm übertrug. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. „Danke nein, ich…“

„Aber Tattoos sind verdammt sexy“, unterbrach mich Bella, die auf einmal vor mir stand und es sich auch sofort ungefragt auf meinem Schoß bequem machte, obwohl neben mir noch ein Stuhl frei war. Und zu meinem Leidwesen reagierte natürlich ein Teil meines Körpers sofort, vor allem, da sie ihren Hintern nicht still halten konnte und sich im Takt der Musik, die im Hintergrund lief, bewegte.

Am liebsten hätte ich sie sofort wieder von mir runter geschoben, denn ihre unmittelbare Nähe machte mich ganz wuschig. Es war, als würde ich in einen Nebel geraten, der jeden anständigen Gedanken verhinderte. Alles, was ich wahrnahm, war ihr Duft und die Wärme ihres Körpers. Meine Knöchel traten weiß hervor, so sehr verkrampfte ich meine Hände um die Armlehnen des Stuhls. Aber hätte ich es nicht getan, wäre ich sicher in große Versuchung geraten, sie zu berühren.

„Matt“, rief Bella plötzlich, „ihr habt doch bestimmt auch Kreuze oder so als Vorlage.“ Der Angesprochene nickte und fing prompt an, in einem der Ordner zu blättern, während ich überlegte, was sie jetzt wieder vorhatte. Wollte sie sich jetzt etwa auch tätowieren lassen? Vorhin hatte sie doch gesagt, dass sie das wegen Aro nicht tun konnte. Oder kam sie etwa gerade auf die Idee, dass ich mich etwa...? NEIN…

„Was? Von Matt lässt du dich also tätowieren und von mir nicht?“ Der Typ, den sie vorhin so überschwänglich begrüßt hatte, schob schmollend seine Unterlippe vor und ich musterte ihn das erste Mal bewusst. Er war groß und ziemlich breit gebaut. Seine Kleidung war komplett schwarz und auf seinen Unterarmen waren Konturen von verschiedenen Tätowierungen zu erkennen. An sich sah er genau so aus, wie man sich einen typischen Kriminellen vorstellte.

„Chris“, kam es nun lachend von Bella, „ICH lass mich ja auch gar nicht tätowieren, aber wenn, dann würde ich es natürlich nur von dir machen lassen. Versprochen. Das Kreuz ist für ihn.“ Sie zeigte lässig mit dem Daumen auf mich.

Wie bitte? Also doch…

„Aber …nein…ich…“, fing ich sofort an zu protestieren, wurde allerdings von Bellas Fingern gestoppt, die sich auf meine Lippen legten.

„Keine Widerrede. Glaub mir, das wird heiß, Edward“, schnurrte sie fast.

„Ich kann das aber nicht tun…“, murmelte ich gegen ihre Finger. Wie sollte ich so etwas später meiner Familie erklären? Meine Mutter und Victoria hatten ja noch nicht einmal durchstochene Ohrläppchen. „Bitte…“, hauchte Bella in mein Ohr und ihre Fingerspitzen glitten dabei sanft über meine Wange. „Das wird bestimmt ganz toll. Es wird wahnsinnig sexy aussehen…“
Sie drehte sich herum, so dass sie rittlings auf meinem Schoß saß. Ich verkniff mir nur mit Mühe ein Stöhnen, während ich Jasper und Emmett hinter uns kichern hörte. „Es geht nicht! Wirklich…“, versuchte ich mich herauszureden. Ihre Finger glitten weiter über meinen Hals und meine Brust. Die Gefühle, die sie damit bei mir erzeugte, waren alles andere als angemessen und ich versuchte krampfhaft, sie zu verdrängen. „Bitte“, flehte sie förmlich und sah mich schräg von unten durch ihre dichten, dunklen Wimpern an.

„Verdammt“, fluchte Emmett neben mir. „Mich hast du nie so angebettelt!“

„Tja, Em“, kam es kichernd von Jasper. „Du musst dich wohl oder übel damit abfinden, dass sie Edward mehr mag als dich.“

Emmett grummelte noch etwas Unverständliches, hielt dann aber wieder den Mund. Während ich die ganze Zeit einfach nur hoffte, dass sich Bellas Tätowierungs-Pläne für mich einfach nur als Scherz entpuppen würden. Denn ich war mir absolut nicht sicher, ob ich überhaupt zu einem „nein“ fähig war. Jedenfalls nicht, solange Bella so auf mir saß.

Bellas linker Zeigefinger glitt langsam weiter an mir hinab. „Und ich weiß auch die perfekte Stelle, wo es wirklich keiner sieht.“ Sie rutschte abrupt ein Stück zurück, öffnete mit einer schnellen, geübten Bewegung meine Hose und strich langsam mit dem Finger über meine Leiste. Ich war viel zu perplex, um überhaupt reagieren zu können.

„Biiiiiitte…hier sieht es doch nicht jeder und es sieht sooo sexy aus.“ Ich konnte nichts anderes tun, als sie wie ein hypnotisiertes Karnickel anzustarren. Außerdem vergrößerten ihre zärtlichen Berührungen das Problem in meiner Hose immens. Und jetzt, wo kein geschlossener Reißverschluss mehr den Weg versperrte, war es natürlich auch deutlich sichtbar. Und Bellas zufriedenem Grinsen nach zu urteilen, auch nicht unbemerkt. Wie unsagbar peinlich mir das war, und doch fühlten sich ihre Finger auf meiner Haut viel zu gut an. Zum Glück kam dieser Matt jetzt direkt, mit einem Blatt Papier in der Hand, auf uns zu. Bella zog ihre Hand zurück und drehte sich ein wenig herum, um sich anzuschauen, was er als Motiv vorschlug. Auf dem Blatt war eine Schwarz- Weiß- Zeichnung eines Kreuzes zu sehen, um das ein Rosenkranz hing. Und ich musste zugeben, dass es wirklich gut aussah, aber...

„Bella“, erinnerte ich sie „Ich habe aber noch nicht ja gesagt.“

„Aber es gefällt dir doch!“, entgegnete sie.

„Jaaaa… aber …“ seufzte ich. „Na also“, sie drehte sich wieder zu mir um und sah mir tief in die Augen. „Biiiiiiiitte!“

„Okay, aber nur unter einer Bedingung“, entgegnete ich und sie sah mich erstaunt an.

„Und die wäre…?“, sie runzelte verwirrt die Stirn.

„Du bekommst auch eins.“ Ich wusste, darauf konnte sie nicht eingehen. Die Aussage mit Aro vorhin, schien wirklich ernst gemeint zu sein. Und sie trug ja nicht mal Ohrringe. Wenigstens in manchen Dingen war ihr Körper noch jungfräulich und makellos. Und sollte es nach Aros Willen wohl auch bleiben. Wobei ich nicht verstand, welches Interesse er an einer kleinen Stripperin hatte.

Doch ich hatte mich getäuscht.

„Okay“, erwiderte sie zu meiner Verblüffung und erhob sich.
„Matt, du kannst bei ihm loslegen. Und Chris, ich brauche irgendetwas Kleines, was man nicht gleich sieht“, sie schaute grinsend in die Runde.

Oh je, jetzt hatte ich mich selbst festgenagelt. Mit offenem Mund sah ich zu, wie sie zu dem Typen rüber lief und eifrig begann, mit ihm in einem Katalog zu blättern.

„Na, dann wollen wir dich mal rasieren“, hörte ich Matts Stimme neben mir und bekam nur am Rande mit, wie er meine Leiste freilegte und dann von störenden Härchen befreite. Emmett neben mir murmelte etwas von „unfair“ in seinen nicht vorhandenen Bart, aber ich war viel zu perplex, um darauf zu reagieren. Denn ich verstand es nicht. Sie hatte einfach so zugestimmt, obwohl es ihr eine Menge Ärger einbringen würde. Höchst wahrscheinlich jedenfalls.

Aber wieso tat sie das? Wieso war ihr das so wichtig? Sie würde mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Ihre Reaktionen waren fast nie so, wie ich sie erwartete. Was mich ziemlich frustrierte. Irgendwie dachte ich in diesem Moment auch gar nicht wirklich darüber nach, welche Konsequenzen so ein Tattoo für mich haben würde. Ich war viel zu perplex.

Als Matt das Motiv bei mir fertig übertragen und dann schon mit der Kontur begonnen hatte, kam Bella endlich zurück und setzte sich in den freien Stuhl neben mir. Dieser Chris folgte ihr mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Was mir gar nicht gefiel. Überhaupt gar nicht. Irgendetwas an ihm störte mich extrem.

„So“, sagte er süffisant und stützte seine Arme links und rechts neben Bella auf dem Stuhl ab. „Wo willst du es denn hin haben?“
„Na irgendwo hin, wo man es nicht gleich sieht. Auch wenn ich beim Tanzen fast nichts anhabe…“, erwiderte Bella nachdenklich.
„Mhm“, er nahm die linke Hand vom Stuhl und ließ seinen Finger über ihr Schlüsselbein und ihr nacktes Dekolleté streichen. „Dann scheidet dieser Bereich ja leider aus.“

Als er sie so berührte, bildete sich wieder dieser Knoten in meinem Magen. Ich schaffte es aber auch nicht wirklich, wegzuschauen.

„Ja, leider“, seufzte Bella und leckte sich langsam über die Lippen, während er ihre Beine mit den Knien spreizte, so dass ihr Kleid dabei hoch rutschte und er direkt zwischen ihren bloßen Schenkeln stand.

„Hier wäre es aber möglich“, sein Daumen verschwand unter der Vorderseite ihres Slips und strich sanft darunter hin und her, während er ihr dabei tief in die Augen sah. Bella stöhnte wohlig und schüttelte aber trotzdem den Kopf.

„Nope. Denk dran, manchmal muss ich mich auch ganz ausziehen.“

„Sehr schade“, jammerte er, während er unablässig weiter streichelte.

„Ja, wirklich sehr schade“, seufzte Bella und schloss genießerisch die Augen.

Der Knoten in meinem Bauch wurde immer größer. Wie schon bei Jake wollte ich nicht, dass er sie anfasste. Obwohl das überhaupt keinen Sinn machte. Es ging mich ja schließlich nichts an.

Plötzlich betätigte Bella einen versteckten Hebel an dem Stuhl und die Rückenlehne ruckte nach hinten, so dass er halb auf ihr lag. Er zog seine Hand zurück und positionierte sich so, dass der Reißverschluss seiner Hose genau auf ihren Unterleib drückte.

„Wenn du mich so ablenkst, wird es schwer mich zu konzentrieren“, grinste er und beugte sich vor, um in die Mulde an ihrem Schlüsselbein zu küssen. „So viele schöne Stellen und alle nicht möglich“, seufzte er gegen ihre Haut und leckte die Kontur des Schlüsselbeins nach.

„Okay, Kontur ist drauf. Ich lege jetzt los“, riss mich Matt aus meinen Beobachtungen. Ich nickte ihm halbherzig zu und wand mich dann wieder nach links, absolut unfähig nicht hinzusehen.
In meinem Inneren begann es zu brodeln. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte diesen aufdringlichen Typ von ihr runter gezerrt. Und gegen die nächste Wand geklatscht, um ihm danach eine zu verpassen. Aber warum reagierte ich so heftig darauf? War ich etwa eifersüchtig? Nein, das konnte nicht sein. Sicherlich war es nur eine Art Beschützerinstinkt, weil der Typ, der sie in den Stuhl drückte, fast doppelt so groß und schwer war wie Bella. So musste es sein. Es konnte nicht anders sein.

„Mhm“, Bella zog mit einer eleganten Bewegung ihr eines Bein hoch und legte es auf seiner Schulter ab. „Wie ist das?“
Er schnurrte wie ein Kater, der Katzenminze gefunden hatte. „Viel besser“. Erneut beugte er sich zu ihr herunter und küsste sie diesmal auf den leicht geöffneten Mund. Ich sah, wie seine gepiercte Zunge ihr dabei zärtlich über die Unterlippe strich. In diesem Moment musste ich wirklich an mich halten, um nicht drohend knurrend aufzuspringen. Wenn Matt nicht gerade dabei gewesen wäre, das Motiv zu tätowieren, hätte ich es sicherlich getan.

„Du denkst auch nur ans Pimpern, oder?“, kicherte Bella und biss ihm leicht in seine Unterlippe.

„Bei dir doch immer“, schnurrte er und bekam von Bella eine an den Kopf.

„Ich bezog das aber auf das Tattoo“, sie wackelte mit dem Fuß neben seinem Ohr.

„Oh, das“, er drückte sich wieder etwas hoch und strich mit den Fingern an der Innenseite ihres Schenkel entlang. Dann drehte er den Kopf und küsste ihren Knöchel. „Wäre sicher sehr sexy, aber wenn du nur High Heels trägst, leider ebenfalls sichtbar.“

„Stimmt auffallend“, erwiderte Bella, nahm das Bein wieder herunter und verschränkte dann die Beine über seinem Steißbein.

„Ich glaub, ich weiß aber noch was“, murmelte er, beugte sich vor und strich ihr das Haar zurück. Dann küsste er sich einen Weg von ihrem Hals bis hinter ihr Ohr. Mit jedem einzelnen Kuss stieg mein Verlangen, ihn zu schlagen noch weiter. Wenn ich jetzt eine Waffe gehabt hätte, wäre sie sicher schon entsichert an seinem Kopf gelandet. Aber Gott sei Dank, hatte ich keine bei mir. Ich verstand auch gar nicht, wieso ich so heftig auf die Turtelei der Beiden reagierte.

„Genau hier“, er hob den Kopf wieder an, um sie anzusehen. „Du trägst dein Haar eh meist offen, da fällt das nicht weiter auf. Und wenn wir es dir nicht zu bunt machen, sieht man es auch nicht gleich, selbst wenn du sie mal hochsteckst.“

„Okay“, kam es von Bella und sie drehte sich zu mir. „Was sagst du, Edward? Einverstanden?“

Ich nickte lautlos, unfähig etwas zu sagen. Der Typ grinste mich frech an, ehe er sich Bella wieder zuwandte. „Oh Baby, lass mich dein Stecher sein.“

Selbst ich verstand mittlerweile, dass er das nicht allein auf das Tattoo bezog. Normalerweise würden mich solch obszöne Bemerkungen abstoßen, doch diesmal fachte es meine Wut nur noch mehr an.

„Chris“, sie rollte mit den Augen und knuffte ihn feste gegen die Brust. „Nein, ernsthaft“, er küsste ungerührt ihr Dekolleté, „lass uns nur kurz nach hinten verschwinden. Mit deinem Teil bin ich dann ruck zuck fertig, die anderen brauchen länger.“

Ich hatte eigentlich gehofft, dass irgendjemand der Anwesenden auf seine eindeutige Einladung zum Sex etwas sagen würde, aber ich wurde enttäuscht. Emmett hüstelte zwar etwas, hielt aber wohlweislich seinen Mund.

„Du weißt, dass es nicht geht. Aro würde ausflippen!“, antwortete ihm Bella und verdrehte die Augen.

„Ach, manno“, schmollte er und bewegte sein Becken wieder etwas, was Bella erneut leise aufstöhnen ließ. „Er muss es doch nicht erfahren! Die Jungs hier schweigen wie ein Grab.“

Jetzt schüttelte Bella kichernd den Kopf, tat aber nichts, um sich aus dieser Lage heraus zu bringen. Ich war mittlerweile so weit, dass ich liebend gern seinen Kopf schütteln oder am besten gleich direkt mit Schmackes gegen die Wand schlagen wollte.
„Du bist wirklich süß, aber es geht nicht.“, erwiderte sie grinsend und küsste ihn auf die Nasenspitze.

„Bitte“, bettelte er leise. Ich verdrehte die Augen.

„Nein“, zischte sie. „Denn beim letzten Mal sind wir nur lebend davon gekommen, weil wir beide sturzbetrunken waren. Sonst hätte uns Aro da schon den Kopf abgerissen oder dich kastriert.“

Beim letzten Mal? Hieß das etwa, sie hatte mit dem Kerl schon mal geschlafen?

Ich versuchte standhaft, mir das nicht vorzustellen, aber da die Zwei sich schon halb in eindeutiger Position befanden, war das nahezu unmöglich. Unwillkürlich musste ich schlucken. Der Typ war so breit gebaut und Bella so zart. Irgendwie hatte ich Angst, dass er sie zerquetschen könnte. Oder ihr wehtun.

„War aber trotzdem ein schöner Geburtstag. Der beste sogar“, murmelte er grinsend und küsste ihren Hals.

„War es“, grinste sie. „Bis Aros Leute mich aus deinem Bett geholt haben. Wir hätten gleich zu dir fahren und nicht schon auf der Party anfangen sollen.“

„Aber es war doch ein Geburtstagsgeschenk. Ich hatte sogar eine Schleife um“, wiedersprach er.

„Oh ja, ich erinnere mich. Das hattest Du“, sie legte lachend eine Hand über ihre Augen und schüttelte den Kopf, so als würde sie eine unliebsame Erinnerung abschütteln wollen. „Nach der Nummer in der Küche kann ich mich allerdings an nichts mehr erinnern. Mir ist bis heute unklar, wie wir es genau geschafft haben, deinen Wohnzimmertisch zu zerlegen.“

Bei dieser Erwähnung schoss der Blick von Chris für einen Moment zu mir. Und ich konnte mir nicht helfen, aber aus irgendeinem Grund kam ich dadurch auf die Idee, dass der zerstörte Tisch nichts mit Bella zu tun hatte. Es steckte irgendetwas anderes dahinter. Was er ihr wohlweislich bis heute verschwiegen hatte.

Allerdings verging dieser Moment so schnell, wie er gekommen war. Sein Blick ging zurück zu Bella und er lächelte sie an, auch wenn dieses Lächeln für mich mittlerweile gekünstelt wirkte.
Ungewollt schlichen sich weitere unliebsame Bilder in meinen Kopf. Etwa, wie er auf ihr lag oder sie auf ihm saß. Frustriert schloss ich die Augen, aber auch das half mir da nicht wirklich.
„Ich glaub, dein Kumpel ist sexuell frustriert. Ihr habt doch so viele Mädels im Laden. Ist denn keine dabei, die ihm Erleichterung verschaffen kann?“, tönte er plötzlich in meine Richtung.

„Es ist halt nicht jeder so sexbesessen, wie du und vögelt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, antwortete Bella verteidigend. „Ich hab übrigens gehört, du hast erst letztens eine deiner Kundinnen flachgelegt? Eine verheiratete Frau?“

Ich öffnete meine Augen wieder und sah, wie er entschuldigend mit den Schultern zuckte und irgendwas murmelte, das wie „Mhmm Katja, war nen heißer Feger…“ klang und schelmisch grinste. „Ich hab übrigens bald Geburtstag“, fiel ihm auf einmal ein.

„Das gibt dir auch keinen Freibrief bei mir“, entgegnete Bella und schlug ihm auf die Brust. „Aro kastriert dich trotzdem. OHNE Narkose.“

„Das wäre es wert“, flötete er und Matt schüttelte kichernd den Kopf, während Emmett sich stöhnend die Hand vors Gesicht schlug.

„Dummschwätzer. Schieß los, was wünscht du dir?“, fragte Bella ungerührt.

„Mhm“, er wackelte wieder mit den Hüften und mein Verlangen, ihn eigenhändig zu erwürgen stieg wieder an. „Einen Lapdance?“

„Unter einer Bedingung“, sie tippte ihm auf die Brust und er sah sie mit großen Augen an.

„Kein Betatschen, kein Saugen an meinen Nippeln, kein Küssen“, rasselte sie sofort herunter.

„Okay“, seufzte er tief. „Aber dann mit Happy Ending?“

„Mal gucken, eigentlich hättest du es eher verdient, zu leiden. Und jetzt fang endlich mit dem Tattoo an.“

Grummelnd erhob er sich und Bella legte sich auf die Seite, so dass sie mit dem Gesicht zu mir lag.

„Und nimm die Hand von meinem Hintern“, brüllte sie Chris noch kurz an, der sich auf die Unterlippe biss und ihren entblößten Po streichelte. Dann legte sie ihre Hand an meine Wange und flüsterte „Warum können nicht alle Männer so sein wie du, Edward?“


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Nachdem Bella uns zwei Stunden später nach Hause gebracht hatte, setzten Emmett und ich uns unisono stöhnend auf die Couch.

Ich konnte es immer noch nicht ganz fassen, dass ich mir tatsächlich ein Tattoo hatte verpassen lassen. Irgendwie war es, als würde ich komplett neben mir stehen.

Ich musste wahnsinnig gewesen sein, dem zu zustimmen. Wenn das heraus kommen würde. Die Reaktionen meiner Eltern oder gar die von Victoria, wollte ich mir lieber gar nicht ausmalen. Zuerst wären sie sicher entsetzt und dann später, maßlos enttäuscht. Es war ein Gebot Gottes, sich rein zu halten und nun hatte ich meinen Körper, in gewisser Weise, beschmutzt. Nur gut, dass es wenigstens ein Symbol meines Glaubens war und nicht irgendwelcher Mist.

Und irgendwie gefiel es mir auch. So ein wenig.
Vor allem, wenn ich an Bellas Reaktion dachte, als sie das fertige Werk betrachtet hatte. Sie war vollkommen begeistert gewesen. Und das hatte in mir, ein bisher völlig unbekanntes Stolz-Gefühl ausgelöst, auch wenn das ziemlich irrational war. Aber daran musste ich mich wohl gewöhnen. Mit Bella in meiner Nähe war einfach nichts normal. Da verabschiedete sich bei mir wohl einfach sämtliches rationales Denken.

Und ehrlich gesagt wollte ich im Moment auch nicht über die Konsequenzen meines Handelns nachdenken. Denn im Moment war nur eins wichtig: Das nichts diese gereizte Stelle berührte, denn das war mehr als unangenehm.

Da Emmett den Ärmel seines Shirts hochgerollt hatte, warf ich sämtliche Scham über Bord und öffnete meine Hose und schob den Stoff so zu Seite, so dass die Tätowierung nur noch vom dünnen Stoff meiner Boxershorts bedeckt wurde. Das war definitiv schon besser! Am liebsten hätte ich mir ja zusätzlich einen Beutel Eis in meine Hose gekippt, aber vor den anderen wollte ich auch nicht als totales Weichei dastehen. Es war schon peinlich genug gewesen, dass ich beim Tätowieren manchmal gezuckt hatte, während Emmett und auch Bella es sich kommentarlos geschehen ließen. Wobei ich jawohl mit Abstand die empfindlichste Stelle gewählt hatte. Das war meine einzige Ausrede.

Das Tattoo von Bella war auch wirklich hübsch geworden. Es war winzig, wirklich winzig, so dass ich fast schon rummeckern wollte, aber es war definitiv hübsch. Direkt hinter ihrer Ohrmuschel war nun ein kleiner Schmetterling. Die Farben waren nicht zu grell gewählt, so dass er nicht gleich auffiel, aber er war fantastisch gearbeitet. Eins musste man diesem Chris lassen. Er verstand sein Handwerk. Auch nach ihrer deutlichen Abfuhr, hatte er nicht rumgezickt oder ähnliches, sondern einfach exakt seine Arbeit getan. Allerdings, nicht ohne weiterhin mit ihr zu schäkern. Die beiden schienen sich schon eine ganze Weile zu kennen, so vertraut wie sie miteinander umgingen. Und irgendwie löste der Name Chris bei mir etwas aus. So, als würde da irgendetwas sein, an das ich mich gerade nur nicht erinnern konnte. Was mich verdammt wuschig machte. Ich hasste es, wenn mir irgendwas direkt vor der Nase herumtanzte, ich es aber nicht zu fassen bekam. Es frustrierte mich. Total.

Jasper verschwand in der Küche und kam wenig später mit zwei Gläsern Wasser und Schmerztabletten zurück. „Hier“, er reichte uns beiden je zwei Tabletten. „Emmett, du solltest versuchen, auf dem Rücken zu schlafen, oder auf der anderen Seite. Edward, du solltest auf Sex die nächsten zwei Wochen verzichten. Aber ich schätze mal, das stellt kein Problem für dich dar. Und auf dem Rücken schlafen, wäre vermutlich auch ganz gut.“

„Außer, Bella springt ihn kurzfristig doch noch an“, kicherte Emmett und boxte gegen meinen Oberarm, worauf hin ich zusammenzuckte. „Ich glaube, bei dir würde sie sogar das Risiko eingehen. Irgendwie hat sie ein Auge auf dich geworfen, nimm dich also lieber in Acht. Und Chris hat sie ja heute ganz schön auflaufen lassen. Ich glaube, damit hat er nicht gerechnet. Sonst bekommt er jede rum. Und Bella sowieso.“

Jasper nickte. „Ich glaube, ihr hat das Palaver vom letzten Mal gereicht. Aro war ziemlich sauer. Mehr auf ihn, aber sie hat sich auch was...ähm... anhören dürfen und du weißt, sie mag Chris wirklich. Wenn Aro ihn deswegen einen Kopf kürzer gemacht hätte, hätte sie sich das niemals verziehen.“ Irgendwas an seinem Tonfall ließ mich stutzig werden. Meine Instinkte waren sofort auf Alarmbereitschaft. Jasper verschwieg etwas. Etwas Wichtiges. Und genau das musste ich herausfinden. Vielleicht würde mich das einen großen Schritt weiter bringen.

„Yeah“, seufzte Emmett, „Bella hat ein viel zu gutes Herz! Tanja hätte nicht nein gesagt, egal was ihm dann für Konsequenzen blühen würden. Und ihr. Auch wenn sie nicht eine große so Rolle spielt, Aro würde bei ihr nicht so milde sein, wie bei Bella.“
Nicht eine große so Rolle? Was meinte er denn damit? Und wie konnte ich ihm das entlocken, ohne mich dabei zu enttarnen oder mein gesteigertes Interesse an Bella deutlich zu machen? Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren und innerhalb von Sekunden legte ich mir eine Taktik zurecht, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob sie funktionieren würde. Aber auf einen Versuch kam es an.

„Kennt Bella diesen Chris eigentlich von früher?“ fragte ich, ohne allzu neugierig zu klingen. Eher ein wenig gelangweilt, aber Emmett konnte ich nicht täuschen.

„Na, Eddi“, er schubste mich mit seiner gesunden Schulter, „Stehst wohl doch auf das Prinzesschen, was? Aber lass lieber die Finger davon, sonst verbrennst du dich“, er strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Jasper grinste bloß. „Lass ihn, Em. Vermutlich gibt es dort, wo er herkommt, keine so hübschen Frauen. Und Bella ist eh einmalig. Die wenigsten Kerle, die ich kenne, würden zu ihr nein sagen.“
Emmett beugte sich vertraulich zu mir und flüsterte: „Wenn du was Genaues wissen willst, frag den Knacker Jazzi da drüben. Als ich herkam, war Bella schon da. Aber er kennt sie von Anfang an. Außerdem ist er ziemlich neugierig. Er weiß immer alles über jeden. Typisch Barmann eben…“

„Emmett“, Jasper verdrehte die Augen, setzte sich aber dann und sah neugierig zu mir rüber. „Also, was genau willst du wissen?“
„Alles!“, erwiderte mein Nebenmann an meiner statt und verschränkte die Arme wartend vor der Brust. Fluchte dann aber leise, da er mit dem frischen Tatoo dabei gegen meinen Arm gekommen war. „Ich kenne nämlich die komplette Geschichte auch noch nicht.“

„Edward?“, hakte Jasper nach.

„Ich glaube, das wäre okay“, antwortete ich. Innerlich bebte ich schier vor Neugier, versuchte aber, es mir nicht anmerken zu lassen. Denn natürlich wollte ich gern alles über Bella wissen, und das leider nicht nur aus rein beruflichen Interessen. Und zu Recht hatte ich auch eine Heidenangst, was wohl bei rauskommen würde. Was, wenn sie doch tiefer drinsteckte, als ich es bisher angenommen hatte? Wie sollte ich es dann bloß schaffen, sie wieder auf den rechten Weg zu führen? Gott hatte mir hier wahrlich keine leichte Aufgabe gegeben, aber seine Wege waren ja bekanntermaßen unergründlich. Und es musste einfach einen Grund für mein Hiersein und mein Aufeinandertreffen mit Bella geben. Ganz abgesehen von dem Undercover-Einsatz. Auf irgendeine Weise waren unsere Schicksalsstränge miteinander verknüpft worden. War mein weiterer Weg von ihrem abhängig. Leider musste ich zugeben, dass sie meinen Weg im Moment eher negativ beeinflusst hatte. Gut, das Tattoo ließ sich sicherlich verbergen, aber eigentlich war es ein Zeichen meiner Schwäche.

Vielleicht war es aber auch als genau dieses gedacht. Ein Zeichen. Ein Mahnmal, was mich daran erinnern sollte, stark zu bleiben und zu widerstehen.

Unverhohlen sah ich Jasper an. Ich wollte unbedingt wissen, was es mit ihr auf sich hatte. Vielleicht würde ich sie dann besser verstehen können.

„Nun“, Jasper holte tief Luft. „Ich habe Chris kennengelernt, als ich mir vor Jahren mein Tattoo stechen ließ“, er schlug sich auf sein rechtes Schulterblatt. An einem der ersten Tage hier, hatte ich seine Tätowierung bereits gesehen. Es war eine Hommage an seine Heimat Texas: Ein Cowboy zu Pferd, ein Rind und im Hintergrund die texanische Flagge. Es sah wirklich beeindruckend aus. Und es wirkte fast wie ein Foto. Dieser Chris und seine Leute schienen ihr Handwerk echt zu verstehen. Gespannt hörte ich weiter zu.

„Ich war damals neu in der Stadt und ein Kommilitone hatte mir das Studio wärmstens empfohlen. Wir kamen dabei etwas ins Plaudern und ich erzählte ihm, dass ich dringend einen Job suchte. Und so bin ich hier gelandet“, er machte eine ausschweifende Geste mit den Händen.

Ich verstand zwar nicht, was das jetzt mit Bella zu tun hatte, fand es aber trotzdem gut, zu erfahren, wie er hier hinein geraten war. So in etwa hatte ich es mir auch vorgestellt. Er brauchte natürlich Geld, um sein Studium zu finanzieren. Und was bot sich da besser an, als abends in einer Bar zu arbeiten? Das kreuzte sich zeitlich wenigstens nicht mit den Vorlesungen. Aber was hatte das Studio denn mit dem Laden hier zu tun? Gehörte es etwa auch Aro?

„Damals war ich 19. Zu meiner Entschuldigung. Ich hab tatsächlich geglaubt, das wäre ein anständiger Laden. War es aber zu dem Zeitpunkt auch noch, jedenfalls wochentags. Als ich dann, an meinem ersten Wochenenddienst, hier meinen ersten Strip gesehen habe, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf“, Jasper schüttelte lachend den Kopf.

Emmett kicherte leise. „Waren es etwa Stefan und Vladimir?“

„Nein, Gott sei Dank nicht, sonst wäre ich wohl schreiend davon gelaufen. Damals gab es so was wie sie hier nicht. Jedenfalls so lange Chris noch den Club leitete. Aro hat das erst später eingeführt, als er hier Teilhaber wurde. Und seitdem läuft einiges anders, das kann ich euch sagen…“

Ok, jetzt kamen wir der Sache schon näher. Dieser Chris und Aro waren also mal Geschäftspartner gewesen? Dann war er also ganz gewiss kein einfacher Tätowierer. Aber warum hatte er Aro den Laden dann ganz überlassen? Der war doch eine wahre Goldgrube. War es vielleicht eher so, dass Aro ihn sich einverleibt hatte? Eine feindliche Übernahme sozusagen. Bei den Kämpfen um die Monopolstellungen gab es in diesem Gewerbe öfter mal solche „Besitzerwechsel“. Und dabei endete der alte Geschäftsinhaber nicht selten auf den Seziertischen im örtlichen Leichenhaus. Aber dem war dieser Chris wohl so gerade entgangen. Wobei er den Laden definitiv an Aro verloren hatte. Und das nicht gerade auf die freundliche Tour.

„So ein wenig neidisch war ich am Anfang schon auf Chris, denn er hatte immer die hübschesten Mädels dabei. Ich war ein ziemlich hormongesteuerter Kerl in dem Alter, konnte nie genug bekommen, hatte aber weniger Glück bei den Frauen als er“, lachte Jasper. „Und irgendwann brachte er dann Bella mit.“

Chris hatte Bella also hierher mitgebracht? Ob er wohl da schon geahnt hatte, was er ihr damit auf Dauer antun würde? Dass sie in diesem Gewerbe quasi hängen bleiben würde? Aber sie hatte mir doch neulich erzählt, dass sie mit Jake auf der Straße gelebt hatte, bevor sie hier anfing. Wie kam sie da bitte zu Chris?

„Sie fing dann hier als Tänzerin an, um sich ein wenig dazu zu verdienen. Das Strippen kam erst später hinzu. Ich war damals schon fast drei Jahre hier und ich hatte trotzdem noch nie jemanden so ausdrucksstark tanzen sehen, wie Bella. Sie war da gerade mal 18, aber trotzdem riss sie die Leute reihenweise vom Hocker. Ihre Bewegungen waren einfach... ach, aber das wisst ihr ja selber. Sie ist halt eine Göttin auf der Tanzfläche.“

„Wie lange ist das jetzt her?“ fragte ich nach.

„Fünf Jahre“, kam es von Jasper.

Fünf Jahre! Und das in diesem Milieu. Dann war sie jetzt also 23. Genauso, wie ich es geschätzt hatte... und trotzdem noch viel zu jung...

„Ehrlich! Ich sage euch, beim ersten Mal stand ich da wie ein Depp und starrte sie mit offenem Mund an. So, als ob ich vorher noch nie ein weibliches Wesen gesehen hatte“, fuhr Jasper lachend fort. Bei der Vorstellung dran musste ich jetzt sogar schmunzeln.

„Den dir Chris aber vermutlich schnell wieder geschlossen hat, oder?“ warf Emmett ein
.
„Oh ja“, nickte Jasper. „Er stand plötzlich neben mir und flüsterte mir ins Ohr, dass ich es ja nie wagen sollte, sie auch nur anzufassen.“

„Warum denn das?“, fragte ich, ohne nachzudenken. Ich hatte jetzt gar nicht mehr genau zugehört und war in Gedanken schon wieder dabei, all die losen Informationsfäden zu verknüpfen.

„Na, weil sie sein Mädchen war. Ist doch logisch…“, brummte es neben mir. „Und er obendrein verdammt besitzergreifend ist.“

„Sein Mädchen?“, wiederholte ich perplex. Plötzlich war ich hellwach. „Heißt das … heißt das etwa...dass sie…?“

„Willst du jetzt ehrlich fragen, ob sie mal miteinander Sex gehabt haben? Das war doch mehr als offensichtlich. Wo hast du denn deine Augen gehabt?“, grinste Emmett mich frech an und meine Gesichtsfarbe wechselte langsam ins rötliche. Ich spürte förmlich, wie meine Ohren rot anliefen. „Ähm... na ja…also…es geht mich ja eigentlich nichts an…“, stotterte ich vor mich hin. Man Edward, ermahnte ich mich gedanklich dabei. Erst denken, dann reden. Schalt doch mal dein Gehirn ein…wie sonst auch.

„Klar! Sie war sein Betthäschen, Freudenspender, Freundin. Nenn es, wie du willst“, kam es trocken von Jasper. „Fakt war, nur er durfte sie anfassen und vögeln.“

Sie war also mal fest mit ihm zusammen gewesen? Jetzt war ich total baff.

„Aber er ist doch bestimmt zehn Jahre älter als sie“, gab ich verwirrt von mir. Wieso war ein so junges Mädchen, mit einem so viel älteren Mann zusammen? Und was war mit Jake?

Jasper zog eine Augenbraue hoch „Zehn Jahre sind doch nichts. Ich kenne sechzigjährige Knacker, die mit fünfundzwanzig Jahre alten Mädels poppen. Und ehrlich gesagt, hatte Bella es wirklich gut bei ihm. Sonst wechselte Chris alle paar Wochen seine Freundin. Glaub mir, dass war manchmal nicht lustig für uns, wenn er schon eine Neue im Club halb trocken vögelte und die zukünftige Ex reinmarschiert kam, ohne dass sie von ihrem „Glück“ wusste. Er hat da echt nichts anbrennen lassen und war nicht gerade nett zu den Mädels, wenn es für ihn vorbei war. Bella ist da echt die Ausnahme. Mit ihr war er fast drei Jahre zusammen und getrennt haben sie sich auch nicht freiwillig. Ich will jetzt nichts beschönigen, Liebe war da wahrscheinlich nie im Spiel, aber die beiden kamen halt gut klar. Ich kann mich nur wiederholen, sie hatte es gut bei ihm“ Jasper beugte sich vor und nahm einen Schluck aus meinem Wasserglas. Trotzdem hatte ich irgendwie wieder den Eindruck, dass da mehr war, als er uns erzählte. Dass er noch eine entscheidende Information zurück hielt. Da musste ich unbedingt drauf zurückkommen.

„Aber wie haben die beiden sich denn kennen gelernt? Sie hatte ja bis heute keine Tattoos, also scheidet das Studio aus“, hakte ich nach. Jetzt wollte ich es ganz genau wissen.

„Aber Jake ist tätowiert, schon vergessen?“, warf Emmett ein. „Und wo Jake steckt, ist Bella nicht weit. Also jedenfalls meistens.“

Jasper nickte. „Das stimmt. Sie haben sich kennen gelernt, als Jake sich das auf der Schulter hat stechen lassen. Und so wie Matt es mir mal erzählt hat, haben die zwei nichts anbrennen lassen.“

„Du hast Chris ja heute selber erlebt“, ergänzte Emmett. „Wenn er ein Mädel will, dann bekommt er es auch. Meistens jedenfalls. Ausnahmen bestätigen die Regel“, er lachte laut auf. „Man, ich kann es immer noch nicht fassen, dass Bella heute tatsächlich „nein“ gesagt hat. Aro hätte es doch nie erfahren.“

„Hat sie … hat sie“, begann ich stotternd, bekam es aber nicht über die Lippen.

„Ob sie ihm normalerweise die Sachen vom Leib gerissen und ihn an Ort und Stelle gevögelt hätte?“, fragte Emmett kichernd und ich spürte, wie meine Ohren erneut ganz heiß wurden. „Jepp. Liegt im Bereich des Möglichen. Sehr wahrscheinlich sogar. Vor ein paar Wochen waren wir wegen meinem Motiv da. Ich musste das Stechen lassen nur zeitlich nach hinten verschieben, weil ich da eine Verletzung am Arm hatte. Bella entschuldigte sich damals ziemlich schnell mit fadenscheinigen Entschuldigungen und war für zwei Stunden verschwunden. Und Chris dann ebenfalls“, er blickte mit hochgezogenen Augenbrauen zu mir. „Und die zwei haben sicher keine Karten gespielt…“

Okay, es nur zu ahnen war schon übel, aber es jetzt und hier bestätigt zu bekommen, dass sie vor relativ kurzer Zeit mit diesem Kerl definitiv was gehabt hatte, gab mir einen Stich. Ich mochte es nicht. Ganz und gar nicht. Vor allem, wenn ich an diesen Typen nur dachte und mir ihre zarte Gestalt im Gegensatz zu seinem massigen Körper, vorstellte.

„Warum ist sie dann denn nicht mehr mit ihm zusammen, wenn sie ja bis heute doch nicht die Finger voneinander lassen können?“, fragte ich verwundert. „Und was hat Aro damit zu tun?“
Ich hatte schon eine Befürchtung, hoffte aber inständig, dass sie sich nicht als wahr entpuppen würde. Denn das konnte einfach nicht sein. Es durfte nicht sein. Nicht Bella.

„Weil sie jetzt Aros Mädchen ist…“, kam es leise von Jasper.

„Wieso Aro‘s Mädchen? Der Typ ist ja viel älter als sie! Wieso macht sie denn nur so was?“, rief ich entsetzt aus.

Ich hatte im Vorfeld Fotos von dem Typen gesehen. Der sah aus, wie eine wandelnde Leiche. Wie konnte sie mit so jemandem zusammen sein? Liebe war da auf keinen Fall im Spiel. Aber hatte Jasper nicht vorhin auch gesagt, sie hätte sich nicht freiwillig von Chris getrennt? Was war da nur vorgefallen?

„Keine Angst, Edward“, mischte sich Emmett jetzt wieder ein. „Mit dem poppt sie ganz bestimmt nicht.“

Verwundert sah ich ihn an. Woher wusste er denn das nun wieder?

„Na, schau nicht so. Der Kerl ist schwul, Edward. Schwuler geht es nicht. Nicht mal bi. Stockschwul eben. Er hasst es sogar, Frauen auch nur anzufassen“, erklärte er mir zufrieden grinsend
.
„Warum hat er dann eine Freundin?“ fragte ich perplex.

„Weil es niemand wissen soll. Dabei weiß es eigentlich jeder. Naja, ein paar sind ein wenig verwirrt, seit Bella da ist“, Emmett hob die Hände. „Und was weiß denn ich, warum er sie haben will. Als Prestigeobjekt vielleicht auch.“

„Verwirrt? Hatte er denn vorher keine andere Alibifreundin?“, entgegnete ich zögerlich. Irgendwie war mir das gerade alles zu hoch. Ich verstand nur Bahnhof.

„Doch…schon“, Jasper kratzte sich am Kinn. „Aber er hat sie nie angefasst. Hat sich davor geekelt oder so.“

„Na toll, und Bella kann er anfassen?“ Bei der Vorstellung schüttelte es mich. Die Hände von diesem ekligen Kerl auf Bellas zarter Haut, das war einfach... widerlich

„Ja leider“, er nickte. „Frag mich nicht warum. Sie hat mal gesagt, sie erinnere ihn wohl an seine Mutter oder so. Jedenfalls darf sie auf seinem Schoß sitzen und er tut dann so, als würde er sie dabei begrabschen. Großes Kino also.“

„Und deswegen hat sie sich von diesem Chris getrennt? Nur zu Showzwecken?“, ich konnte es nicht glauben.

„Nicht ganz. Also nicht ganz freiwillig. Irgendwann ist Aro mal im Club aufgetaucht. Er ließ Chris die Wahl. Mit ihm kooperieren oder untergehen. Das kennst du ja sicher. Und der versuchte dann natürlich, halbwegs gut und vor allem lebend dabei weg zu kommen. Aber vor Aro hatten alle diese „Geschäftsleute“ zu dem Zeitpunkt schon Angst. Der war zwar erste ein paar Monate im Geschäft, mischte aber bereits ganz oben mit. Und hatte sich nebenbei schon den Ruf erworben, skrupellos zu sein. Er ging, im wahrsten Sinne des Wortes, über Leichen. Ich war gerade oben und habe Drinks gemixt, als Bella auf die Bühne kam. Aro wollte dann sofort wissen, wer das ist und sie sofort kennen lernen. Ich glaube, hätte Chris gewusst, was ihm blüht, hätte er sie an dem Abend sicherlich vor ihm versteckt. Als sie schließlich hoch kam, sah Aro sie mit einem ganz merkwürdigen Blick an. Er begrüßte sie direkt mit einem Handkuss, was sie ihn anlächeln ließ.
Nachdem sie sich auf Chris Schoß gesetzt hatte und klar war, dass sie zu ihm gehörte, kam Aro auch gleich mit seiner nächsten Forderung.“

„Und die hieß Bella“, fuhr Emmett seufzend fort. „Ich hatte damals gerade im Club neu angefangen und war mit oben, zur Sicherheit eben. Und du hättest Chris‘ Gesicht sehen sollen. Er wollte Bella natürlich nicht hergeben. Aber Aro ließ ihm keine Wahl. Kein Mädchen, hieß keine Zusammenarbeit. Und keine Zusammenarbeit, hieß übersetzt, Betonfüße und ein Besuch bei den Fischen. Und das wahrscheinlich umgehend…“

Ich schluckte. Ich hatte schon öfter davon gehört, dass Frauen ein Teil von Übereinkünften oder Fusionen sein konnten. Dass sie nicht mehr wert waren, als ein Stück Vieh. Aber zu wissen, dass Bella so ein Tauschobjekt gewesen war … und das auch noch gegen ihren Willen … zerriss mir das Herz. Sicherlich war das einer der Punkt in Bellas Vergangenheit, auf die Pater Banner neulich hingedeutet hatte. Selbst, wenn sie diesen Chris nicht wirklich geliebt hatte, gab es niemandem das Recht, sie gegen ihren Willen zu trennen. In diesem Moment verabscheute ich dieses ganze Milieu mehr denn je. Und es bestärkte meinen Wunsch, diesem Aro endgültig das Handwerk zu legen. Vor allem wäre dann auch Bella wieder frei.

Emmett seufzte. „Es wäre wirklich besser gewesen, Aro hätte Bella nie gesehen. Chris hätte dann irgendwann einen Erben mit ihr gezeugt und die zwei hätten nebeneinander her gelebt, wie ein altes Ehepaar. Selbst, wenn er sich irgendwann eine Neue genommen hätte, wäre sie für immer abgesichert gewesen. Du hättest sehen sollen, wie er mit ihr umgegangen ist. Er hat sie auf Händen getragen. Und für ihn hätte sie niemals strippen müssen.“
„Aber wenn Aro sie eh nur als Alibi-Freundin hat, geht es ihr doch jetzt besser, oder? Sie kann sich dann doch aussuchen, mit wem sie schläft. Irgendwie ist sie dann doch freier, oder?“, fragte ich vorsichtig, auch wenn ich schon den Eindruck hatte, dass es wohl nicht so war.

„Nicht wirklich“, Jasper verzog angewidert das Gesicht. „Aro bestimmt, wer sie wann und wo anfasst. Sie ist SEIN Mädchen und bei ihm heißt das, sein Eigentum. Sie hat ihm aufs Wort zu gehorchen. Wenn sie es nicht tut, muss sie mit einer drastischen Bestrafung rechnen. Schlimmstenfalls mit dem Tod. Und glaube mir, als er vor ein paar Monaten heraus bekommen hatte, dass da an ihrem Geburtstag was mit Chris lief, war das auch für sie kein Zuckerschlecken. Drei Tage lang war sie komplett verschwunden und Chris hatten seine Schläger wirklich übel zugerichtet. Als sie wieder auftauchte, war sie so zu gedröhnt, dass sie sich an nichts mehr erinnern konnte. Ist vielleicht auch besser so.“

„Aber warum versucht er sie dann trotzdem wieder zu verführen, wenn er doch genau weiß, was ihnen dann droht?“, in mir brodelte es. Einmal wegen diesem Aro, der es wagte, einem unschuldigen Mädchen so etwas anzutun. Und dann wegen diesem Chris, der es anscheinend in Kauf nahm, sie immer wieder aufs Neue so zu gefährden.

„Weil er ein sexbesessenes Arschloch ist“, grummelte Emmett. „Und er sich sicher war, dass wir ihn nicht verraten würden. Von den vorherigen Malen weiß Aro ja auch nichts. Gott sei Dank. Sonst könnte sich Chris mittlerweile die Radieschen von unten betrachten.“

„Aber warum geht Bella nicht einfach weg? Oder zur Polizei oder so?“, fragte ich.

„Ich weiß es wirklich nicht“, Jasper zuckte mit den Schultern. „ Aber ich frage mich das auch schon länger. Irgendwas scheint da noch zu sein, aber ich weiß nicht genau was es ist. Denn wenn sie in einen anderen Bundesstaat abhauen würde, wäre sie eigentlich so gut wie sicher. Bis dahin reichen Aros Verbindungen dann doch nicht.“

Irgendwas schien sie hier zu halten, aber was? Jake? Der würde sicher mit ihr gehen. Dieser Chris? Der womöglich auch.

„Glaub mir Edward, irgendwas ist da. Irgendeinen Grund gibt es, warum sie sich das schon so lange antut. Ich meine, das mit Chris war ja relativ okay. Er hat sie von der Straße geholt und so, aber das mit Aro jetzt…“, Jasper seufzte tief.

„Was ist so schlimm an Aro?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Was war da noch?

„Na ja, seit er den Club leitet, ist der Verkauf von Drogen hier rapide angestiegen. Und die Prostitution ebenso“, kam es leise von Emmett.

„Was hat das mit Bella zu tun? Sie strippt doch bloß, oder?“, fragte ich vorsichtig.

Was wollten die beiden mir denn nur damit sagen? Eine dumme Ahnung machte sich in mir breit. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht so genau, ob ich wirklich eine Antwort darauf haben wollte.

„Ok, hast du es immer noch nicht geschnallt? Aro verkauft Bellas Körper“, erwiderte Jasper. „Zwar nur an seine besten Freunde, aber im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass sie für ihn anschaffen muss...“



Das Lied zum Chap Muse mit MK Ultra – Sally pass auf deinen Lautsprecher auf *lach (http://www.youtube.com/watch?v=_d4ZFcMazvg&feature=related)